Yasmin ist Gangsterin, ihre Kommilitonen tragen Perlenohrringe. Seit einem Jahr studiert sie Jura in Heidelberg und fühlt sich wie eine Fremde. Über Einsamkeit an der Uni

*Name geändert

Yasmins* Ohnmacht dauert 180 Sekunden. Es sind die drei Minuten, wenn alle schon im Hörsaal sitzen, aber der Dozent noch kurz den Beamer richtig einstellen muss oder etwas kopieren geht. Wenn Yasmin an diesen Moment denkt, wird ihr schlecht. Die Stimmen der anderen vibrieren in der Magengegend. Während die anderen durcheinander reden, schweigt sie und hält sich an ihrem Bleistift fest. Weil es niemanden gibt, mit dem sie reden könnte, keine Referatspartner, keine Uni-Freundinnen, auch keinen Flirt aus dem letzten Semester. Yasmin hat keine Freunde an der Uni, höchstens flüchtige Bekannte.

Erst wenn der Beamer endlich surrt, das Geplapper verstummt, die Köpfe nach vorne gerichtet werden und der Professor die Studenten begrüßt, entspannt sich Yasmin: "Dann habe ich nicht mehr das Gefühl, ich müsste jetzt irgendwas sagen oder irgendwas tun, damit ich nicht mehr so dumm rumsitze." Plötzlich sind wieder alle gleich: fleißige Drittsemester, die jedes Wort mitschreiben, das der Mann mit der Halbglatze und der gestreiften Krawatte zum Thema Schuldrecht sagt.

Yasmin hat ihr schwarzes dichtes Haar locker zusammengebunden, sie trägt ein weites grünes Hemd, die braunen Augen schauen ernst Richtung Tafel. Sie ist 22, im Iran geboren und im Ruhrpott aufgewachsen. Für das Jura-Studium ist sie vor einem Jahr nach Heidelberg gezogen. Angekommen ist sie nicht.

Gebe ich mir Mühe oder steige ich aus?

Es ist die erste Vorlesung im neuen Semester. Vertragliche Schuldverhältnisse bei Prof. Welle. Es soll das Semester werden, in dem Yasmin sich entscheiden will: Mache ich weiter oder gehe ich zurück? Gebe ich mir Mühe oder steige ich aus?

Im letzten Jahr hat Yasmin es perfektioniert, ihre Ohnmacht zu Beginn der Vorlesungen zu vermeiden, indem sie immer ein paar Minuten später kam, später noch als die Zuspätkommer. Kurz nachdem sich die Türen zum Hörsaal geschlossen hatten, schlüpfte sie herein und schlich sich – hoffentlich unbemerkt – in die letzte Reihe. "Hier oben fühle ich mich nicht so beobachtet." Auch heute sitzt sie wieder in der letzten Reihe. Yasmin zeichnet mit dem Bleistift die Reihen vor ihr: Hinterköpfe, BGBs, Blöcke, Mäppchen, Marker. Ihre Kommilitonen tragen gekämmtes Haar, gestärkte Krägen, vergoldete Armbänder, ja auch Perlenohrringe. Sie sehen harmlos aus, die Heidelberger Jura-Studenten.

Eigentlich hätten diese Leute Yasmins neue Wegbegleiter für das Studium – die beste Zeit des Lebens – werden können. Nirgendwo lernt man leichter Leute kennen als an der Uni, alle fangen von null an, jeder darf sich neu erfinden. Selbst die Einzelgänger, die sich in der Oberstufe in der Bibliothek versteckt haben, finden an der Uni ihre Leute – so lautet das verheißungsvolle Versprechen. Aber für Yasmin sind ihre Kommilitonen keine Freunde, Flirts oder Partner, sondern nur Motive für ihren Block.

"Wahrscheinlich würden sie mich 'Du Opfer' nennen. Ich vermisse das."

Zu Hause, erzählt Yasmin, hatte sie nie Probleme damit, Leute kennenzulernen. Auf dem Spielplatz, im Einkaufszentrum, in der Schule, war sie immer Teil einer Clique. "Meine Freunde zu Hause sind anders", sagt Yasmin. Sie kommen aus der Türkei, Kurdistan, Serbien. Sie tragen Baggy-Hosen, manche Kopftuch, hören Rap und sind laut. "Wenn die mich hier sehen könnten, wie ich immer alleine rumhänge und keine Freunde habe, würden sie mich auslachen. Wahrscheinlich würden sie mich 'Du Opfer' nennen." Ihre Augen leuchten. "Ich vermisse das", schiebt sie hinterher, den Bleistift umklammert.

"Hier fühle ich mich irgendwie exotisch", sagt sie. Bis sie für das Studium wegzog, hatte Yasmin immer im Pott gelebt. Lieber wäre sie in der Nähe ihrer Eltern und Freunde geblieben, hätte in Düsseldorf oder Bonn studiert. Vielleicht auch in Berlin oder Hamburg. An irgendeinem Ort, der nicht so perfekt ist, nicht so pittoresk und typisch deutsch wie Heidelberg.