Löten, Kleben, Feilen: Firmen wie Bosch oder Siemens wollen kreative Ideen. Darum schicken sie ihre Ingenieure wieder in die Werkstatt – zum Basteln

In der Forschungsabteilung von Siemens riecht es nach angebranntem Holz. Iason Vittorias öffnet den Deckel des Lasercutters, warme Luft entweicht, er zieht ein kleines Rechteck aus dünnem Sperrholz heraus. Was das ist? Verrät Vittorias nicht. "Solange die Ideen nicht fertig sind, kann ich nur mit meinen Kollegen darüber sprechen", sagt er.

Iason Vittorias, 31, trägt Hornbrille, einen schwarzen Strickpullover und Skinny Jeans. Er ist Elektroingenieur, sein Diplom hat er an der Universität Thessaloniki gemacht, die Promotion an der Technischen Universität in München. Vor einiger Zeit hat ihn Siemens in diese Werkstatt geschickt – zum Basteln auf Betriebskosten. Drei- oder viermal pro Woche kommt Vittorias nun in den sogenannten Maker Space im sechsten Stock der internen Forschungsabteilung von Siemens in München-Neuperlach. Spitzname: "Legoland".

Immer mehr etablierte Firmen schicken ihre jungen, hoch qualifizierten Ingenieure in Werkstätten wie diese und drücken ihnen Lötkolben oder Legosteine in die Hand. BMW finanziert einen Maker Space an der Technischen Universität München zu 60 Prozent und lässt seine Mitarbeiter dort werkeln. Auch Spartenfirmen bauen Hightech-Werkstätten, wie das Orthopädieunternehmen Ottobock in Berlin. Der Auftrag der Ingenieure lautet überall: "Macht mal."

An der Decke im Maker Space in München zittert das Neonlicht, Werkbänke und Hocker stehen im Raum, Mehrfachsteckdosen hängen von der Decke. Unter der Arbeitsplatte klemmen Schubladen: Worte wie "Kleber", "Schutzbrillen", "Hammer" stehen darauf. Vittorias baut hier vor allem Prototypen von Bauteilen aus Kunststoffen, Stahl oder Sperrholz, so viel darf er dann doch verraten.

Vittorias ist Experte für Robotik und Mechatronik. Zusammen mit seinem Team entwickelt er bei Siemens sogenannte "Vorfeldtechnologien" für neue Produkte und Geräte. Die Ingenieure des Konzerns konstruieren zum Beispiel Windräder oder Lokomotiven – und wenn sie an einer Stelle nicht weiterkommen, wenden sie sich an die Forschungsabteilung, in der Vittorias arbeitet. "Wenn unsere Ideen greifbar sind, unsere Auftraggeber sie mal in die Hand nehmen und ausprobieren können", sagt er, "können wir sie leichter überzeugen."

Inspiriert wurden die neuen, professionellen Hobbyräume von der Maker-Szene aus den USA. Sie entwickelte sich etwa zur Jahrtausendwende um das berühmte Massachusetts Institute of Technology in Boston. Ihr Ziel: Jeder soll ein technisches Problem ohne teure Speziallösungen umsetzen können. In ihren Anfangstagen bauten die Selber-macher zum Beispiel eigene Drohnen oder verwandelten ihre Fernseher in der Werkstatt mit billiger Technik und ein bisschen Lötzinn in Smart-TVs.

Am Anfang belächelten die Großkonzerne die Bastelbewegung noch, mittlerweile macht sie sie nervös. Denn heute kommen schon mal bahnbrechende Innovationen aus den Hobbywerkstätten: George Hotz, 26, jener Hacker, der als Erster die Software des iPhones knackte, baute zum Beispiel 2015 im Alleingang einen normalen Kleinwagen in ein selbstfahrendes Hightech-Auto um. Der Computerspielnerd Palmer Luckey, 23, entwickelte 2012 in seiner Garage den Prototypen der Datenbrille Oculus Rift, der inzwischen zugetraut wird, dass sie den Markt für Unterhaltungselektronik revolutioniert.

In vielen Unternehmen werkeln Ingenieure gar nicht mehr oder allein im Büro

Die Maker-Szene profitiert davon, dass Platinen, hochauflösende Kameras oder Sensoren seit einiger Zeit günstig zu kaufen sind. Open-Source-Software, 3-D-Drucker und die schnelle Kommunikation machen neue Ideen heute leichter umsetzbar denn je. Wenn man irgendwo nicht weiterweiß, fragt man die anderen Macher in einem der zahlreichen Internetforen.

Die Maker haben ein Defizit der Technologiekonzerne offengelegt: In vielen Unternehmen werkeln die Ingenieure entweder gar nicht mehr oder allein in ihrem Büro an Ideen. Die Konstruktionen lassen sie danach oft nur auf dem Rechner entstehen. Ihre Gedankenwelt spielt sich vor allem zwischen den Vektoren und Matrizen in der Simulationssoftware ab. Gebaut werden die Erfindungen später von anderen. Ob sie sich aber überhaupt umsetzen lassen, zeigt sich erst nach einiger Zeit. Umwelteinflüsse wie Luftdruck oder die Reibungswerte von Öl sind schwer zu simulieren. Das soll sich nun ändern.

