Jackie Kennedy © Michael Stroud/Express/Getty Images

Als am 23. August 1949 ein Passagierschiff im Hafen von New York ablegt, um amerikanische Austauschstudentinnen nach Paris zu bringen, ist das ein kleines Society-Ereignis. Der französische Konsul ist gekommen, um die Studentinnen zu verabschieden. Eine von ihnen ist Jacqueline Lee Bouvier, genannt Jackie, die, gerade 20 geworden, schon eine Berühmtheit ist. In ihrem ersten Studienjahr am elitären Vassar College wurde sie von einem Klatschreporter zur "Debütantin des Jahres" gewählt. Jackie schreibt für die Uni-Zeitung, engagiert sich in der Kunst-AG und beherrscht mehrere Fremdsprachen. Doch in dem Artikel des bekannten Klatschreporters spielt das kaum eine Rolle. Stattdessen wird sie dort beschrieben als "eine majestätische Brünette mit eleganten Gesichtszügen und der Anmut von Dresdner Porzellan". Es ist ein Vorgeschmack auf ihre Zukunft im Rampenlicht. Später, als First Lady, wird sie ähnliche Sätze über sich lesen. Dann wird alle Welt sie für ihre Schönheit bewundern – und doch wird sie immer nur die Frau an der Seite von John F. Kennedy sein.

Jacqueline Bouvier kommt am 28. Juli 1929 als Tochter einer Bankiersfamilie in Southampton auf Long Island zur Welt – in einer Gegend, in der die Reichen und Schönen leben, bekannt geworden durch F. Scott Fitzgeralds Roman Der große Gatsby. Später wächst sie in der Fifth Avenue in Manhattan auf, eine der exklusivsten Lagen der Welt. Jacquelines Vater, Jack, ist ein Playboy, der gerne ins Kasino geht und mit fremden Frauen gesehen wird. Als die Ehe zu Janet Bouvier scheitert, ist Jackie gerade elf Jahre alt. In der Schule ist sie fleißig, aber verschlossen. Vor allem in Literatur, Kunst und Geschichte brilliert sie. In das Jahrbuch ihrer Abschlussklasse schreibt sie, sie wolle auf keinen Fall Hausfrau werden.

Nach ihrem Schulabschluss reist Jackie zum ersten Mal nach Europa. Sie hatte sich auf die Reise vorbereitet wie auf eine Klausur, neue Vokabeln gelernt und Kunstgeschichte. Besonders Paris begeistert sie: die Kultur, die Gärten, das Schloss von Versailles, Notre-Dame. Sie beschließt, das nächste Studienjahr dort zu verbringen. Ihren Eltern gefällt das gar nicht: Sie fürchten, dass Jackie in Paris einen Mann finden und dort bleiben wird. Ihre Mutter hatte ihr schon zu Schulzeiten eingebläut, sie solle sich einen reichen Mann suchen – aber bitte einen Amerikaner. Doch alle Überredungsversuche helfen nichts.

Jacqueline erreicht Paris im Oktober 1949, in einer Zeit, in der die Stadt mit aller Kraft die Asche der Kriegsjahre aus den Straßen pusten will. Die Pariser High Society schmeißt spektakuläre Kostümbälle. Jacqueline entscheidet sich, nicht wie die anderen Studentinnen in das Wohnheim, sondern in eine Stadtwohnung zu ziehen. Sie findet ein Zimmer bei einer Familie in der Avenue Mozart, im 16. Arrondissement. Der Vater der Familie war als Mitglied des französischen Widerstands von den Nazis im KZ ermordet worden. Die Mutter ernährt die Kinder nun allein, das beeindruckt Jacqueline. In ihrer Freizeit geht sie ins Theater, findet Freunde und verkehrt bald in gutbürgerlichen Kreisen. Einige der Leute, die sie dort kennenlernt, werden später regelmäßig Gäste im Weißen Haus sein.

Zurück in den USA schreibt sie sich an der George Washington University, Washington ein. Ihre Professorin beschreibt sie später als "außerordentlich intelligente junge Frau" mit "einem echten Talent zum Schreiben". Doch Jacqueline sehnt sich nach Paris zurück. Die Zeit dort sei die glücklichste ihres Lebens gewesen, schreibt sie: "Ich lernte, mich wegen meines Bildungshungers nicht zu schämen, den ich zu verstecken versucht habe."

Jacqueline beendet ihr Studium 1951 und arbeitet als Fotoreporterin beim Washington Times-Herald. Auf einer Dinnerparty lernt sie 1952 den Kongressabgeordneten John F. Kennedy kennen. Die beiden heiraten. Keine zehn Jahre später wird John zum jüngsten Präsidenten der USA gewählt.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 1/16.

Die Kennedys werden zum Traumpaar der Nation, Jackie zur Stilikone. Trotzdem ist sie unglücklich. Sie sieht sich als genau jene Hausfrau, die sie nie sein wollte, noch dazu an der Seite eines Mannes, der kaum eine Gelegenheit auslässt fremdzugehen. Schon kurz nach der Hochzeit schreibt sie an einen Vertrauten: "Es ist eine Welt, die von außen betrachtet sehr glamourös wirken dürfte, aber für dich, wenn du drinsteckst – und einsam bist – die Hölle sein kann."

Als liebende und trauernde Ehefrau geht sie in die Geschichte ein. Das Bild, das sich am meisten von ihr einprägt, ist das vom 22. November 1963: Jacqueline Kennedy kniet in der offenen Limousine auf der Fahrt durch Dallas. Neben ihr war gerade ihr Mann von einem Attentäter erschossen worden. Am selben Abend steht sie neben Vizepräsident Lyndon B. Johnson, als er zum neuen Präsidenten vereidigt wird. Sie trägt noch immer ihren blutgetränken pinkfarbenen Blazer.

Lesetipps: Donald Spoto: "Jackie O." (Europa Verlag 2000); C. David Heymann: "Eine Frau namens Jackie" (Heyne Verlag 1990)