Gerade haben sie noch Straßenmusik gemacht – jetzt sind sie eine der erfolgreichsten deutschen Newcomer-Bands: AnnenMayKantereit. Vor ein paar Wochen ist ihr neues Album "Alles nix Konkretes" erschienen, die Tour ist schon fast ausverkauft. Gitarrist Christopher Annen, Sänger Henning May und Schlagzeuger Severin Kantereit kennen sich noch aus der Schule, Bassist Malte Huck kam später dazu. Die Jungs sind Anfang 20, kommen aus Köln-Sülz und singen Lieder übers Älterwerden, über Umziehen und Liebeskummer. An der Uni waren sie auch mal eingeschrieben – wegen des Kindergeldes. Das Interview wird von der Sprecherin des Studentenwerks unterbrochen, sie schenkt jedem einen Jutebeutel. Malte freut sich: "Da steck ich meinen AnnenMayKantereit-Beutel rein. Der war mir eh peinlich."

ZEIT Campus: Ihr wolltet heute in der Mensa den Hintereingang nehmen. Warum?

Severin Kantereit: Wir wussten ja nicht, dass Semesterferien sind. Sonst ist uns das eher unangenehm, wenn alle gucken.

ZEIT Campus: Ihr werdet gerade überall als Newcomer-Band gefeiert, spielt auf Festivals und in großen Konzerthallen. Wenn euch die Aufmerksamkeit peinlich ist, wie wurdet ihr dann so bekannt?

Henning May: Wir hatten nicht geplant, eine Band zu werden. Chrisi, Sevi und ich waren zusammen in der Schule, auf einem Gymnasium gleich hier um die Ecke. Nach dem Abi haben wir zusammen Straßenmusik gemacht. Aber wir hatten keinen Namen und keine eigene Songs. Viele Leute haben uns damals gefragt: Wie heißt ihr, habt ihr eine CD? Wenn man das oft genug hört, denkt man irgendwann: Okay, das ist jetzt Sache.

ZEIT Campus: Wie habt ihr euch finanziert?

Henning: Chrisi hat Gitarrenunterricht gegeben, Sevi hat gekellnert, und da ich bei meinem Vater gelebt habe, hat mir das Geld gereicht, das wir mit der Straßenmusik verdient haben. Geprobt haben wir bei Chrisi, der hatte da schon eine eigene Wohnung. Und hier auf der Uni-Wiese vor der Mensa, weil das der nächste Park war und die Sonne schien.

ZEIT Campus: Ihr wart aber auch an der Uni eingeschrieben. Was habt ihr studiert?

Alle: Nichts!

ZEIT Campus: Wie jetzt?

Henning: Na ja, mein Vater hat damals gesagt: Wenn die Versicherung anruft, und du hast keine Creditpoints, dann kriegst du was auf den Arsch. Darum habe ich ein paar Klausuren in Sonderpädagogik geschrieben. Ich war der einzige Junge, sonst haben das nur Mädchen studiert. Das war nicht mein Ding.

ZEIT Campus: Warum das denn nicht?

Henning: Alle gucken einen an, das kann auch blöd sein. Nach einem Semester habe ich mich exmatrikuliert.

Severin: Was hab ich noch mal studiert?

Christopher Annen: Literaturwissenschaften, genau wie ich. Das war wegen des Kindergeldes.

ZEIT Campus: Auf YouTube gibt es ein Video von euch bei einem Musik-Flashmob in einer Vorlesung. Wie kam das?

Henning: Ein Kumpel hat das damals vorgeschlagen. Er meinte: Mein Dozent in Englische Geschichte ist cool, macht das mal. Da haben wir uns reingesetzt und angefangen zu spielen. Ich hatte echt Muffensausen. Die Leute hätten ja sagen können: Verpisst euch!

Severin: Oder: Alter, was sind denn das für vercheckte Dudes, die hier Mucke machen?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 3/16.

