Hope Adams Lehmann teilte sich das Sorgerecht für ihre beiden Kinder mit ihrem geschiedenen Mann – auch eine Seltenheit. © Volk Verlag

Dass Hope Bridges Adams Lehmann ihr Studium überhaupt aufnahm, grenzt an ein Wunder. Ihr Hirn: unfähig. Ihr Geist: zu schwach. Ihre Entscheidungen: zu langsam. Ihr Körper: höchstens zur Arbeit als Hebamme imstande. So sahen das zum Ende des 19. Jahrhunderts zumindest die meisten ihrer zukünftigen Kollegen. Frauen hätten an der Uni nichts zu suchen, schon gar nicht im Medizinstudium. Dafür erfanden die männlichen Ärzte sogar allerlei wissenschaftlich fragwürdige Begründungen. Hope nahm ihr Schicksal nicht hin. Sie schnitt sich die Haare kurz, trug Westen und Hüte, lernte bis zur Erschöpfung und wurde schließlich eine der ersten Ärztinnen Deutschlands.

Sie kommt als Hope Bridges Adams am 17. Dezember 1855 in Hallifort, nahe London, zur Welt. Hope ist die jüngste Tochter des angesehenen Eisenbahnkonstrukteurs und Sozialisten William Bridges Adams, eines Mannes, der sich unter anderem für die frühen radikalen Feministinnen engagiert. Schon als Kind schenkt er Hope gesellschaftskritische Romane und schickt sie auf das erste Frauen-College in England, Bedford. Das wissbegierige Mädchen stößt dort erstmals an Grenzen: Frauen dürfen kein Latein lernen. Ohne Latein kein Abitur, ohne Abitur kein Studium. Der Vater übt auf eigene Faust mit seiner Tochter.

Als er 1882 stirbt, beschließt die Mutter, mit ihr in Dresden neu anzufangen. Hope, gerade fertig mit der Schule, lernt Deutsch und unterrichtet zunächst Englisch. Aber sie will mehr. Im Herbst 1876 schreibt sie sich an der Uni Leipzig für ein Medizinstudium ein – als Gasthörerin, mehr ist Frauen nicht erlaubt. Im Deutschen Ärzteblatt heißt es 1890: "Es wird kaum geleugnet werden können, daß von dem heutigen Geschlechte junge Mädchen aller Stände nur eine verschwindende Mindestzahl den Anstrengungen – nicht einmal des ernsten Studiums, keineswegs den Strapazen ärztlicher Praxis – gewachsen sein wird." Die Professoren an der Uni Leipzig sehen das anders. Als erste deutsche Fakultät hat die medizinische in Leipzig schon 1873 einen Antrag an den Rektor gestellt, Studierende ohne Rücksicht auf ihr Geschlecht zuzulassen. Der Antrag wird abgewiesen.

Hope kann sich das Studium nur leisten, weil sie Gönner hat. Nach dem Tod des Vaters hatte die Zeitschrift der Society of Civil Engineers aufgerufen, für Familie Adams zu spenden. Auch eine Schulvorsteherin aus London unterstützt Hope seitdem. Hope ist eine von 34 Gasthörerinnen der Universität Leipzig. Die einzige Medizinkommilitonin wechselt nach kurzer Zeit in die Schweiz. So machen es viele Frauen in Deutschland, denen das Medizinstudium in dieser Zeit schwer gemacht wird. Hope bleibt. Als einzige Frau hat sie es nicht leicht. Um weniger aufzufallen, kleidet sie sich wie die Männer. Von ihren Kommilitonen wird Hope dennoch gemobbt. Immer wieder findet sie nach der Vorlesung ihren Hut mit Gips befüllt. Wenn ihr Tag an der Uni vorbei ist, fährt sie nach Dresden, um Vorlesungen von August Bebel und anderen Sozialisten zu hören.

Zum Physikum wird sie nicht zugelassen. Als sie dagegen protestiert, darf sie die Prüfung schließlich ablegen, anerkannt wird diese aber nicht. Trotzdem darf Hope weiterstudieren und endlich auch in die Klinik. Dort leistet sie den gleichen Dienst wie ihre männlichen Kollegen. Aber auch zum Staatsexamen lässt man sie nicht zu.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 2/16.

Dann bekommt Hope prominente Unterstützung: erst vom britischen Konsul in Dresden, dann von Kaiserin Auguste Viktoria, die Hope über eine Bekannte kontaktiert und um Hilfe gebeten hat. Hope und die Kaiserin schreiben an das Reichskanzleramt und bitten um Hopes Zulassung – erfolglos. Was dann passiert, ist schwer nachprüfbar. Vermutlich entscheiden Hopes Professoren eigenmächtig, sie heimlich zu prüfen. Sie besteht, aber das Examen wird nicht anerkannt.

Bis Hope in Deutschland offiziell Ärztin wird, werden über 20 Jahre vergehen. Sie promoviert in Bern und bekommt 1881 in Dublin die britische Approbation erteilt. Mit ihrem ersten Mann eröffnet sie eine Praxis in Frankfurt am Main, später ein Lungensanatorium im Schwarzwald. 25 Jahre nach ihrem Abschluss in Leipzig, als Baden und Bayern Frauen zum Medizinstudium zulassen, stellt Hope einen Antrag auf nachträgliche Anerkennung ihres Staatsexamens. Durch einen Bundesratsbeschluss bekommt sie im Jahr 1904 endlich ihren Doktortitel zugestanden.

Als erste Gynäkologin Münchens wird Frauengesundheit ihr großes Thema: Sie spricht sich dagegen aus, dass Frauen Korsett tragen, klärt ihre Patientinnen über Sex und Verhütung auf. Dafür wird sie zwar wieder von vielen männlichen Kollegen verlacht, kann sich aber mit Sozialisten und Friedensaktivisten wie Lenin, August Bebel und Clara Zetkin darüber austauschen.

Lesetipp: Marita Krauss: Hope. Dr. Hope Bridges Adams Lehmann – Ärztin und Visionärin. Die Biografie. Volk Verlag, München 2009