Marius Dilli ist der erste AfDler in einem Studierendenparlament. Er sagte mal, man müsse mit Gummi auf Flüchtlinge schießen – will aber eigentlich eine grünere Uni.

Eigentlich interessierte sich an der Kassler Uni niemand so richtig für den Neuen von der AfD. In den Sitzungen ist er stumm geblieben, hat keine provozierenden Fragen gestellt, keine Anträge eingereicht. Die Abgeordneten des Studierendenparlaments hätten den ersten und einzigen Abgeordneten der Jungen Alternative (JA) Deutschlands, einfach ignorieren können – wäre da nicht die Sache mit den Gummigeschossen gewesen.

"Man muss ja nicht unbedingt tödlich schießen, es können auch Gummigeschosse sein. Aber man muss klarmachen: Bis hierhin und nicht weiter." Diesen Satz hat Marius gesagt, als eine Journalistin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) ihn und zwei seiner Kollegen der JA nach ihrer Position zur Sicherung der deutschen Grenzen gefragt hat.

Deshalb wird es an diesem Mittwochabend im Oktober im Studierendenparlament der Uni Kassel nun doch um Marius, den JA-Abgeordneten, gehen. 16  Tagesordnungspunkte stehen für die Sitzung auf dem Programm. Es geht um die Wahl des Ältestenrats, das Kulturticket, die Studentenproteste in Spanien. Und bei Punkt 14 steht: Befragung von Marius Dilli (Junge Alternative) zum Artikel vom 15.06.2016 in der FAZ Gegen Studiengebühren, für Gummigeschosse.

Gegen Moscheen demonstrieren, im Parlament schweigen

Marius, 24 Jahre alt, hat seine langen Haare zum Pferdeschwanz gebunden und studiert Geschichte im siebten Semester. Im Juni 2015 hat er zusammen mit ein paar Kommilitonen die Hochschulgruppe Junge Alternative in Kassel gegründet. Etwa zur selben Zeit ist er auch der AfD beigetreten. Davor war er eine kurze Zeit bei den Hochschul-Piraten, doch die gibt es nicht mehr. 

Denkt man an die AfD, fallen einem alte Männer in erdfarbenen Sakkos ein, Frauke Petry, wütende Gesichter und die angeblich Abgehängten. Marius ist anders. Er ist jung und schreit nicht herum. Im Parlament provoziert er nicht, heizt nicht mit Sprüchen die Stimmung an, sondern ist so still als wäre er gar nicht da. Wie kam er zur AfD? Er saß im Seminar zufällig neben Michael Werl, dem stellvertretenden Fraktionssprecher der AfD in Kassel. Der habe ihn schnell überzeugen können. An der AfD gefalle ihm, dass sie euroskeptisch ist und bürgernah, sagt Marius.

"Mir ist der basisdemokratische Gedanke wichtig", sagt Marius, dessen Stimme häufig über solche sperrigen Worte stolpert. Gegen den Moscheebau in Erfurt habe er nur demonstriert, sagt Marius, weil er gehört habe, dass die Mehrheit der Bevölkerung dort dagegen sei. Nicht, weil er persönlich ein Problem damit habe.

Was ist das für einer, der in der Öffentlichkeit gegen den Bau von Moscheen demonstriert und für den Einsatz von Gummigeschossen wirbt, aber auf der Bühne des Studierendenparlaments lieber schweigt?

Ein Interview allein will Marius vermeiden. "Es wird voraussichtlich noch jemand mitkommen", schreibt er im Voraus. Zum Treffen im Stadtcafé kommt daher noch ein Marius. Marius Deuker trägt die langen Haare auch im Zopf, ist 22 Jahre alt und im Kreisverband der Jungen Alternative. Er wolle sich das mal angucken, sagt er und wird immer dann etwas sagen, wenn sich Marius Dilli schwertut, die richtigen Worte zu finden.

Also, Gummigeschosse beiseite: Worum geht es Marius Dilli, dem Hochschulabgeordneten?

