In einem der Hochhäuser am nördlichen Rand des Hansaviertels in Berlin wohnt, 35 Meter über der Stadt, Klaus Jürgen Bade. Wie kaum ein anderer kennt Bade die Zuwanderungsdebatten der vergangenen Jahrzehnte und hat sie selbst geprägt. Er war Professor für Neueste Geschichte an der Universität Osnabrück, bis 2012 arbeitete er als Vorsitzender des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration und wurde in dieser Zeit als Gegenspieler Thilo Sarrazins bekannt. In seinem Wohnzimmer, mit Blick über Westberlin, gießt Bade Kaffee aus einer silbrig glänzenden Stelton-Kanne. Kann er erklären, wie man die Fehler der Vergangenheit vermeidet?

ZEIT Campus: Herr Bade, Sie begleiten die Debatte um Einwanderung und Asyl seit den frühen achtziger Jahren. Wiederholt sich heute derselbe Streit, mit denselben Argumenten?

Klaus J. Bade: Die Argumente klingen verwandt, manche Ereignisse sind ähnlich grauenerregend – man denke an die brennenden Flüchtlingsunterkünfte. Aber einige Erkenntnisse haben sich doch schon in der politischen Debatte durchgesetzt: Deutschland ist ein Einwanderungsland, überschaubare Zuwanderung ist verkraftbar, und Integration funktioniert. Dahinter kann die Politik nicht mehr zurück. Deshalb wird heute vor allem über Zahlen diskutiert. Da heißt es: "Jetzt ist es aber wirklich zu viel! Das geht nicht mehr!"

ZEIT Campus: Gibt es eine Kapazitätsgrenze?

Bade: Nein. Die Grenze liegt immer da, wo die Akzeptanzgrenze liegt. Eine objektive Grenze gibt es nicht. Wenn man in die deutsche Geschichte zurückblickt, könnte man sehr gelassen sein: Integration hat in Deutschland, manchmal eher schlecht als recht, aber letztlich immer funktioniert. Allerdings war jedes Mal aufs Neue eine Schwelle zu übersteigen, bei der Teile der Bevölkerung den Eindruck hatten: Das ist so nicht zu machen. Das war bei den Vertriebenen so, damals hatten viele gehofft, sie zögen weiter in die USA. Das war bei den sogenannten Gastarbeitern so, das war bei den Aussiedlern so.

ZEIT Campus: Wenn in der Vergangenheit Vertriebene, Gastarbeiter und Spätaussiedler integriert werden konnten, warum wird Deutschland nicht zuversichtlicher?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 1/16.

Bade: Man muss da unterscheiden: Ein gutes und wachsendes Drittel der Gesellschaft, gerade jüngere Menschen, erlebt kulturelle Vielfalt als selbstverständlich in seinem Alltag. Das sind Kulturpragmatiker oder sogar Kulturoptimisten. Ein anderes, schrumpfendes, aber umso lauter lärmendes Drittel, häufig Ältere, sind eher Kulturpessimisten. Für die bedeutet kulturelle Vielfalt infolge starker Zuwanderung das Ende des Abendlandes. Um das dazwischenliegende Drittel kämpfen diese beiden Pole.

ZEIT Campus: Wenn vor allem die Älteren Pessimisten sind, erledigt sich die Diskussion dann nicht einfach im Laufe der Zeit?

Bade: Das ist nur in Teilen eine Altersfrage. Diejenigen, die Flucht, Vertreibung und Integration noch als Jugendliche miterlebt haben, sind oft aufgeschlossener und toleranter, auch im Hinblick auf die aktuelle Zuwanderung von Flüchtlingen. Für die Jüngeren ist das wieder ein neues Phänomen und wird neu verhandelt.

ZEIT Campus: Interessanterweise sind es heute häufig die Enkel der Vertriebenen, die aus den Erfahrungen ihrer Großeltern eine moralische Pflicht zur Hilfe ableiten.

Bade: Weil sie einen Vergleich zwischen dem Schicksal ihrer Großeltern und dem der heutigen Migranten zulassen. Wenn wir in unserer wissenschaftlichen Arbeit früher Vertretern der Vertriebenengeneration gesagt haben, ihre Erfahrungen seien ein Migrantenschicksal, dann war oft die Welt zu Ende, und die Gespräche hörten quasi sofort auf. Wir haben Anfang der Achtziger begonnen, diese Vergleiche wissenschaftlich zu untermauern, und sind auch dann noch regelrecht verprügelt worden – von den Vertriebenenverbänden.

ZEIT Campus: Warum?

Bade: Weil man die Bezeichnung "Migrant" für abschätzig hielt und nur den "Gastarbeitern" zuordnete, mit denen man als Deutsche nicht in einen Topf geworfen werden wollte. Und doch waren die Vertriebenen oft selber geringschätzig und abweisend behandelt worden, mussten vielfach zwangsweise einquartiert werden und haben viel Ausgrenzung erfahren. Da war oft keine Rede von freundlicher Aufnahme in eine "Schicksalsgemeinschaft".

ZEIT Campus: Lassen Sie uns über das Grundgesetz sprechen. Dort steht: "Politisch Verfolgte genießen Asyl." Das war schon bei der Verabschiedung 1949 umstritten. Warum wurde es trotzdem so beschlossen?

Bade: Auch damals ging es um die Sorge vor Asylmissbrauch und Massenzuwanderung. Am wichtigsten waren in der Diskussion zwei Wortmeldungen: Der SPD-Politiker Carlo Schmid sagte, wenn man Asyl gewähren wolle, müsse man generös sein. Das bedeute im Zweifelsfalle auch, sich in der Person geirrt zu haben. Und auch Hermann von Mangoldt, der Völkerrechtler aus der CDU, plädierte für ein offenes Asylrecht. Er sagte, wenn man diesen vier Wörtern – "Politisch Verfolgte genießen Asyl" – auch nur irgendeine Einschränkung hinzufügen würde, dann wäre an der Grenze eine Prüfung durch Grenzorgane nötig, und damit würde das ganze Gesetz völlig wertlos.