Digitale Preise: Die Zukunft des Bezahlens © dpa

Liebe hat ihren Preis – doch der ist nicht für alle gleich. Da ist zum Beispiel Peter. Er arbeitet als Berater, ist 35 Jahre alt und Single. Das will er ändern und meldet sich bei einer Dating-Seite an. Er klickt sich durch einen langen Fragebogen, gibt sein Hobby an ("Segeln"), seine Lieblingsmusik ("Oper") und sein Einkommen. All das, so heißt es, solle helfen, den perfekten Partner für ihn zu finden. Peter sieht keinen Grund, daran zu zweifeln. Nach einer halben Stunde hat er alles beantwortet. Erst jetzt wird ihm der Preis angezeigt, den ihn die Mitgliedschaft kosten wird: 23,92 Euro pro Monat.

Auch Lena klickt sich durch die Fragebögen der Website. Die Studentin ist 22, bezieht Bafög und hat einen Nebenjob. Sie macht gerne Yoga, mag Indie-Rock und wohnt in Berlin-Neukölln. Auch ihr wird der fällige Mitgliedsbeitrag erst genannt, als sie alle Fragen ausgefüllt hat. Die Kosten für sie: 9,31 Euro pro Monat.

Wenn Peter und Lena einen Kaffee trinken gehen oder eine Kiste Wasser im Supermarkt kaufen: Immer zahlen sie für das gleiche Produkt den gleichen Preis. Bei der Dating-Website ist das anders. Peter muss mehr als doppelt so viel zahlen – und wird das wohl nicht bemerken.

Liebe mit Aufpreis

Peter und Lena gibt es nicht wirklich. Die Dating-Website schon: Es handelt sich um Parship, nach eigenen Angaben der "Marktführer unter den Onlinepartneragenturen". Um die Preise von Parship überhaupt zu erfahren, braucht man falsche E-Mail-Adressen und Fake-Profile. Macht man Stichproben mit fiktiven Kunden wie Peter und Lena, stellt man schnell fest, dass die Kosten bei Parship deutlich auseinandergehen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 1/16.

Parship will sich zu seiner "Preispolitik" nicht äußern. Dort heißt es nur, dass Menschen aus einer bestimmten Region manchmal Vergünstigungen bekämen. "Damit versuchen wir unter anderem sicherzustellen, dass unsere attraktive Mitgliederbasis stets Singles aus dem gesamten Bundesgebiet umfasst", schreibt eine Parship-Sprecherin. Außerdem versuche man durch Preisnachlässe zu steuern, dass die Kundenbasis der Website "ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis aufweist und das Kernaltersspektrum zwischen 25 und 59 Jahren liegt".

Wenn man diese Aussage mit neuen Fake-Profilen überprüft, zeigt sich aber: Auch Menschen, die das gleiche Alter, das gleiche Geschlecht und den gleichen Wohnort haben, bei denen sich nichts unterscheidet, außer dem Namen und dem Einkommen, müssen unterschiedliche Preise bezahlen. Wer sich als Besserverdiener zu erkennen gibt, zahlt mehr, so scheint es. Die Parship-Sprecherin möchte dazu keine weiteren Fragen beantworten, man wolle keine Informationen weitergeben, "deren Veröffentlichung einen Wettbewerbsnachteil für uns bedeuten würde".

Das Ende der fetten Preise

Jeder, der schon einmal den Prospekt eines Discounters durchgeblättert hat, kennt sie: Die fett gedruckten Preisangaben, die dort manchmal prominenter abgebildet sind als die Ware selbst. Seit vielen Jahrzehnten werben Händler damit, dass ihre Produkte die billigsten sind. Oder, dass sie das beste Preis-Leistungs-Verhältnis haben. Diese Zeit könnte aber bald vorbei sein.

Der Onlinehändler Amazon ändere die Preise für einige Produkte mehrmals am Tag, um sich an das "dynamische Umfeld" im Markt anzupassen, erklärte der Deutschland-Chef des Unternehmens kürzlich in einem Interview mit der Rheinischen Post. Kunden, die ein paar Stunden früher oder später auf der Seite sind, zahlen dann für das gleiche Produkt mehr.

"Die Preismechanismen ändern sich gerade massiv", sagt Florian Stahl, Professor für quantitatives Marketing an der Uni Mannheim, "wir bewegen uns dahin, dass es nicht mehr denselben Preis für alle gibt, sondern jeder Kunde seinen eigenen Preis angeboten bekommt."

Florian Stahl hat es selbst erlebt, erzählt er. Vor einer Dienstreise habe er die Website eines Hotelvermittlungsportals besucht, mit dem er zuvor gute Erfahrungen gemacht hatte. Doch dieses Mal fand er die Preise zu teuer. "Erst als ich meine Cookies gelöscht habe, wurden mir wieder günstigere Übernachtungen angeboten", sagt er. Cookies sind Dateien, die jeden Besuch einer Internetseite dokumentieren und von Website-Betreibern ausgelesen werden. Aus den Daten zog das Hotelportal bei Florian Stahl wohl Rückschlüsse wie: "verreist öfter" und "gibt überdurchschnittlich viel für eine Übernachtung aus" – und zeigte ihm dann die billigen Hotels gar nicht erst an.

Auch Forscher der Northeastern University in Boston zeigten 2014, dass viele amerikanische Onlineshops ihre Preise personalisieren. Die Forscher konnten mit echten Accounts von 300 Probanden auf 9 von 16 getesteten Webseiten zeigen, dass diese je nach vermuteter Zahlungsbereitschaft der Kunden unterschiedliche Preise lieferten oder die Reihenfolge der Suchergebnisse änderten. Denn Kunden sind im Internet nicht anonym. Cookies und Suchanfragen zeichnen ein recht konkretes Bild von ihnen. Für die Unternehmen ist das ein Glücksfall.