LSD steht für Freiheit, Grooviness – und Hirndoping. Microdoser nehmen es in kleinsten Mengen, um produktiver zu werden. Es soll ein Trend sein. Wie gefährlich ist es?

Einmal, als Christians Freundin etwas grün im Gesicht und die prunkvollen Fassaden in Dresden irgendwie zu prunkvoll waren, da wusste er, es war ein bisschen zu viel LSD gewesen am Morgen.

Denn wenn Christian einen langen Tag hat, kocht er sich nach dem Aufstehen keinen Kaffee, sondern greift zur Nagelschere, holt ein Stück Pappe aus einer kleinen Metallbox in seinem Zimmer und schneidet sich ein etwa einen Millimeter großes Stück ab. "So schmal wie der weiße Streifen meines Fingernagels", sagt Christian und deutet auf seinen Finger.

Das Fitzelchen Pappe legt er sich in den Mund und wartet. Nach etwa einer Stunde geht es los. "Ich fühle mich frisch und konzentriert, aber nicht so hibbelig wie nach Kaffee. Es geht nicht so auf und ab, sondern ist ein konstantes Wachheitsgefühl." Kaffee, zeigt er mit seinen Händen, ist so ein Auf und Ab, wie eine Achterbahn. Mit LSD dagegen: Er fährt mit seiner Hand eine schnurgerade Linie durch die Luft. Ein Trip wie auf einer frisch geteerten Autobahn. Christian heißt eigentlich anders, ist 27, studiert und nimmt gelegentlich LSD in Mikrodosen.

Denn die Droge kann nicht nur für Halluzinationen sorgen, sondern soll auch für die Uni nützlich sein. Als Albert Hofmann, der Entdecker des LSD, am 19. April 1943 seinen berühmten Trip hatte, hatte er etwa 250 Mikrogramm eingelegt. Das war eine sehr hohe Dosis – LSD ist eine der potentesten Drogen überhaupt, für einen Trip reichen zwischen 50 und 100 Mikrogramm. Aber erst ab 20 Mikrogramm wirkt LSD psychoaktiv – und eine Mikrodosis ist weniger als die Hälfte. Viele Microdoser nehmen alle drei bis vier Tage zwischen zehn und 20 Mikrogramm, meist morgens nach dem Frühstück.

An diesem Morgen hat Christian sich schätzungsweise fünf Mikrogramm abgeschnitten. "Aber die Dosierung ist immer schwer. Das LSD wird ja auf die Pappe getropft, daher weiß man nie ganz sicher, wie viel man tatsächlich nimmt." Ungefähr passt das meistens schon, nur das eine Mal in Dresden, da war es ein bisschen viel. "Passiert."

LSD, die Droge der Hippies und des Antiestablishments, ist nun Teil des Selbstoptimierungslifestyles. Laut Berichten aus den USA ist Microdosing jetzt im auf Leistung gepolten Silicon Valley angesagt. Der Rolling Stone schrieb Ende vergangenen Jahres über Ken, einen 25-jährigen Startup-Mitarbeiter aus dem Silicon Valley, der ab und zu LSD einschmeiße, um produktiver zu werden. Weitere Berichte folgten, Vice hat den Selbstversuch gewagt.

Manche versuchen, ihren Körper mit Superfood, Yoga und Sleeptracking zu tunen, andere greifen zu Medikamenten wie Adderall und Ritalin, um stundenlang bis zur Erschöpfung durcharbeiten zu können. Nun soll eine kleine Dosis LSD nach dem morgendlichen Smoothie dafür sorgen, dass man noch besser, schneller, effektiver arbeiten kann. Leistung bringen ist nicht mehr spießig, sondern cool, da passt eine Droge wie LSD, die seit den 1960er Jahren Freiheit, Sex und Grooviness ausstrahlt, super rein.

Auf Reddit, einer Community, in der sich jeder über alles unterhalten kann, hat das Microdosing-Forum über 11.000 Abonnenten. Dort fragen entweder Anfänger, wie Microdosing funktioniert oder erfahrene Konsumenten beschreiben euphorisch, wie die Mikrodosis LSD das eigene Leben verändert hat: Eine Klausur bestanden, endlich einen Job gefunden, eine Depression und posttraumatische Belastungsstörung überwunden, alles dank eines bisschen LSD.

Christian ist kein Startup-Mitarbeiter und ist nicht psychisch krank. Er studiert Geisteswissenschaften in Berlin. LSD hat nicht sein Leben verändert, aber es bringt ihn locker durch den Tag, sagt er. "Ich bin in Vorlesungen aufmerksamer und in Seminaren mache ich Verbindungen, die ich sonst nicht machen würde. Ich beteilige mich mehr und kann schneller denken."

Christian ist kein Druffi, auch wenn er ein bisschen aussieht wie ein Hippie. Er hat schulterlanges Haar und trägt ein auberginefarbenes Hemd mit floralen Mustern und Verästelungen. Aber er ist nicht das Klischee des Sozialwissenschaftlers, der vor der Mensa abhängt und sich einen Joint nach dem anderen ansteckt. Er spricht ruhig und gelassen, wählt jedes Wort mit Bedacht. "Ich möchte Psychedelika erforschen und mache das einerseits an der Uni, aber eben auch privat", sagt er. Für ihn ist es ein Experiment.