Mitglied in einer Partei? Flyer verteilen in der Fußgängerzone? Vielleicht, irgendwann mal. Das dachten sich diese jungen Menschen. Dann kam der 9. November.

Doppelt so hoch soll die Zahl der Neueintritte in die SPD im November gewesen sein, eine messbare Reaktion auf den Sieg Donald Trumps. Auch andere Parteien sollen profitiert haben. Wir haben drei neue Mitglieder von SPD, Grünen und FDP gefragt: Warum gerade jetzt?

"Pessimismus hilft niemandem weiter"

Die Nacht zum Mittwoch, den 9. November, war die erste, in der mein acht Monate alter Sohn durchgeschlafen hat. Ich war trotzdem um 6:30 Uhr wach, weil mein Mann aufrecht im Bett saß, sein Gesicht vom Smartphone erleuchtet und mit ungläubiger Stimme sagte: "Trump."

In der Fußgängerzone Flyer verteilen und an Infoständen diskutieren werden wohl nicht meine Lieblingstätigkeiten werden.

Zwei Stunden später war ich im Büro. Alle waren geschockt. Ich arbeite in der Nachhaltigkeitsabteilung eines großen Textilunternehmens in Düsseldorf. Ich weiß, wie wichtig soziale Standards und faire Arbeitsbedingungen sind, dass wir einen kritisch reflektierten Konsum brauchen. Und ich weiß, dass Donald Trumps Wahlprogramm eine Katastrophe für nachhaltige Umweltpolitik ist.

Kristina Seidler-Lynders, 28, arbeitet in der Nachhaltigkeitsabteilung eines Bekleidungsunternehmens. Die Düsseldorferin ist seit zwei Wochen SPD-Mitglied. © privat

Doch weil Pessimismus niemandem weiter hilft, war ich 48 Stunden nach Trumps Sieg SPD-Mitglied. Nachdem ich von der Arbeit nach Hause gekommen war, setzte ich mich an den Computer und füllte das Beitrittsformular aus. Vorher hatte ich Parteiprogramme verglichen und mich für die SPD entschieden. Zur einen Hälfte war das Intuition, zur anderen Hälfte haben mich die Inhalte im SPD-Programm am meisten überzeugt.   

Ich hatte schon länger überlegt, mich zu engagieren. Aber erst der Schock nach Trumps Wahlsieg hat mich dazu gebracht, in eine Partei einzutreten. Erfahrungen mit politischem Aktivismus habe ich nicht, jetzt fange ich damit an. Ich bin motiviert, mich in Diskussionen einzubringen, Wahlkampf zu machen und Veranstaltungen zu organisieren.

Vom Landesverband habe ich bereits erste Einladungen erhalten, beispielsweise für ein Frühstück mit der Gleichstellungsbeauftragten. Über einen Newsletter habe ich einen Überblick über Arbeitsgruppen bekommen, in denen ich mich engagieren kann. Nächste Woche werde ich zu einer Sitzung zum Thema Nachhaltigkeit gehen und mich über meine Möglichkeiten informieren. Bislang habe ich ja noch nicht einmal ein Parteibuch bekommen.

Ich wollte zur SPD, um dem Rechtsruck in der ganzen Welt etwas entgegenzusetzen. In meinem Job kämpfe ich für ähnliche Ziele, für die auch die Sozialdemokratie einsteht: Von der Firma beauftragte Prüfer sowie Mitarbeiter meiner Abteilung fahren in Textilfabriken in Bangladesch, China, Pakistan oder Vietnam und stellen sicher, dass niemand ausgebeutet wird, keiner zu lange arbeitet und die Manager faire Löhne zahlen. Ich helfe mit, dass der einfache Arbeiter am anderen Ende der Welt und Lieferkette anständig behandelt wird.

Jetzt haben – nicht nur, aber auch – einfache Arbeiter Donald Trump zum mächtigsten Mann der Welt gemacht, weil sie sich vernachlässigt und von den Eliten ausgebeutet fühlen. Sie wollten, dass sich etwas ändert, haben dem geglaubt, der ihnen versprach, es denen da oben zu zeigen.

Das macht mich traurig, weil ich glaube, solche Parolen und mit ihnen erzielte Wahlerfolge sind immer ein Symptom von einer zu großen sozialen Ungleichheit. Viele wenden sich dann aus Frust vom System ab und wählen rechts. Dagegen hilft nur eine gerechte Steuerpolitik, die Vermögen in der Gesellschaft gerechter verteilt und damit für mehr Zusammenhalt sorgt.

Deswegen will ich dafür Wahlkampf machen, dass in Deutschland ein Sozialdemokrat der nächste Bundeskanzler wird. Mir ist klar, dass das harte Arbeit sein wird. In der Fußgängerzone Flyer verteilen und an Infoständen diskutieren werden wohl nicht meine Lieblingstätigkeiten werden. Aber es gehört dazu. Wenn ich damit etwas bewegen kann, wäre es das wert.