Ständig vor Gericht, Milliardenverluste, Stellenabbau: Die Deutsche Bank steckt in einer der größten Krisen ihrer Geschichte. Was bedeutet das für Berufseinsteiger?

Robert Marks* ist der perfekte Mann. Er ist 23 Jahre alt, studiert Volkswirtschaftslehre an einer bekannten Wirtschaftsuniversität, seine Noten sind hervorragend, er hat schon Praktika gemacht bei der Schweizer Großbank UBS und bei Goldman Sachs in London. Marks will Investmentbanker werden, er sagt: "Ich möchte verstehen, wie die großen Finanzströme das Weltgeschehen mitbestimmen." Die Deutsche Bank könnte jemanden wie Marks gut gebrauchen. Doch für Marks kommt die Deutsche Bank als Arbeitgeber gerade nicht mehr infrage.

Was ist da los? Jahrelang war die Deutsche Bank das Traumziel für Wirtschaftsstudenten wie Marks. Für Absolventen, die richtig hoch hinaus wollten, die hungrig waren nach Macht, Geld und Erfolg. Die einzige deutsche Bank, die auch international einen Namen hatte, die auf Augenhöhe war mit Goldman Sachs und JP Morgan und die ganz großen Deals einfädelte. Eine Karriere führte hinaus in die glänzende Welt des Finanzkapitalismus, man traf Unternehmenschefs und Politiker und konnte bei Börsengängen und Fusionen ganze Branchen verändern. Dagegen wirkten selbst BMW und Siemens irgendwie staubig.

Doch das ist vorbei. Das größte deutsche Geldinstitut steckt in der tiefsten Krise seiner Geschichte: In 6000 Rechtsstreitigkeiten ist die Bank momentan verwickelt, mehrere Manager stehen vor Gericht, darunter auch der Co-Chef Jürgen Fitschen. Steuerbetrug, Falschaussagen, manipulierte Zinssätze, überall ist die Deutsche Bank dabei. Hinzu kommt: Die Bank machte im vergangenen Jahr 6,8 Milliarden Euro Verlust, so viel wie noch nie. Ihr Börsenwert hat sich halbiert. Die Folge: Mehr als 200 Filialen sollen dichtgemacht werden, weltweit werden rund 9.000 Stellen gestrichen, 4.000 davon in Deutschland. Inzwischen fragen sich viele Absolventen daher: Will ich da wirklich hin?

Auch Marks hat sich diese Frage mit der Zeit immer öfter gestellt. "Die schlechten Nachrichten zeigen doch, dass das Management den Laden nicht im Griff hat", sagt er. Unter ihrem ehemaligen Chef Josef Ackermann war die Bank Anfang des Jahrtausends zur international bedeutenden Investmentbank aufgestiegen. Zu einem hohen Preis: Statt auf langfristige Kundenbeziehungen setzte Ackermann auf kurzfristige Rendite. Seine Nachfolger Anshu Jain und Jürgen Fitschen versprachen einen Kulturwandel, doch viel geändert hat sich nicht. Die Zahlen wurden schlechter. Genau wie die Stimmung: Die Deutsche Bank verlor ihre Identität und ihren Kurs. Mittelstandskredite und Vermögensverwaltung für wohlhabende Kunden, zwei Bereiche, auf die sich die Bank nun konzentrieren will, begeistern nur wenige. Viele Absolventen fürchten, dass sie zur biederen Hausbank wird und Dienstreisen nur nach Essen und Stuttgart führen statt nach New York und Tokio. Der Lack ist ab.

Dabei ist die Deutsche Bank nicht das einzige Geldinstitut mit Schwierigkeiten. Es ist eine harte Zeit für die gesamte Finanzbranche. Weil Zentralbanken auf der ganzen Welt günstig Geld verleihen, um das Wirtschaftswachstum zu unterstützen, sind die Zinsen seit Jahren niedrig. Gleichzeitig steigen die Kosten, weil Banken immer neue Regeln und Vorschriften beachten müssen. So können sie weder im Privat- noch im Firmenkundengeschäft viel verdienen. Und auch im Investmentbanking, gerade für Großbanken über Jahre der wichtigste Geschäftsbereich, ist die Ära der Mega-Deals vorbei – zu unsicher entwickelt sich die globale Konjunktur.

Also wird gekürzt, wo es nur geht. "Banken stellen momentan alles auf den Prüfstand, um zu schauen, wo sich Kosten sparen lassen", sagt Stephan Bahns, verantwortlich für den Bank- und Finanzdienstleistungssektor bei der Personalberatung Robert Half. "Das trifft vor allem das Filialgeschäft, aber auch das Investmentbanking." Die Commerzbank, die zweitgrößte deutsche Bank, ist gerade dabei, mehr als 5.000 Stellen abzubauen. Insgesamt könnten in der Branche in den kommenden zehn Jahren 125.000 Arbeitsplätze wegfallen, schätzt die Unternehmensberatung Bain & Company in einer aktuellen Analyse. Bei ausländischen Banken sieht es nicht viel besser aus. Allein die britische HSBC, Europas größte Bank, will weltweit bis zu 50.000 Stellen streichen.

