Oder lieber nicht? Was man für den Traumjob angeblich aufgeben soll und ob man das wirklich muss.

1371. So viele Stunden arbeiten Menschen in Deutschland durchschnittlich im Jahr. Wer mit Mitte zwanzig anfängt und mit 67 in Rente geht, verbringt nach dieser Rechnung 60.000 Stunden im Büro, auf der Baustelle oder im Labor. So kommt man auf rund 7500 Arbeitstage. Besser also, man tut alles, um einen Beruf zu finden, der glücklich macht. Oder genug Geld bringt. Oder Abenteuer. Am besten alles zusammen. Allerdings bleiben auf dem Weg zum Traumjob oft andere Dinge auf der Strecke. Wir haben recherchiert, welche Opfer man für die Karriere angeblich bringen soll – und Experten gefragt, welche davon wirklich nötig sind.

1. Opfer: Die Jugend

Darum geht’s: Wer seinen Traumjob finden will, darf keine Zeit verlieren – das behaupten zumindest Eltern, Profs und die Agentur für Arbeit. Statt im Park rumzuhängen, bis mittags im Club zu tanzen oder von Hostel zu Hostel zu trampen, geht man lieber schnell an die Uni und wird in Regelstudienzeit fertig. Anstatt jung zu sein, besser schon die Rente planen!

Muss ich wirklich? Nein. Umfragen zeigen: Viele Chefs sind bei sehr jungen Bewerbern sogar eher skeptisch. Laut einer Umfrage der Industrie- und Handelskammer beschweren sich Unternehmen über Bachelorabsolventen, denen die nötige Reife fehle. Nach dem Abi ins Ausland gehen oder ein paar Semester länger studieren kann für die Karriere also sogar gut sein.

2. Opfer: Das Zuhause

Darum geht’s: Ständig soll man für die Karriere umziehen – für das Praktikum, den Master, das Auslandssemester. Für den Job würden laut einer Umfrage des Jobportals Stepstone über die Hälfte der Absolventen wegziehen. Das heißt: wieder neue Freunde, einen Sportverein, eine Lieblingskneipe suchen.

Muss ich wirklich? "Nö. Nach der Uni hatte ich genug von Neuanfängen. Ich habe in Fulda und Marburg Informatik studiert, ging für Auslandssemester nach Schweden und Spanien, dann schrieb ich in Hamburg meine Bachelorarbeit. Nach dem Studium hatte ich ein Jobangebot in Berlin, aber ich entschied mich, in Marburg zu bleiben. Ich wollte nicht wieder umziehen. Weil ich bei meiner damaligen Freundin leben wollte. Und weil ich kein Großstadtmensch bin. Es kann der beste Job der Welt sein – wenn ich mich an dem Ort nicht wohlfühle, ist er nichts für mich. Deshalb habe ich meine Jobsuche nach der Stadt ausgerichtet. Das war gar nicht so einfach – in Marburg gibt es kaum Stellen für Informatiker. Also bin ich eine Weile nach Gießen gependelt. Das wurde mir dann zu viel. Wenn ich morgens Auto fahren muss, ist der Tag gelaufen. Ich will zu Fuß zur Arbeit gehen können. Diesen Traum habe ich mir vor Kurzem mit einem Kollegen erfüllt: Wir haben uns als Softwareentwickler selbstständig gemacht – und können jetzt von überall aus arbeiten."

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 4/16.

Michael Lukaszcyzk, 27, entwickelt lieber selbstständig Apps in Marburg als für irgendein Start-up in Berlin

3. Opfer: Die Liebe

Darum geht’s: Seit es Tinder gibt, kann man sogar in der Mittagspause schnell ein Date einschieben. Mehr wird bei einem stressigen Job aber schwierig. Für rund 30 Prozent der Befragten ist es ein Ausschlusskriterium für eine Beziehung, wenn jemand sehr karriereorientiert ist. Das sagt eine Studie von Elitepartner.de. Also: Anderen Job suchen oder alleine bleiben.

Muss ich wirklich? "Ob man für den Traumberuf Abstriche in der Beziehung machen muss, hängt vom Job ab. Hat man nette Kollegen, einen kurzen Arbeitsweg und flexible Arbeitszeiten, ist das häufig kein Problem. Die Realität sieht oft anders aus: Viele Arbeitnehmer sind lange im Büro, sollen permanent verfügbar, mobil und flexibel sein. Durch Stress kann eine Beziehung stark belastet werden. Dann braucht man gute Absprachen: etwa darüber, wie viel Zeit man miteinander verbringt und wie lange man arbeitet. Oder bei der Fernbeziehung: Wer pendelt zu wem? Außerdem muss klar sein, dass beide Karrieren gleich wichtig sind – solange nicht einer freiwillig zurücksteckt."

Christine Wimbauer, 42, ist Soziologin und Geschlechterforscherin an der Humboldt-Universität zu Berlin

4. Opfer: Die Fairness

Darum geht’s: Wer erfolgreich sein will, muss sich durchsetzen können. Manche sind deshalb schon im Studium rücksichtslos, verstecken Bücher in der Bibliothek oder reißen Seiten raus, damit sie die besten Noten bekommen. Rund jeder Fünfte sagt, Konkurrenz sei ein Problem an seiner Uni. Das ergab der Studierendensurvey der Uni Konstanz. Ellenbogen braucht man angeblich auch später im Job: Wer zu nett ist, wird ausgenutzt.

Muss ich wirklich? Gute Stellen sind umkämpft. Wer unter den Bewerbern auffallen will, muss sich abheben. Je nachdem, wo man arbeitet, bleibt das auch so, wenn man mit Kollegen um eine Beförderung oder Geld für ein Projekt konkurriert. Trotzdem: Rücksichtslosigkeit ist nicht nur unsozial, sondern auch kontraproduktiv. Laut einer Studie des Karrierenetzwerks LinkedIn.de ist für 85 Prozent der Personaler Teamfähigkeit das wichtigste Kriterium, um jemanden einzustellen. Wer Projekte der Kollegen torpediert, egoistisch ist und Intrigen spinnt, erreicht oft das Gegenteil von dem, was er will.