Mit 27 konvertierte Juliane Hammer zum Islam, heute kämpft die Islamwissenschaftlerin und Aktivistin für die Rechte der Musliminnen. Das gefällt nicht jedem

Ein bisschen fehl am Platz wirkt die resolute Juliane Hammer im Welcome Hotel in Paderborn auf einem weinroten Sofa in der holzvertäfelten Hotellounge. Die Konferenzräume sind nach lokalen Biermarken benannt: "Warsteiner", "Frankenheim", "Paderborner". Die Professorin der University of North Carolina nimmt am Kongress "Approaches to Kalam – Framing an Islamic-theological Anthropology" teil, zu dem das Graduiertenkolleg Islamische Theologie eingeladen hat. Es geht um die Rolle des Individuums im Islam. Die Islamwissenschaftlerin wird über "Gender und Gerechtigkeit – amerikanische Musliminnen und die Traditionen der Veränderung" sprechen. Hammer ist als Atheistin in der DDR aufgewachsen und versteht sich seit ihrer Jugend als Feministin. Dann studierte sie Islamwissenschaften an der Humboldt Universität in Berlin und konvertierte mit 27 zum Islam. Seit fast zehn Jahren forscht sie zu Genderrollen im Islam und gilt in den USA als eine wichtige feministische Stimme im islamischen Diskurs.

ZEIT Campus: Frau Hammer, in den vergangenen Jahren wurde in den Medien viel über den Islam und die Rolle der Frau diskutiert. Sind die Studenten in Ihren Einführungsvorlesungen heute besser vorbereitet als früher?

Juliane Hammer: Im Gegenteil! In meinen Seminaren in Chapel Hill in North Carolina fange ich jedes Semester wieder bei null an. Ich komme in den Hörsaal und frage diese 19- oder 20-Jährigen nach fünf Worten, die ihnen zum Islam und zu Musliminnen einfallen.

ZEIT Campus: Und?

Hammer: Terrorismus, Bärte, Kopftücher, Gewalt und Scharia. Überhaupt: die Scharia. Ein riesengroßes Thema in der amerikanischen Diskussion, und alle haben Angst, aber kaum jemand hat sich wirklich mit den religiösen Gesetzen des Islams beschäftigt und weiß, wie man sie anwenden kann.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 4/16.

ZEIT Campus: Das klingt deprimierend.

Hammer: Das ist es auch. Ich unterrichte seit über 15 Jahren, und der gesamte Diskurs hat sich kaum verändert.

ZEIT Campus: Dabei modeln Frauen mit Kopftuch inzwischen für H&M, und junge Musliminnen wirken auf Modeblogs und Instagram-Accounts selbstbewusster und weltgewandter denn je.

Hammer: In Diskussionen bemerkt man von solchen Modephänomenen leider wenig. Statt zu betonen, wie der Islam Frauen scheinbar unterdrückt, sollte man sich darauf konzentrieren, ein neues Islamverständnis zu prägen. Daran arbeiten zum Beispiel Organisationen wie Musawah, der Name bedeutet Gleichberechtigung. Die Gruppe wurde von Musliminnen in Malaysia vor sieben Jahren gegründet. Sie verbindet ein Netzwerk von Frauen in aller Welt. Musawah bereitet Quellen auf, um die Rechtslage der Frauen in muslimischen Ländern wie Saudi-Arabien oder dem Iran zu verbessern. Die Aktivistinnen arbeiten mit Wissen und im Rechtssystem des entsprechenden Landes.

ZEIT Campus: Welchen Beitrag leistet Ihre Forschung zur zeitgenössischen Sicht?

Hammer: Ich untersuche, wie Muslime leben, warum sie beten oder heiraten und was man aus ihrem Verhalten ableiten kann. Ich glaube, dass man viele Frauenrechte mit dem Koran begründen kann. Ich habe zum Beispiel keinen Beleg dafür gefunden, dass Frauen kein Gebet leiten dürfen. Das Ergebnis stärkt die Rolle der wenigen Musliminnen, die in Deutschland und anderen Ländern das Gebet leiten. Außerdem habe ich mich mit der Ausstattung von Frauenhäusern beschäftigt, damit Musliminnen, die häusliche Gewalt erleben, ein solches Angebot auch annehmen. Im Moment untersuche ich die Bedeutung der Ehe im Islam. Ein bekanntes Zitat vom Propheten Mohammed dazu lautet: "Die Hälfte deines Glaubens ist die Ehe." Ich glaube, die Ehe ist einer der wichtigsten Verhandlungsplätze für Genderrollen.

ZEIT Campus: Warum spricht man häufig über Musliminnen – aber selten kommen sie selbst zu Wort?

Hammer: Das ist kein neues Phänomen. Das reicht zurück bis zu den Anfängen des Kolonialismus. Der rückständige Status der Frau wurde in den eroberten Gebieten schnell zur ideologischen Begründung, warum diese afrikanischen, arabischen und asiatischen Gesellschaften kolonialisiert werden mussten. Die Ironie ist, dass europäische Frauen Ende des 19. Jahrhunderts selbst keine Rechte hatten und Frauen in England beispielsweise nicht einmal wählen durften, als die Briten 1882 Ägypten kolonisierten.

ZEIT Campus: Warum haben die englischen Früh-Feministinnen den Kolonialismus dann unterstützt?

Hammer: Sie konnten sagen: "Schaut euch bloß diese unterdrückten Frauen an! Uns geht es viel besser!" Die Unterdrückung der Musliminnen wurde zum Hintergrund, vor dem die europäischen und amerikanischen Feministenbewegungen auftraten.

ZEIT Campus: Und heute?

Hammer: Ist die Sorge um die unterdrückte muslimische Frau wieder nur eine Entschuldigung für eine neue Form des Kolonialismus. Dazu kommt ein weiteres Problem: Der Islam und die islamische Kultur werden als zentrales Problem dargestellt und bekommen zu viel Aufmerksamkeit. Dabei muss man bedenken, dass Frauen vom Patriarchat in vielen verschiedenen Formen zurückgehalten werden.

In Moscheen finde ich mich schnell in hitzigen Diskussionen wieder.

ZEIT Campus: Wenn nicht der Islam, was ist dann der Grund für die schlechte Stellung der Frau in weiten Teilen des islamischen Welt?

Hammer: Die Unterdrückung der Frau ist fast immer ökonomisch begründet. Ein weiterer Grund ist die Kontrolle der Sexualität, die es im Westen in anderen Formen auch gibt. Religion ist nie der einzige und auch nicht der bestimmende Faktor für Gender-Rollen. Es ist ein komplexes Thema, weil die Rollen von Musliminnen in den unterschiedlichen muslimischen Gesellschaften sehr verschieden sind. Das alles bedeutet nicht, dass ich den Status der Frauen in vielen muslimischen Gesellschaften gut finde oder denke, dass alles bleiben soll, wie es ist. Aber ich bin auch nicht davon überzeugt, dass Europäer oder Amerikaner sich einmischen sollen, um das zu ändern.