Mit dem Jobwechsel kamen knapp 5.000 Euro brutto – und die Sprüche der anderen. Ein Ingenieur erzählt, warum er sein Gehalt lieber verschweigt.

Name: Anonym
Alter: 27
Position: Elektronikentwickler
Branche: Industrieelektronik

Vor anderthalb Jahren erhielt ich mein Bachelorzeugnis und schon jetzt bin ich der reiche Onkel, der der Familie meines Bruders in schlechten Zeiten unter die Arme greifen soll. Das hat mein Bruder mir letztens so gesagt. Es war wohl nur ein Spruch, aber derartige Sprüche höre ich in letzter Zeit ständig. Kein Wunder, denn in meinem Bekanntenkreis verdient keiner so viel – ich hätte es vor anderthalb Jahren auch für einen schlechten Scherz gehalten, dass ich heute monatlich fast 5.000 Euro brutto verdiene.

Ich bin Ingenieur, genauer gesagt Elektronikentwickler. Meine Firma stellt Elektronik für Kühlschränke her, unter anderem die Bauteile, die dafür zuständig sind, dass im Kühlschrank immer die richtige Temperatur herrscht. Ich entwickle die Elektronik zusammen mit meinen Kollegen und betreue außerdem die Produktion. Das heißt, erst wenn ich nach meiner Prüfung das Okay gegeben habe, wird die Ware in Stückzahlen von mehreren Zehntausenden produziert und verkauft. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch, dass ich ein großes Problem bekomme, wenn in den Kühlschränken zu Hause auf einmal die Kühlung ausfällt, denn das heißt, dass ich was übersehen habe.

"Mir ist mein Gehalt und der Komfort peinlich"

Deshalb verdiene ich so viel. Netto bleiben fast 3.000 Euro übrig. Das Gehalt ist so hoch, weil mein Unternehmen nach Tarifvertrag bezahlt. Außerdem muss ich nur 38 Stunden die Woche arbeiten und kann kommen und gehen, wann ich will, solange ich die anliegende Arbeit innerhalb der Fristen erledige. Der Nachteil: Mir ist mein Gehalt und der Komfort peinlich.

Das war nicht immer so. Bis vor einigen Wochen war ich bei einem Entwicklungsdienstleister angestellt. Das war mein erster Job nach meinem Studium an einer Fachhochschule. Ich verdiente etwa so viel wie die anderen Bachelorabsolventen. Mit ihnen konnte ich frei über das Gehalt reden. Meine 3.200 Euro brutto im Monat Einstiegsgehalt waren typisch für die Region. Für meine Ex-Kommilitonen waren die Gespräche eine Hilfe, denn im Studium mangelte es an realistischen Einschätzungen, was man nach dem Abschluss so verdient.

Zu der Zeit habe ich auf dem Land gelebt. Es war gut, dass die Firma gleich nebenan war, aber das war es auch mit den Vorzügen. Ich wollte auch mal gut essen gehen können, mit Freunden in Clubs feiern und in der Freizeit etwas anderes machen als lesen oder vorm PC sitzen. Ich wollte weg vom Land und in eine Großstadt ziehen – deshalb habe mir den neuen Job gesucht. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem mir die neue Firma den Arbeitsvertrag vorlegte, hatte ich nicht danach gefragt, wie viel ich verdienen würde.