Der Jurist Wolfgang Ischinger leitet die Münchner Sicherheitskonferenz. Ein Gespräch über Krieg, Frieden und die Frage, warum man mit den "Bösen" sprechen muss

Grauer Anzug, dezente Brille, orangefarbene Hermès-Krawatte: Wolfgang Ischinger sieht exakt so aus, wie man sich einen Topdiplomaten eben vorstellt. Nur eine Spur von weichem Schwäbisch in seinem Unterton verrät, dass er nicht in die Welt der Diplomatie hineingeboren wurde. Ischinger, der in diesem Frühjahr 70 Jahre alt geworden ist, wurde schon mit Ende 20 Mitarbeiter des UN-Generalsekretärs Kurt Waldheim. Er war persönlicher Referent des ehemaligen Außenministers Hans-Dietrich Genscher sowie Botschafter in London und Washington. Heute ist Ischinger der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz und Senior Professor for Security Policy and Diplomatic Practice an der Berliner Hertie School of Governance. Seine Vorlesung, erzählt er, sei so beliebt, dass er sie gleich zweimal hintereinander halten muss. Kein Wunder: Ischingers Spezialität sind die großen Themen unserer Zeit: der Syrienkonflikt, das zerfallene Libyen und die Krimkrise.

ZEIT Campus: Herr Ischinger, ist die Welt unsicherer geworden?

Wolfgang Ischinger: Leider ja. Wir erleben in diesem Jahr die wohl gefährlichste Epoche in der Geschichte der Ost-West-Beziehungen seit Ende des Kalten Krieges. Wie gefährlich sie ist, unterschätzen aber die meisten noch. Sie nehmen zwar militärische Fast-Zusammenstöße zur Kenntnis – in der Ostsee, im Schwarzen Meer, über Nord- und Osteuropa. Aber es wird meist ausgeblendet, dass das keine kleinen Einzelfälle mehr sind.

ZEIT Campus: Inwiefern wird das ausgeblendet? Der Konflikt mit Russland zum Beispiel ist doch ständig Thema.

Ischinger: Das schon. Aber man muss daran erinnern, wie schnell solche Fälle eskalieren könnten – und dass es immer noch zu viele Nuklearwaffen gibt. Zwar hat sich deren Zahl seit den neunziger Jahren auf beiden Seiten massiv reduziert, aber das Risiko einer nuklearen Eskalation wird vielfach unterschätzt.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 5/16.

ZEIT Campus: Warum?

Ischinger: Einer der Fast-Zusammenstöße, die ich eben erwähnte, kann schnell einmal bedrohlich eskalieren, wenn es zu einem militärischen Unfall kommen sollte und jeder dem anderen die Schuld dafür gibt. Deswegen müssen der Westen und Russland dringend mehr darüber sprechen, wie wir in so einem Fall verfahren, kommunizieren und deeskalieren – zum Beispiel durch die Einrichtung eines gemeinsamen Krisenreaktionszentrums.

ZEIT Campus: Seit Ende des Kalten Krieges wurden fast alle militärischen Interventionen des Westens mit humanitären Gründen gerechtfertigt. Dass ein Land ein anderes angreift, um Gebiete zu erobern, wie es Russland auf der Krim getan hat, schien Geschichte zu sein. Ist der klassische Krieg zurück?

Ischinger: Nein. Zwischenstaatliche Kriege sind inzwischen eine Seltenheit. Und eine Annexion von Staatsgebiet, wie im Falle der Krim, bleibt weiterhin die Ausnahme. Die Konflikte von heute sind überwiegend bürgerkriegsartig und dabei außerordentlich komplex.

ZEIT Campus: Was ist Ihre Position: Soll man aus humanitären Gründen eingreifen?

Ischinger: Das kann man nicht mit Ja oder Nein beantworten. Ob und wie man auf Regime einwirken kann, die autoritär sind und ihre eigene Bevölkerung unterdrücken, ist eine der schwierigsten Fragestellungen moderner Außenpolitik. In Extremfällen – bei drohendem Völkermord etwa – kann ein militärisches Eingreifen Schlimmeres verhindern, Beispiel Kosovo. Es kann aber auch, wie in Libyen, zu Chaos beitragen, wenn keine politische Gesamtstrategie existiert. Andererseits: In Syrien hat die internationale Gemeinschaft Assad gewähren lassen und sich lange herausgehalten. Das Resultat: eine der schlimmsten Katastrophen, die die Welt seit Jahrzehnten gesehen hat. Schon diese Beispiele zeigen: Einfache Antworten gibt es nicht.

ZEIT Campus: Gibt es keinen richtigen Weg?

Ischinger: Den einen richtigen Weg gibt es nur sehr selten in der Außenpolitik. Das ist auch einer der Punkte, die wir in meinen Seminaren viel diskutieren. Wenn man zwischen vielen schlechten Optionen entscheiden muss, braucht man einen gewissen Realismus. Das Wünschbare ist nicht immer das Machbare. Ein weiterer Grundsatz, den ich von meinem ehemaligen Chef, Außenminister Hans-Dietrich Genscher, gelernt habe: Was in der Außenpolitik nie gut funktioniert, ist, große Ziele zu proklamieren, denen man dann keine Taten folgen lässt. Der Westen hat zum Beispiel einen dramatischen Fehler gemacht, als wir gesagt haben: Assad muss weg. Und? Haben wir dann einen einzigen entschlossenen Schritt unternommen, um Assad loszuwerden? Nein. Das ist schlechte Außenpolitik.

»Mit Freunden muss ich kaum verhandeln – die lade ich zum Bier ein«

ZEIT Campus: Sie dagegen sagen: Man muss auch mit autoritären Regimen verhandeln, um solche Eskalationen zu verhindern.

Ischinger: Wenn man das diplomatische Geschäft so definiert, dass man nur mit Freunden spricht, dann können Sie einpacken. Diplomatie wird dann relevant und schwierig, wenn man mit den "Bösen" spricht. Mit den eigenen Freunden brauche ich kaum zu verhandeln. Die lade ich zum Bier ein.