Der Vater vergisst den Schlüssel, die Mutter sitzt mit Weltschmerz im Hotel: Unsere Autorin merkt, dass sich das Gleichgewicht mit ihren Eltern verändert.

Auf dem Parkplatz, vor dem Auto, griff mein Stiefvater in die Hosentasche und sah plötzlich so verloren aus, wie ein Kind, das bei Ikea abhanden gegangen ist. "Scheiße", sagte er. "Scheißgedächtnis." Wir sind eine Dreiviertelstunde mit der U-Bahn gefahren, um sein Auto abzuholen, das wir gestern in Lichtenberg hatten stehen lassen. Und jetzt hat mein Stiefvater festgestellt, dass er die Autoschlüssel bei mir zu Hause vergessen hat. Und außerdem sein Handy und Portemonnaie. Er sah auf einmal sehr müde aus.

Ich beschloss, die Schlüssel selbst abzuholen, setzte ihn im Café ab, kritzelte für alle Notfälle meine Nummer auf eine Serviette, gab ihm zehn Euro, stieg in die U-Bahn und machte mir plötzlich Gedanken. Nicht um meinen Stiefvater. Er war kein Greis, sondern ein etwas vergesslicher 53-jähriger Mann. Aber das hier war definitiv ein Rollentausch. Normalerweise waren es meine Eltern, die mir einen Zehner zusteckten und meine Verpeiltheiten ausbügelten.


Plötzlich fielen mir alle ihre Wundersamkeiten der letzten Jahre ein. Die Rückenprobleme. Ihre Überforderung, wenn sie mich aus ihrem süddeutschen Idyllenstädtchen in Berlin besuchen kamen. Die kleinen liebenswerten Marotten, die langsam zu vollwertigen Spleens auswucherten. Ich habe sehr junge Eltern. Meine Mama hat mich mit 18 bekommen. Auf den Elternversammlungen sahen meine Eltern zwischen den soliden Herrschaften stets aus wie zwei Abiturienten aus, die ein paar Mal zu oft sitzen geblieben waren. Sie waren immer noch fit und frisch im Kopf. Von Gedanken an ihre Gebrechlichkeit und Endlichkeit war ich weit entfernt. Und trotzdem wehte an diesem Nachmittag langsam eine Vorahnung mit: Diese starken Menschen, die mich in den Arm nehmen, werden irgendwann in den Arm genommen werden müssen. 

Wir haben einander auch vorher schon geholfen, klar. Sie kannten sich besser mit Zahnzusatzversicherungen aus, ich mich mit Apps und Billigflügen. Mir ging es wie den meisten meiner Freunden: Spätestens nach dem Auszug fiel uns auf, dass Eltern mehr waren, als nervige Besserwisser, die den Kühlschrank gefüllt hatten. Sie waren Menschen mit Fehlern, aber auch guten Seiten und vielen Schnittmengen mit uns, die über die genetischen hinausgingen. Bestenfalls wurden Eltern zu Kumpels. Wenn auch, die einem gebügelten Socken aufs Bett legten, wenn man bei ihnen übernachtete, und Fresspakete schickten.

Trotzdem, mit den Jahren wurde die Eltern-Kind-Beziehung symmetrischer, bis irgendwann einigermaßen erwachsene Menschen sich gegenüber standen. Aber an diesem Nachmittag auf dem Parkplatz wurde mir klar, dass das Gleichgewicht irgendwann in die andere Richtung kippen wird und ich mich um sie kümmern muss. Es war beängstigend.

Drei Wochen später rief meine Mutter aus einem Hotel in Italien an. Sie wollte wissen, ob der Entsafter, den sie für mich bestellt hat, angekommen war. (Das war er, natürlich, genau wie der Mixer, der Toaster und die Mikrowelle, die sie mir unter Lachanfällen der Kollegen ins Büro hatte liefern lassen.) Wir arbeiteten uns durch den Standardfragekatalog der russischen Mutter-Tochter-Konversation: (Lebst du? Hast du gegessen? Wann gibt es endlich Enkelkinder?), aber zwischen den Zeilen merkte ich: Die Stimmung ist nicht gut. Meine Mutter wollte ihren Geburtstag mit meiner Tante in Genua verbringen, jetzt hatten sich die beiden am Telefon zerstritten und schmollten 1.000 Kilometer voneinander entfernt. Mein Vater musste arbeiten. Also saß meine Mutter allein im Hotel, hatte Weltschmerz und verschickte Entsafter. Sie sagte nicht: komm. Ich buchte trotzdem Tickets.

Ich sagte ein Festival ab, packte leicht zähneknirschend Taschen. Ich will ein Wochenende in Italien nicht als die größte Heldentat verkaufen, die eine Tochter für ihre Mutter vollbringen kann. Und so gesehen habe ich auch nichts vollbracht: Natürlich war sie es, die das Abendessen bezahlte, außerdem meine Laptoptasche wusch und meine zerrissene Jacke nähte.