Die Mitarbeiter sind verunsichert. Wer bei der Deutschen Bank konkret gehen muss, wird nicht gesagt. "Bin ich der Nächste?", fragen sich viele. Auch die Bonuszahlungen sollen sinken. Im Jahr 2009 zahlte das Unternehmen insgesamt 4,8 Milliarden Euro als Boni aus. 2014 waren es nur noch 2,7 Milliarden Euro. Jetzt sollen sie noch mal um 15 Prozent sinken, wie das Handelsblatt berichtete. So mancher, auch langjährige Mitarbeiter schaut sich bereits nach einem neuen Job um, so ist es aus der Bank zu hören.

Robin Buschmann hat diesen Schritt schon hinter sich. Der 35-Jährige trägt nicht mehr Anzug und Krawatte, sondern Jeans und Kapuzenpulli. Und statt im Deutsche-Bank-Turm steht sein Schreibtisch in einem unscheinbaren grauen Bürogebäude im Frankfurter Stadtteil Hausen, am nordwestlichen Stadtrand. Giromatch steht auf dem Klingelschild – so heißt das Start-up, das Buschmann 2014 zusammen mit zwei Freunden gegründet hat. Mit ihrer Internetplattform wollen die drei Gründer gleich zwei klassische Bankgeschäfte revolutionieren: Geldanlage und Kreditvergabe. Wenn jemand Geld anlegen will und ein anderer einen Kredit braucht, bringt Giromatch beide zusammen: Die Zinsen des einen sind die Rendite des anderen. Für Pausen im stressigen Start-up-Alltag haben sich die Gründer einen kleinen Fitnessraum eingerichtet. Und draußen auf dem Flur steht ein Tischkicker.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 3/16.

Vor drei Jahren sah das Arbeitsleben von Robin Buschmann noch ganz anders aus. Mit damals 32 Jahren war er bei der Deutschen Bank in der Abteilung Covered Bonds zuständig für das Portfoliomanagement. "Mein Job hat mir unglaublich viel Spaß gemacht", sagt Buschmann. Doch schon als er seine Kündigung einreichte, spürte Buschmann, dass die Unzufriedenheit innerhalb der Bank wuchs. "Immer mehr jungen Kollegen wurde damals klar, dass sie nie die Gehälter erreichen werden wie die ältere Generation", sagt er. Auch Buschmann wollte lieber etwas wachsen sehen und die Zukunft der Bankbranche mitentwickeln, als die alten Strukturen zu verwalten. Dafür ging er ein Risiko ein, gründete sein Start-up – und nahm in Kauf, erst mal weniger zu verdienen als in seiner Zeit als Investmentbanker.

Für viele Banker geht es inzwischen um mehr als nur um Geld und Prestige, auch sie wollen eine Arbeit mit einem tieferen Sinn machen. Laut einer Studie der Online-Jobbörse Stepstone achten drei von vier Absolventen beim Berufseinstieg auf die Reputation ihrer neuen Firma. Mit ihren zahlreichen Gerichtsprozessen und fragwürdigen Geschäften schneidet die Deutsche Bank da momentan schlecht ab.

Auch Robert Marks will nicht einfach möglichst schnell möglichst viel Geld verdienen. Warum sind manche Länder arm, andere reich? Was muss passieren, damit ein Land den Aufstieg schafft? Solche Fragen beschäftigen ihn. Noch gut erinnert er sich an die Fernsehbilder, als 2012 die Deutsche Bank wegen des Verdachts des Umsatzsteuerbetrugs mit CO₂-Emissionszertifikaten durchsucht wurde: Eine lange Reihe blau-weißer Polizeiwagen vor den einst so stolzen Glastürmen. Polizisten in schwarzer Weste, die durch die Eingangshalle strömen. "Das war für mich ein Schock", sagt er. "Ich möchte nicht für eine Bank arbeiten, die in kriminelle Machenschaften verwickelt ist."

Zwischen all den Zweiflern gibt es sie aber doch noch: Menschen, die daran glauben, dass die Bank ihre Krise überwinden wird. So wie Paul Reiber*. Der Betriebswirt wird in wenigen Monaten seine Masterarbeit abgeben. Ein Jobangebot von Goldman Sachs hat er abgelehnt. Stattdessen fängt er bei der Deutschen Bank in London an. Eine Entscheidung, für die ihn viele seiner Kommilitonen für verrückt erklärten. Das deutsche Geldinstitut statt Goldman Sachs: Das sei, als hätte er einen Ferrari haben können und sich für einen Smart entschieden. Für einen, der dringend in die Werkstatt müsste.

Reiber bereut seine Entscheidung nicht. "In der Bank verändert sich gerade einiges. Dabei kann ich viel lernen", sagt er. Im vergangenen Jahr hat er bereits ein Praktikum bei der Deutschen Bank gemacht und miterlebt, wie sich seine Kollegen freuten, als John Cryan zum neuen Chef ernannt wurde. Er spürte Aufbruchsstimmung. "Allen war klar, dass der Anfang nicht leicht wird. Trotzdem war die Stimmung sehr positiv", sagt er.