Ich bin aus dem Osten, eine der Ersten, die geboren und aufgewachsen sind, als das DDR-Biest verdaut war. Muss ich meine Herkunft aufgeben, um erwachsen zu werden?

"Wann treffen wir uns? Dreiviertel vier?", frage ich. "Sag das nicht so, da hast du sofort den Oststempel", antwortet meine Freundin. Der Oststempel. Aha. Weil ich die Uhrzeit anders ansage? Verrückt. Aber okay, ich versuche, mich umzugewöhnen.

"Wann kommt dein Zug an?", fragen meine Eltern. "Viertel vor vier", sage ich. "Ah, du redest auch schon wie so ein Wessi", antworten sie. Der Weststempel. Weil ich die Uhrzeit anders ansage! In Süddeutschland sagt man auch dreiviertel vier. Aber das zählt nicht für den Stempel.

Hin- und hergerissen zwischen früher und jetzt

Ich bin in Ostdeutschland geboren und meine Freundin kommt auch aus dem Osten. Aber, sagt sie, wir müssen uns jetzt umgewöhnen, weil wir jetzt in der Uni sind, in der erwachsenen Welt und da müssen wir westdeutscher werden. Wir studieren übrigens in Leipzig. Und nein, ich blicke da selbst auch nicht mehr durch.

Denn ich werde hin- und hergerissen zwischen dreiviertel und viertel vor, früher und jetzt, Herkunft und dem Gegenteil von Herkunft. Das wäre vielleicht … Weite? So kommt es mir vor: Ich entferne mich vom Osten. Immer weiter. Hallo Mama, ich gehe jetzt zur Uni und sage jetzt viertel vor vier.

Ich bin 1995 geboren, laut Wissenschaftlern bin ich Generation Z. Eine der Superdigitalen, Superfortschrittlichen, denen die Welt zu Füßen liegt. Aber ich bin kein Zler, denn ich komme aus dem Osten.

Wir sind Generation A.

Wir Jugendlichen aus dem Osten haben einen anderen Buchstaben verdient. Wir stehen vorne. Wir sind die Ersten. Die Ersten, die geboren und aufgewachsen sind, als das DDR-Biest endlich verdaut war. Die Ersten, die unbehelligt Pläne schmieden konnten. Auslandsjahr, Studium, Karriere – alles greifbar, alles eingeplant. Z ist zu weit hinten im Alphabet, um uns zu beschreiben. Wir sind Generation A.

Denn die DDR hat uns eine Generation gestohlen. Meine Mutter hätte gern Abi gemacht, hätte gern studiert. Aber sie durfte nicht. Und selbst wenn sie hätte studieren dürfen, wäre sie nicht frei gewesen. Sie hat heute keine Freunde im Ausland und keine alten Kommilitonen, bei denen ich Praktika machen könnte. Hätte, könnte, wäre. Das Leben meiner Mutter war ein Leben im Konjunktiv. Denn da stand eine Mauer im Weg.

Ich reise, studiere – und zweifle an mir

Jetzt mache ich es. Reise, studiere, lebe frei. Es ist ein schönes Gefühl: Jede Vorlesung fühlt sich an wie ein Privileg, jede bestandene Prüfung ist ein Fest. Und trotzdem gehe ich manchmal kleinere Schritte als meine westdeutschen Kommilitonen, für die Freiheit seit Generationen selbstverständlich ist. Ich zweifle oft. Schaffe ich das? Kann ich das?

Meine Freunde, die im Westen aufgewachsen sind, scheinen das nicht zu haben. Sie preschen vor, wirken selbstbewusster, zielstrebiger. Haben höhere Ansprüche und weniger selbstkritische Gedanken. Aber vielleicht habe ich auch nur die falschen Freunde, deswegen frage ich nach: Marc Desens, mein Verwaltungsrechtsprofessor, war die vergangenen sechs Jahre Studiendekan der juristischen Fakultät Leipzig.

Als ich frage, ob ihm Unterschiede zwischen ost- und westdeutschen Studenten auffallen, erzählt er mir einen Witz: "Warum brauchten Westdeutsche 13 Jahre fürs Abi und Ostdeutsche nur 12 Jahre? Der einjährige Schauspielunterricht fehlt." Ich lache. "Das ist natürlich ein Klischee, aber ich glaube, es stimmt. Ich bemerke bei westdeutschen Studierenden oft, dass sie sich besser verkaufen können. Das fehlt den Ostdeutschen manchmal", sagt er. Desens kommt aus Nordrhein-Westfalen, hat in Münster studiert, promoviert und habilitiert. "Dass ich im Osten lebe und arbeite, macht mich für viele meiner alten West-Freunde immer noch zum Abenteurer."