Grünere Uni, regionales Fleisch, Ausflüge

"Das klingt jetzt vielleicht komisch, aber vor allem will ich mich dafür einsetzen, dass der Campus schöner wird. Grüner irgendwie." Das ist das Erste, was Marius zum Wahlprogramm der JA einfällt. Und weiter?

Er listet auf: Für mehr regionales Fleisch in der Mensa wolle er sich einsetzen, für den Ausbau des Semestertickets in Richtung Südhessen. Eine bessere Kommunikation zwischen Parlament und Studierenden wünsche er sich.

Moment mal. Spricht hier der Abgeordnete der Grünen Hochschulgruppe oder der JA? Das sollen die Alleinstellungsmerkmale der als radikal bekannten Jugendorganisation der AfD sein?

Auf die Punkte, mit denen die Junge Alternative aneckt, muss man Marius direkt ansprechen. Den mit dem Patriotismus, zum Beispiel. Die JA in Kassel, das kann man in ihrem Wahlprogramm nachlesen, wünscht sich nicht nur eine moderne, soziale, tier- und umweltbewusste Hochschule, sondern auch eine patriotische: "Der Schutz unserer Geschichte, unserer Kultur und unseres Brauchtums steht für uns im Vordergrund", steht in ihrem Programm. Zusammen mit der Uni wolle man sich Gedanken machen, wie den Studenten historische Ereignisse wie das Hambacher Fest nähergebracht werden könnten.

"Man könnte zum Beispiel Ausflüge machen zum Bismarck-Turm oder anderen deutschen kulturellen Orten, damit vor allem die Erasmus-Studenten einen besseren Eindruck von Deutschland bekommen", sagt Marius dazu. Viel zu häufig gehe es um die schlimmen zwölf Jahre in der deutschen Geschichte. Das wolle die Junge Alternative ändern, sagt Marius. So richtig überzeugt davon klingt er nicht. Eher als habe er die passenden Sätze zu einem Stichwort auswendig gelernt.

Im Parlament ist Marius mit seinen Ansichten alleine.

Auch die Sache mit der Zivilklausel spricht Marius nicht selbst an. 2013 hat sich die Uni Kassel dazu verpflichtet, nur zu friedlichen und zivilen Zwecken zu forschen. Die Junge Alternative fordert, diese Zivilklausel abzuschaffen, um sich "mit der lokalen Industrie besser auszutauschen". In der Region Kassel bauen Rheinmetall und Krauss-Maffei Wegmann Kampfpanzer, Glattrohrkanonen und Munition. Über Tochterfirmen arbeitet das Unternehmen mit Saudi-Arabien zusammen und verdient so auch am Bürgerkrieg im Jemen mit.

"Bei der Abstimmung zur Zivilklausel waren nicht viele Leute anwesend. Die müsste man mal wiederholen", sagt Marius und flüchtet sich hinter den basisdemokratischen Gedanken. Tatsächlich war die Wahlbeteiligung wie bei Hochschulwahlen üblich, niedrig, doch das Ergebnis eindeutig: 72 Prozent stimmten bei der Urabstimmung im Januar 2013 für eine verbindliche Zivilklausel.   

Ob Marius selbst gerne für die Rüstungsindustrie forschen würde oder persönlich ein Problem mit dem Bau von Moscheen hat, will er nicht sagen. Vielleicht ist er vorsichtiger geworden seit dem Interview mit der FAZ.

Im Parlament ist Marius mit seinen Ansichten alleine. 113 Stimmen, vier Prozent, bekam Marius und wurde so als einziger Abgeordnete der JA ins Parlament gewählt. Andere konservative Gruppen wie den CDU-nahen RCDS oder die liberalen JuLis gibt es im Studierendenparlament Kassel nicht. Im Antrag zu Marius Befragung schreibt die Linke Liste, sie wolle mögliche Unklarheiten und Missverständnisse zum Thema Gewalt gegen Geflüchtete und Diskriminierung von Minderheiten aufklären. Weniger umständlich ausgedrückt, wollen die Studenten wissen: Sitzt da unter ihnen einer, der auf Flüchtlinge schießen lassen will? Ist Marius Dilli ein Rechtspopulist? Oder eher einer, der manchmal nicht genau weiß, was er sagt?