Als Tanja Nijmeijer in den Krieg zieht, hat sie gerade ihre Masterarbeit abgegeben. Sie ist 24 Jahre alt und überlegt: Ich könnte mich als Übersetzerin bewerben. Oder als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni. Stattdessen geht sie nach Kolumbien und schließt sich den Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (Farc) an, einer linken Guerilla-Organisation, die gegen die Regierung kämpft.

Freiwillig zieht sie in einen Bürgerkrieg, vor dem schon mehr als sechs Millionen Menschen geflohen sind. Sie riskiert, nie wieder nach Europa zurückzukehren, nie wieder mit ihren Eltern, ihren beiden Schwestern, ihrer besten Freundin zu sprechen. Sie ist bereit, zu töten und zu sterben.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 2/16.

Es ist acht Uhr früh, doch die Sonne brennt schon, als Tanja Nijmeijer, heute 38, aus einem weißen Mercedes Sprinter mit getönten Scheiben steigt. Hinter dem Absperrband vor dem Palacio de Convenciones drängen sich die Kamerateams. Eilig läuft sie vorbei an einem Schild, auf dem in weiß-blauer Schrift steht: Diálogos de paz, La Habana, Cuba – "Friedensgespräche, Havanna, Kuba". Dann verschwindet Nijmeijer durch einen Eingang, jetzt können ihr keine Kameras mehr folgen. Was hinter den Betonwänden des Gebäudes besprochen wird, ist streng geheim: Hier verhandelt die kolumbianische Regierung mit den Farc über den Frieden.

In Kürze wollen sie ein Abkommen unterzeichnen. Nach mehr als einem halben Jahrhundert der Gewalt könnten sie damit den längsten Bürgerkrieg der Welt beenden. Und Tanja Nijmeijer ist dabei. Als Delegierte diskutiert sie mit über die Zukunft eines ganzen Landes, aber auch über ihre eigene. Gegen Nijmeijer liegt ein internationaler Haftbefehl vor, wegen dreifacher Entführung und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Sollten die Verhandlungen scheitern, muss sie für bis zu 60 Jahre ins Gefängnis. Oder zurück in den Krieg.

Aus der niederländischen Studentin ist heute eines der bekanntesten Gesichter der Guerilla geworden. Nur wie sie dazu wurde, das sieht jeder anders: Ginge es nach der kolumbianischen Regierung, dann müsste man hier wohl die Geschichte einer naiven Europäerin erzählen, die im Dschungel zur brutalen Terroristin wurde. Ginge es nach den Farc, würde das Bild von ihr wohl eher dem von Che Guevara ähneln: die Heldin, die im Dschungel ihr Leben riskiert, um für die Unterdrückten zu kämpfen. Wer ist Tanja Nijmeijer?

Verhandlungspause auf Kuba. Nijmeijer wartet auf einem türkisfarbenen Sessel in einer Bar, gleich neben dem Verhandlungspalast. Vor ihr steht ein Café Cortado, Espresso mit einem Schuss Milch. Sie trägt ein schwarz-weißes Kleid, eng anliegend und ärmellos. Ihre dunklen Haare sind schulterlang, glatt und gestuft. Nur wenig erinnert an die Frau, die auf Videos mit Tarnjacke, Baskenmütze und einem AK-47-Sturmgewehr im Arm im Dickicht hockt. Außer ihrer Körperform: Ihre Schultern sind kantig, ihre Arme muskulös. Über zehn Jahre hat Nijmeijer im kolumbianischen Dschungel gelebt. 25 Kilo Gepäck trug sie dort jeden Tag auf ihrem Rücken, mindestens. Sie hob Schützengräben aus, rannte vor Bombenangriffen davon und baute sich in jedem neuen Lager ein Bett aus Holz und Palmblättern, wie sie erzählt.

Farc - "Der Moment, in dem man zur Waffe greift, ist ein kleiner Schritt" Tanja Nijmeijer wuchs in Holland auf. Nach ihrem Studium reiste sie nach Kolumbien und schloss sich den Farc an. Wie es dazu kam, schildert sie in diesem Interview.


In Havanna joggt Nijmeijer nur noch um einen kleinen See vor ihrem Haus. Tausende Male habe sie ihn schon umrundet, sagt sie. Seit drei Jahren verhandeln die Farc mit der kolumbianischen Regierung auf Kuba. Das Land bietet ihnen den neutralen Boden für die Gespräche über einen Konflikt, der in Kolumbien seit mehr als 50 Jahren kein Ende findet.

Die Farc sind die älteste Guerilla der Welt. In den sechziger Jahren wurden sie von Bauern und linken Aktivisten gegründet, um sich gegen Übergriffe der Armee und von Großgrundbesitzern zu verteidigen. Inspiriert von der kubanischen Revolution, stellten sie politische Forderungen, wie die nach einer gerechteren Landverteilung. Die Regierung bekämpfte die Guerilla, unterstützt von rechten Paramilitärs, die heute für einen Großteil der Gewalttaten verantwortlich sind. Auch die Farc begingen immer schwerere Verbrechen: Sie machten Geschäfte mit Drogenhändlern, entführten Menschen und legten Bomben und Landminen, die auch viele Zivilisten töteten. 220.000 Menschen kamen bis heute in dem Kampf um, 80 Prozent waren Zivilisten. Aus dem Wunsch nach mehr Gerechtigkeit wurde einer der brutalsten Bürgerkriege der Welt.