Henning: Manchmal finden wir es schade, dass wir keine Studentenzeit hatten. Wir verbringen unsere 20er unter gewisser Beobachtung. Wenn man studiert, hat man mehr Freiheiten, man muss nicht zu jeder Vorlesung gehen. Wir können ein Konzert nicht einfach absagen. Wir verdienen damit unser Geld.

ZEIT Campus: Neuerdings gehört auch Malte zu euch. Seid ihr heute noch Freunde oder eher Kollegen?

Severin: Freunde! Natürlich muss man auch mal ein bisschen Abstand gewinnen. Wir sind die ganze Zeit gemeinsam unterwegs, und Henning und ich wohnen ja auch in einer WG zusammen. Aber wenn man sich vorstellt, man würde das alles allein erleben, als Solokünstler, da würde keiner von uns drauf klarkommen.

Henning: Für mich ist es total schön, dass wir alle in der gleichen Lebenswelt sind. Egal, welche Liedtexte ich schreibe: Die anderen können das mitfühlen. Ob das jetzt Fernbeziehungen sind oder ungeputzte WG-Zimmer.

ZEIT Campus: Habt ihr das alles selbst erlebt?

Severin: Natürlich. Wir erleben Sachen zusammen oder jeder für sich, dann reden wir darüber, und es entsteht ein gemeinsames Gefühl dafür. Jeder geht damit ein bisschen anders um, und Henning kann das dann gut in Texte verpacken.

ZEIT Campus: Ihr singt oft über gescheiterte Beziehungen. Habt ihr viel Liebeskummer?

Severin: Das ist schon ein großes Thema für uns, das kann man nicht abstreiten.

ZEIT Campus: Ein Lied auf der neuen Platte heißt Pocahontas. Wer ist Pocahontas?

Malte Huck: So eine Disneyfigur.

Henning: Ich habe ein Mädchen mal so genannt – also nicht wenn andere dabei waren, sondern wenn wir intim waren. Pocahontas ist die schönste Indianerfrau!

ZEIT Campus: In dem Lied Barfuß am Klavier singst du davon, wie eine Frau nackt im Bett liegt, während du Klavier spielst.

Henning: Das war ein anderes Mädchen. Dieses Lied ist mir wichtig, weil es das erste war, das ich geschrieben habe. Und das den Leuten gefiel. Da war ich noch in der Schule.

ZEIT Campus: Auf eurer Website steht: "Wütende Jugend trifft auf einfühlsame Balladen." So wütend wirkt ihr nicht.

Ich hab keinen Bock auf ein Smartphone, ich will nicht immer erreichbar sein
Henning May

Henning: Den Satz hat ein Freund geschrieben. Wir mussten da auch erst mal ein bisschen lachen, fanden ihn dann aber ganz schön. Er bezieht sich auf das Lied 21, 22, 23, es geht darum, dass alle sagen, man könne als junger Mensch doch noch gar nicht wissen, was man will. Das hat schon eine gewisse Wut.

ZEIT Campus: Ihr habt uralte Handys, ihr träumt davon, in einer Altbauwohnung zu wohnen, und bei wichtigen Fragen beraten euch die Eltern. Seid ihr Spießer?

Henning: Ich hab keinen Bock auf ein Smartphone, ich will nicht immer erreichbar sein. Das mit der Altbauwohnung war ein konkreter Wunsch, ich mag hohe Decken, ich mag Stuck. Wir sind keine Spießer, aber wir müssen auch nicht immer aufregend sein.

Severin: Zumal wir die ganze Zeit aufregende Sachen erleben. Im Sommer spielen wir auf Festivals, das ist das Gegenteil von Spießigkeit.

ZEIT Campus: In Zeitungsartikeln über euch steht, ihr repräsentiert die "Generation Y" und die "Generation Tinder". Findet ihr das auch?

Henning: Darüber hab ich mich aufgeregt. Ich lass mich gerne einordnen als junger, höflicher Mensch. Aber so nicht.

