Für jede Ausgabe reist ein ZEIT CAMPUS-Redakteur in eine Uni-Stadt. Wohin es geht, entscheidet der Zufall.

Marie Adrian, 24, drückt in der alten Exerzierhalle in Oldenburg auf eine Plastikhupe: "Tuuut!" Neben ihr sitzen Frauen Mitte dreißig und spielen Tabu mit Begriffen wie: Mitspracherecht, Wohnungsnot, Gewinnmaximierung. Für jeden Begriff, den sie erraten, verteilt Marie Adrian Weltretterpunkte.

Die Halle, in der früher Soldaten marschieren übten, gehört mittlerweile zum Oldenburgischen Staatstheater. Heute feiert hier das interaktive Theaterstück Utopoly Premiere. Dabei geht es um nicht weniger als die Rettung der Welt. Die These: Wegen Krieg, Konsum und Kapitalismus steht die Gesellschaft vor dem Kollaps. An verschiedenen Stationen soll das Publikum zusammen mit den Schauspielern des Theaters und den Studenten erforschen, welche Utopien die Gesellschaft in Zukunft retten könnten: eine Gesellschaft ohne Wachstum? Oder Städte, die auf dem Meer schwimmen? Auch die Frauen am Tabu-Tisch sind Zuschauer.

Marie Adrian studiert an der Uni Oldenburg "Materielle Kultur: Textil". Sie hat das Theaterstück mitentwickelt. "Die Gesellschaft ist an einem Punkt angekommen, an dem etwas passieren muss", findet sie. Deshalb ist das Stück für sie viel mehr als nur Theater. Genau wie für rund ein Dutzend ihrer Kommilitoninnen. Das Stück ist Teil ihres Studiums. Statt in den Hörsaal schicken ihre Professoren sie in diesem Semester auf die Bühne.

Dass Forschungsprojekte den Sprung vom Campus ins kulturelle Leben der Stadt schaffen, ist in Oldenburg nicht ungewöhnlich. Unter dem Titel "Postkollaps – gemeinsam weniger erreichen" kooperiert die Uni schon länger mit dem Theater, zum Beispiel mit Ringvorlesungen zum Thema Postwachstumsökonomie. Viele Professoren und Studenten der Carl von Ossietzky Universität sind der Meinung, dass Praxis mehr bringt als Theorie.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 2/16.

Während auf dem Klimagipfel in Paris Politiker um große Antworten ringen, kümmert man sich in Oldenburg um die kleinen. Es gibt Tauschbörsen für Kleider, einen Verschenkmarkt und ein Repair-Café. Außerdem organisieren Studenten einmal im Jahr die Nachdenkstatt, eine Konferenz mit Workshops rund um das Thema Nachhaltigkeit.

Mit diesen Projekten verändert die Uni langsam die Stadt – und viele der rund 14.000 Studenten. Das gilt auch für Marie Adrian. Sie lebt seit fünf Semestern in Oldenburg. Milch kauft sie nur noch in Flaschen, auf Plastikverpackungen versucht sie ganz zu verzichten. "An der Uni sind nachhaltige Themen immer präsent", sagt sie. "Wir verbrauchen wahllos Ressourcen, verschwenden Rohstoffe. Da muss man bei sich anfangen, etwas zu verändern."

Ähnliches sagt auch Daphne Ebner, 29. Sie ist seit rund einem Jahr Dramaturgin am Oldenburgischen Staatstheater und mitverantwortlich für die Kooperation. "Die Nähe zu Politik und Wissenschaft finde ich extrem wichtig für das Theater", sagt sie. In Oldenburg stoße man mit neuen Themen auf Gehör. "Was mich erstaunt, ist das Publikum. Pfarrer, Hausfrauen, egal – alle scheinen hier offen für Experimente. Oldenburg ist in dieser Hinsicht wirklich phänomenal."

Maßgeblich verantwortlich dafür ist Niko Paech, 56, außerordentlicher Professor des Lehrstuhls für Produktion und Umwelt. Seit Jahren kämpft er gegen die Verschwendung von Ressourcen. Er gilt als Hauptvertreter der Postwachstumstheorie. Die geht davon aus, dass die Wirtschaft besser funktionieren würde ohne das ständige Streben nach Wachstum des Bruttoinlandsproduktes.

"Die Wirtschaft wächst auf Kosten der Natur. Wir plündern den Planeten, die ökonomische Grenze ist erreicht", sagt Paech. Zu seinen Lösungsansätzen gehört unter anderem eine 20-Stunden-Woche. Die restliche Zeit sollen die Menschen nutzen, um selbst zu produzieren und anzupflanzen. "Die einzigen Ideen, die die Welt weiterbringen, sind radikale", sagt Paech. Das Prinzip: reparieren statt wegwerfen, teilen statt besitzen, lokal handeln statt global. "Es gibt keine Rettung für die Gesellschaft in ihrer derzeit von egomanischem Mobilitäts- und Konsumverhalten geprägten Form", sagt Niko Paech. "Aber wenn der Kollaps kommt, haben wir bereits Alternativen erprobt."