Slavoj Žižek, 66, schaut auf Fotos recht zuverlässig so, wie es das Klischee des kritischen Intellektuellen verlangt: mürrisch und verschlossen. Im Gespräch ist davon nichts zu spüren, er antwortet gut gelaunt, fast euphorisch. Žižek ist international gefragt, und es gibt kaum eine politische Krise, für die er keine Deutung bereithält. Er müsse sich oft anhören, er sei ein "alter, utopistischer Kommunist", sagt Žižek selbst und streitet den Vorwurf dann heftig ab. Hat er eine Idee, wie man sich politisch interessieren kann, ohne bloß noch überfordert zu sein vom Chaos in der Welt?

ZEIT Campus: Herr Žižek, auf der ganzen Welt werden Sie zu den großen politischen Krisen unserer Zeit befragt. Glauben Sie, mit Ihren Analysen etwas verändern zu können?

Slavoj Žižek: Ich werde immer müder, diese politische Rolle zu spielen und Kommentare zu aktuellen Krisen zu schreiben. Ich arbeite gerade an einem weiteren Buch über Hegel, das ist eigentlich das Einzige, was mich zurzeit wirklich interessiert. Die Realität interessiert mich immer weniger. Das mag wie ein Witz oder eine extreme Position klingen, aber es ist im Kern das, was wir fanatischen Philosophen – und ein paar gibt es ja noch – wirklich denken: dass die Realität nur existiert, damit wir Bücher darüber schreiben können.

ZEIT Campus: Ist die Interpretation der Welt ein guter Weg, um in ihr zurechtzukommen?

Žižek: Absolut! Ja! Wir brauchen kognitive Landkarten. Wo geht die Geschichte hin, was passiert heute? Ich glaube, den letzten großen Versuch, so ein Gesamtbild zu entwerfen, hat Francis Fukuyama unternommen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 2/16.

ZEIT Campus: Der amerikanische Politikwissenschaftler verkündete Anfang der neunziger Jahre das Ende der Geschichte. Die liberale Demokratie werde sich weltweit durchsetzen.

Žižek: Er verbreitete eine grundsätzliche Vorstellung davon, wo wir uns damals historisch befanden und wie die Welt damals als Ganzes zu betrachten sei. Heute ist klar: Fukuyamas Traum ist vorbei. Ich denke nicht, dass wir derzeit irgendeine globale kognitive Weltkarte haben oder auch nur den Ansatz einer Idee, wie wir diese sehr einfachen Fragen beantworten können: Was ist im Moment eigentlich los? Wo bewegen wir uns hin? Was bedeuten all diese Konflikte? Und so weiter.

ZEIT Campus: War die Welt früher einfacher zu verstehen?

Žižek: Die alten kognitiven Landkarten – die christliche, die liberale, welche auch immer –, sie haben sich alle, alle als Illusion erwiesen. Jetzt stellen wir uns der Krise immerhin offen: Wir erleben die Welt mehr und mehr als chaotisch. Dass es an Orientierung fehlt, merkt man auch daran, dass diese paranoiden Verschwörungstheorien heute nur so explodieren.

ZEIT Campus: Sie aber scheinen von Komplexität nicht sonderlich beeindruckt zu sein.

Žižek: Vielleicht bin ich heimlich doch ein alter, naiver Linker. Solche verwirrenden Situationen sind im Allgemeinen gefährlich und katastrophal. Aber sie eröffnen gleichzeitig auch die Möglichkeit für echte Veränderung.

ZEIT Campus: Was meinen Sie damit?

Žižek: Dieser ganze Bullshit von wegen Sympathie und Offenheit gegenüber Flüchtlingen zum Beispiel. Das ist doch nicht die Lösung! Was denken die Leute denn? Dass alle armen Menschen außerhalb unserer sicheren Kuppel, die gesamte Dritte Welt, nach Europa kommen sollen? Nein. Dann wird bloß die Gegenbewegung stark, und Europa wird eine Art Festung, mit rechtsradikalen Parteien an der Macht. Es reicht nicht, einer dieser lächerlichen Linken zu sein und zu denken, dass der Westen schuldig ist und seine Tore öffnen muss. Wenn man weiterdenkt, sieht man doch: Das ist keine echte Veränderung.

ZEIT Campus: Was also ist zu tun?

Žižek: Mir erscheint recht offensichtlich, dass all die Phänomene vom globalen Kapitalismus erzeugt werden. Ich glaube nicht an eine große leninistische Revolution, ich bin ja kein Idiot. Die Zeit dafür ist vorbei! Das 20. Jahrhundert ist vorbei! Aber selbst wenn das utopisch klingen mag: Die Lösung ist eine globale ökonomische Veränderung. Und wir brauchen Mechanismen internationaler Kooperation jenseits der Märkte. Klappt das nicht, steuern wir auf eine neue Apartheid zu. Anders gesagt: Die Horrorszenarios aus Hollywood würden Wirklichkeit. Wissen Sie, ich vertraue Hollywood immer. All diese neuen Blockbuster wie Hunger Games zeigen eine chaotische postapokalyptische Gesellschaft, bei der die einen drinnen und die anderen draußen sind. Wie verhindert man das?

ZEIT Campus: Genau das ist doch ein Problem unserer Zeit: Glaubt man nicht an eine große Utopie, dann bleibt bloß noch Überforderung. Wo soll man anfangen?

Žižek: Wir sollten uns immer bewusst sein, dass die konkreten politischen Probleme, mit denen wir uns befassen, Teil einer globalen Situation sind. Der Kampf gegen TTIP, Umweltschutz, WikiLeaks, das ist alles miteinander verknüpft. Aber: Wenn wir auf die große Revolution warten, wird gar nichts passieren. Wir sollten also an spezifischen Konflikten hier und dort partizipieren in der Hoffnung, dass eine dieser Auseinandersetzungen einen gewissen Fortschritt bringt. Wir müssen aber all diese Kämpfe führen. Ich sage: Wir machen das eine, und etwas Größeres wird dadurch entstehen. Und wir sollten improvisieren. Lenin hat an diesem Punkt gerne Napoleon zitiert: "Wir greifen an und schauen dann mal."