Severin: Keiner von uns hat jemals Tinder benutzt ...

Malte: ... und wir sehen uns nicht als Stellvertreter einer Generation. Wer ist überhaupt diese Generation?

ZEIT Campus: Henning, du wist wegen deiner tiefen, rauen Stimme oft mit Rio Reiser verglichen. Magst du das?

Henning: Nein! Ich finde den toll. Aber das ist so, wie wenn du Fußball spielst, Landesliga, ganz weit unten. Und jemand sagt: Du bist der nächste Zinédine Zidane. Dann denkst du auch: Ja, wer’s glaubt.

ZEIT Campus: Auf dem Cover eurer ersten Platte ist ein roter VW-Bus zu sehen, die Musikvideos dreht ihr im Wald, und auf Instagram postet ihr Fotos von euch beim Fußballspielen im Sonnenuntergang. Inszeniert ihr euch damit nicht auch selbst?

Severin: Man darf nicht allem, was wir tun, eine Strategie unterstellen. Der Bus zum Beispiel ist für uns ein Glückssymbol. Deshalb dachten wir, okay, wir stellen den Bus in den Hennefer Wald. Das ist ein schöner Wald, und das Foto finden wir auch schön.

ZEIT Campus: Wen wollt ihr mit eurer Musik ansprechen?

Henning: Erst mal uns selbst. Das Publikum ist immer anders. In Innsbruck waren bei einem Konzert nur zehn Männer und 300 Frauen, da sind wir uns wie eine Teenie-Band vorgekommen. Aber wir haben auch schon viele Alte-Leute-Gigs gemacht. Bei YouTube sind die meisten Klicks von Leuten unter 18, bei iTunes wiederum sind 60 Prozent der Käufer männlich, die Hälfte davon ist über 40 Jahre alt.

Manchmal zeigen auch Leute mit dem Finger auf dich, dann fühlst du dich wie ein Tier
Malte Huck

ZEIT Campus: Ihr seid jetzt ständig auf Tour, schafft ihr es da noch, ab und zu auf WG-Partys zu gehen?

Severin: Wenn wir mal in Köln sind, dann schon. Wir sind aber alle nicht total feierwütig. Manchmal drücken wir uns auch und spielen lieber zu Hause Playstation. Weil die Gespräche oft recht einseitig sind: Die Leute wollen was über uns wissen, erzählen aber nichts von sich. Wir wissen auch nicht so genau, warum, und finden das schade. Auch in Bars werden wir oft angelabert. Klar sind wir stolz darauf, aber es ist auch schön, seine Ruhe zu haben.

Malte: Manchmal zeigen auch Leute mit dem Finger auf dich, dann fühlst du dich wie ein Tier.

Henning: Gute Freunde wissen, dass wir uns abends lieber über Fußball, Politik oder Taylor Swift unterhalten.

ZEIT Campus: Gerade habt ihr einen Plattenvertrag bei Universal, dem größten Label der Welt, unterschrieben. Bis jetzt wurdet ihr vor allem für eure Natürlichkeit gefeiert.

Henning: Und ihr glaubt, die geht nun verloren? Natürlich besteht die Gefahr, wenn du mit einem großen Label zusammenarbeitest, dass sie dir was aufdrängen wollen. Aber wir haben uns mit der Entscheidung viel Zeit gelassen und gut verhandelt.

ZEIT Campus: Ihr lebt ein komplett anderes Leben als in der Zeit, als eure Lieder entstanden sind. Findet ihr noch Themen für Texte?

Henning: Klar! Natürlich unterscheidet sich unsere Realität mittlerweile extrem von der unserer Freunde. Aber es gibt Dinge, mit denen jeder Mensch kämpft. Liebe, Freundschaft, Verlust, Erwartungen an sich selbst. Ohne Spaß, ich kann euch jetzt aus dem Stegreif 40 Themen aufzählen. Ich mache mir keine Sorgen, dass uns der Stoff ausgeht.