"Man musste merken, dass das Erfinden nicht nach Rezept funktioniert", sagt Matthias Hermes, Professor für Fertigungstechnik an der Fachhochschule Südwestfalen. Mal brauche es Chaos und Freiheiten, mal Beharrlichkeit nach dem Scheitern. "Das räumliche Denken bleibt in der Ingenieurausbildung heute oft auf der Strecke", sagt er. Auch Hermes bringt seine Studenten zurück zum Tüfteln. Sein Motto: "Ein Maler hat Pinsel und Farbe, wir haben unser Werkzeug."

Das Denken mit den Händen ist für Ingenieure sehr wichtig
Matthias Hermes

Als Jugendlicher hat Hermes eine Ausbildung zum Werkzeugmacher absolviert, dann an der TU Dortmund Maschinenbau studiert. Später leitete er dort am Institut für Umformtechnik und Leichtbau eine Forschungsgruppe. Er hat neue Metalle erforscht und wie man sie am besten verarbeiten kann. Als er zur FH Südwestfalen kam, wollte die Hochschule gerade die Metallwerkstatt abschaffen. Hermes hat sie gerettet – jetzt stehen seine Studenten an den Werkbänken. Im Projektlabor überarbeiten sie zum Beispiel die Metallkomponente einer Autoachse. Biegt man das Teil, oder gießt man es? Welches Material wäre das beste? "Manchmal kommt Käse dabei heraus", sagt Matthias Hermes. "Aber manchmal bin ich richtig fasziniert von dem Ergebnis." Es gehe ihm dabei um das gedankliche Experiment – "das Denken mit den Händen ist für Ingenieure sehr wichtig".

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 3/16.

Die Großunternehmen haben mittlerweile erkannt, was die Werkstätten der Maker-Szene ihnen voraushaben – und versuchen, sich diese Stärke zurückzuholen. In den Bastlerwerkstätten der neuen Generation sollen Forschungsingenieure ihre Ideen möglichst schnell und günstig in Modelle oder Prototypen umarbeiten, ohne dass sie dafür lange Anträge stellen und Budgets erkämpfen müssen. Das, so die Hoffnung, kann schnell zu neuen Erfindungen führen. Ingenieure stellen an der Werkbank auch schneller als nur am Rechner fest, wenn etwas nicht passt.

Das Unternehmen Bosch widmet der Bastelbewegung gleich eine ganze Etage: Ganz oben, im zwölften Stock des Firmengeländes in Renningen bei Stuttgart, soll jetzt das kreative Zentrum des Unternehmens sitzen: die neue Platform 12, eine Erfinderwerkstatt; voll verglast, mit weitem Blick ins Neckarland. Auf dem Boden liegt Holzparkett, dänische Sofas stehen breit vor den Fenstern. Dazwischen sind ein paar alte Industriemöbel gewürfelt, von denen die Farbe abplatzt. In einer Ecke ein Stapel Kiefernholzlatten. Eine große Palette Akkuschrauber wartet darauf, benutzt zu werden; es gibt Werkbänke, Schreibtische, da steht ein 3-D-Drucker. Dort liegen Knete, Hasendraht, Schaumstoffkügelchen und Lego. Ein graues Campingzelt ist in der Mitte aufgebaut. Hier soll Chaos herrschen, aufräumen ist verboten – die Unordnung allerdings wirkt wie aus dem Katalog.

Am Arbeitsplatz hat man oft zu viel mit dem Tagesgeschäft zu tun
Florian Malchow

"Ich komme hierher, wenn ich meinen Kopf freibekommen möchte", sagt Softwareingenieur Florian Malchow, 34. "Dann hole ich mir einen Kaffee und lasse mich vom Chaos inspirieren." Auf diese Weise sollen Innovationen entstehen, mit denen Bosch in zehn oder zwanzig Jahren Geld verdienen kann. Das ist die Idee. Florian Malchow leitet bei Bosch ein Forschungsprojekt, das an Elektroantrieben arbeitet – sie sollen schnell auf Touren kommen, aber leise bleiben, ohne Klappern und Zischen. Meistens programmiert er. Eigentlich gäbe es bei Bosch ein Angebot, demzufolge jeder Mitarbeiter zehn Prozent seiner Arbeitszeit in eigene Tüfteleien stecken darf, erzählt Malchow – "aber am Arbeitsplatz hat man oft zu viel mit dem Tagesgeschäft zu tun". Durch die Platform 12 sollen nun mehr Mitarbeiter auf die Idee kommen, es zumindest einmal zu versuchen. Der große, helle Raum mit Aussicht auf Wiesen, Wälder und Parkplätze soll bei den Ingenieuren kindliche Freude wecken – wie früher die erste eigene Werkstatt, der Hobbyraum oder die Kiste mit den Legosteinen. Eine Art Bällebad für Ingenieure also. Auch die Werkstätten der Maker-Studenten in den USA waren im Prinzip nichts anderes als eine ziemlich große Spielecke.

Obwohl schon einige Unternehmen auf die Bastelbewegung setzen, müssen Ingenieure, die wieder richtig tüfteln möchten, oft noch schräge Blicke von den Kollegen aushalten, sagt Florian Malchow. "Dass es einen Sinn hat, wenn man als Erwachsener mit Legosteinen baut, verstehen nicht alle sofort."