Warum grübeln wir? Welche Entscheidungen machen glücklich? Lohnt sich Bereuen? Eine Philosophin, ein Neurowissenschaftler und ein Psychologe antworten

Grübeln

Was ist eine gute Entscheidung? Darüber denken Philosophen seit Jahrhunderten nach. Kann man von ihnen etwas über das Grübeln lernen? Fragen an Dagmar Borchers, die Leiterin des Studiengangs "Komplexes Entscheiden"

Dagmar Borchers: Warum wollten Sie mit mir ausgerechnet über das Grübeln sprechen?

ZEIT Campus: Stört Sie das?

Borchers: Es irritiert mich ein bisschen. Warum nicht über das Nachdenken? Grübeln ist ja eher negativ konnotiert. Ein Nachdenken, das sich verfranst, bei dem man nicht vom Fleck kommt.

ZEIT Campus: Entscheidungen zu treffen ist ja auch oft nicht leicht.

Borchers: Das stimmt. Eben genau dann, wenn wir grübeln statt nachdenken: Anstatt zielorientiert die Optionen vor uns auszubreiten, drehen wir uns im Kreis.

ZEIT Campus: Wundert Sie das? Von manchen Entscheidungen hängt schließlich auch sehr viel ab. Etwa von der Wahl eines Masterstudiengangs. Da kann man schon ins Grübeln kommen.

Borchers: Das würde ich nicht unbedingt sagen. Ich denke, dass von vielen Entscheidungen sehr viel weniger abhängt, als wir denken. Aber tatsächlich kommen uns Entscheidungen immer dann besonders schwer vor, wenn wir die Konsequenzen nicht überschauen können. Das macht Angst.

ZEIT Campus: Heute schreiben Autoren dicke Bücher über das Entscheiden. Sie selbst leiten sogar einen Studiengang zu dem Thema. Hat das Menschen schon immer so interessiert?

Borchers: Philosophen beschäftigen sich schon seit der Antike mit der Frage, wie und warum wir Entscheidungen fällen. Heute können wir vielleicht mehr Dinge frei entscheiden, aber die Unüberschaubarkeit der Konsequenzen war schon immer ein Problem. Früher waren Menschen mit denselben existenziellen Fragen konfrontiert wie heute, oft sogar noch stärker: Wie bestreite ich meinen Lebensunterhalt? Wie verhindere ich, dass ich krank werde? Und natürlich die Angst vor dem Tod, die bei vielen Entscheidungen eine wichtige Rolle spielt. Damit haben sich schon die griechischen Philosophen Epikur, Platon und Aristoteles intensiv auseinandergesetzt.

ZEIT Campus: Sind sich die Philosophen denn darüber einig, was eine gute Entscheidung ausmacht?

Borchers: Nein, da unterscheiden sich die Denkschulen. Gerade bei der Frage: Wie wichtig sind die Konsequenzen? Für die Deontologen haben die Konsequenzen überhaupt keine Rolle gespielt, sondern nur der Moment der Entscheidung. Kant war zum Beispiel überzeugt, dass man unter keinen Umständen lügen dürfe. Er selbst nannte das Beispiel: Wenn man einen Verfolgten bei sich versteckt und die Polizei nach ihm fragt, müsse man die Wahrheit sagen, egal, was danach passiert.

ZEIT Campus: Da würden ihm viele entschieden widersprechen.

Borchers: Vor allem die Konsequentialisten. Sie waren der Meinung: Ob eine Entscheidung richtig ist, hängt einzig und allein von den Folgen ab, die sie nach sich zieht. Das war damals ein großer Dissenz. Und der wird auch heute noch an vielen Debatten deutlich. Soll man ein Flugzeug abschießen, das in ein Hochhaus zu fliegen droht? Darf ein Polizist einem Entführer Gewalt androhen, um das Leben eines Kindes zu retten?

ZEIT Campus: Ein leichteres Beispiel: Fremdgehen. Sollte man es lieber bleiben lassen, weil man später Probleme bekommen kann, oder machen, weil man gerade in diesem Moment Lust dazu hat? Nach dem Motto: "Man lebt nur einmal"?

Borchers: Sie sprechen den ältesten Konflikt überhaupt an – den zwischen Leidenschaft und Vernunft, Moral und Verlangen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 3/16.

ZEIT Campus: Gibt es Philosophen, denen Leidenschaft wichtiger ist als Vernunft?

Borchers: Natürlich! Dem Philosophen David Hume zum Beispiel, der im 18. Jahrhundert in Schottland gelebt hat. Er ging davon aus: Der Impuls für eine Entscheidung ist immer ein Gefühl, nie die Vernunft. Auch Arthur Schopenhauer sah das ähnlich. Oder Friedrich Nietzsche, der das ganze Rationalitätsgerede für oberflächlich hielt und sagte: "Wir sind festgeschnallt auf dem Rücken eines Tigers."

ZEIT Campus: Also wäre in diesem Fall fremdgehen die richtige Entscheidung?

Borchers: Na ja, aber nur versehen mit dem dicken Hinweis "richtig – für mich". Das Anliegen der Philosophie war immer auch zu sagen: Leute, was für euch richtig ist, muss nicht auch von einem objektiven Standpunkt aus betrachtet das Richtige sein. Wenn jeder nur wählen würde, was für ihn das Beste ist, würden wir ja in einer furchtbaren Welt leben.

ZEIT Campus: Wenn sich schon die großen Philosophen nicht einigen konnten, wie man gute Entscheidungen fällt, wie sollen wir das heute herausfinden?

Borchers: Indem man erst mal überlegt: Was kann ich überhaupt selbst entscheiden? Die Denkschule der Stoiker war zum Beispiel überzeugt: Ganz gleich, wie das Leben läuft, wir müssen durch Nachdenken zu der Einsicht kommen, dass wir uns keine Gedanken machen müssen.

ZEIT Campus: Das klingt paradox.

Borchers: Ist es aber nicht. Schon Epikur ging davon aus, dass wir nur intensiv über die Dinge nachdenken müssen und eine Haltung zu ihnen entwickeln – dann fällt es uns nicht mehr so schwer, damit umzugehen. Statt an kleinen Dingen zu verzweifeln, müssen wir uns die wichtigen Fragen stellen. In der antiken Tugendethik war das: Wie soll ich sein? Bei den Moralphilosophen wie Kant wurde daraus: Was soll ich tun? Wenn man sich klarmacht, was die eigenen Werte sind, was mir im Leben wichtig ist, was ich erreichen will, muss ich über viele andere Fragen gar nicht lange grübeln.

ZEIT Campus: Aber das bewahrt einen ja trotzdem nicht davor, sich auch mal falsch zu entscheiden.

Borchers: Vielleicht sollte man es sehen wie der kritische Rationalist Karl Popper: Wir können immer Fehler machen, unsere Entscheidungen können immer falsch sein. Darum sollten wir uns bei der Wahl eine gewisse Entspanntheit zulegen. Zu dieser Erkenntnis kamen die Philosophen übrigens auch in der Antike.