Tobias Zielony, 42, blickt auf die Spree, die vor der Mensa der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft entlangfließt, und nippt am Cappuccino. Der Kaffee sei viel besser als früher, sagt er. Und was hat sich für den Fotografen seit dem Studium noch verändert? In diesem Jahr durfte er den deutschen Pavillon der 56. Biennale in Venedig bespielen wie vor ihm Gerhard Richter und Christoph Schlingensief. Dafür hat er mit Flüchtlingen zusammengearbeitet. Ersten Ruhm erlangte Zielony allerdings mit Bildern vom Warten: Er fotografierte chancenlose Jugendliche am Stadtrand von Neapel, Bristol, Marseille und Halle-Neustadt, den Straßenstrich und Tankstellen. Seit 20 Jahren dokumentiert er Orte des Abstiegs und schaffte damit den Aufstieg. Ein Gespräch über Rumhängen und Revolte.

ZEIT Campus: Und, schon was gesehen, das Sie hier gerne fotografieren würden?

Tobias Zielony: Nee, habe ich nicht dran gedacht.

ZEIT Campus: Vielleicht kein besonders spannender Ort für jemanden wie Sie, der sonst perspektivlose Jugendliche und Prostituierte fotografiert?

Zielony: Na ja, hübsch ist es hier schon. Mit dem Fluss und mit den Booten. Die Sonne scheint.

ZEIT Campus: Sie haben hier ab 1997 einige Semester studiert und die Aufnahmeprüfung mit Bildern von Flüchtlingen bestanden.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 1/16.

Zielony: Ja, das war ein tagelanges Aufnahmeverfahren. Wir bekamen unter anderem für eine Stunde eine Polaroidkamera mit einem Schwarzweißfilm darin. Ich hatte mich schon am Vortag um das Uni-Gebäude an der Warschauer Straße geschlichen, da stand die Uni früher, und gesehen, dass im Hof Flüchtlingscontainer standen. Darin lebten Jugendliche aus dem ehemaligen Jugoslawien, Kriegsflüchtlinge. Ich sprach mit ihnen und vereinbarte, am nächsten Tag für Fotos wiederzukommen.

ZEIT Campus: Waren Sie ein politischer Student?

Zielony: Was heißt schon politisch? Ob ich demonstrieren war? Ja, zunächst als Schüler. Die Regierung hat Anfang der 1990er Jahre die Asylgesetze massiv verschärft. Dagegen haben wir versucht anzukämpfen. Wir sind nach Hoyerswerda und Solingen gefahren, wo damals die Angriffe auf Flüchtlingsheime waren, um zu demonstrieren. Aber trotzdem frage ich mich: Was ist heute ein politischer Student? Ich unterrichte oft Studenten und merke immer, dass diese Idee von Politik – da gibt es eine Regierung und einen Staat, und wir sind gegen den Staat – heute nicht mehr so eindeutig ist. Bei mir basierte der Protest noch auf einer Tradition aus der radikalen Linken. Heute ist die Frage eher, wie engagiere ich mich und wo?

ZEIT Campus: Auf der diesjährigen Biennale in Venedig haben Sie im deutschen Pavillon ausgestellt. Wie kam es dazu?

Zielony: Der Kurator Florian Ebner war seit einiger Zeit mit mir im Gespräch über meine aktuellen Projekte. Ich wusste gar nicht genau, wofür, weil seine Nominierung noch nicht öffentlich war. Erst als klar war, dass er den Pavillon kuratieren wird, habe ich mir Hoffnung gemacht.

ZEIT Campus: Vor Ihnen durften unter anderem die Maler Gerhard Richter und Georg Baselitz, die Fotografin Candida Höfer und der mittlerweile verstorbene Künstler Christoph Schlingensief den deutschen Pavillon bespielen. Wie ist es, in so einer Reihe zu stehen?

Zielony: Natürlich ist das eine Auszeichnung. Aber wenn ich schon zur Biennale eingeladen werde, möchte ich auch mit meinen Mitteln auf Dinge aufmerksam machen, die ich problematisch finde.