Ein hochbegabter Student läuft in der ersten Reihe bei Pegida mit. Was treibt ihn an?

* Namen geändert

Paul Berger* prescht vor, als Pegida-Gründer Lutz Bachmann an einem Montagabend im Mai seine erste Rede beendet und der Spaziergang beginnt. Der 19-Jährige trägt Wanderschuhe und "Statement", einen Duft der Traditionsmodemarke Aigner. Ein Mann mit grauem Schnauzbart rollt das Banner aus: "Gewaltfrei & vereint gegen Glaubenskriege auf deutschem Boden". Es ist Heinz Bachmann, der Vater des Pegida-Gründers. Berger reiht sich neben ihm ein. Mit vier anderen bilden sie die Pegida-Front, vor ihnen nur drei Rollstuhlfahrer. Über 2.500 Menschen mit wehenden Flaggen, Caps in den deutschen Nationalfarben und Plakaten mit Parolen wie "Multikulti stoppen" folgen ihnen. Sie verschmelzen zu einer schnaufenden schwarz-rot-goldenen Masse und marschieren, während die Sonne Dresden in ein goldenes Licht hüllt.

Paul Berger ist Student. Seit fast einem Jahr läuft er bei den Montagsdemonstrationen von Pegida mit. Gegner haben für einen wie Berger viele Namen. Er lehnt sie alle ab. Nazi, das will er nicht sein. Die sind ihm zu dumm. Rechtsradikal will er auch nicht sein. Gewalt sei schließlich keine Lösung. Besorgter oder ängstlicher Bürger? Er sei selbstbewusst und zeige doch sein Gesicht in der ersten Reihe. Er sei kein Mitglied im Pegida-Förderverein, weil man da eh nichts bestimmen dürfe. Die NPD sei eine Partei voller Idioten und Frauke Petry von der AfD zu wirtschaftsliberal. Es fällt schwer, Berger einzuordnen. Warum geht jemand wie er bei Pegida mit?

Wenn Journalisten bei Pegida-Protesten Fragen stellen, werden sie oft beschimpft, beleidigt oder weggestoßen. Die Demonstranten behaupten, dass die "Lügenpresse" Worte verdrehe und Unwahrheiten schreibe. Paul Berger wendet sich nicht ab. Er will reden. Darüber, wie er über Deutschland und die Flüchtlingspolitik denkt. Er hat nur zwei Bedingungen: kein Name, kein Foto. Er fürchtet, dass Autonome ihn überfallen könnten.

Unbekannte warfen Pflastersteine in die Scheiben des Lokals Timba-Bar. Dort wird ein Treff der Rechten vermutet. © Victor Hedwig

Forstwirtschaft studieren ohne Jagdschein? Das geht doch nicht

Über den Hängen des Walds liegt noch Nebel. Zwischen den Bäumen ein altes Schloss und eine Burgruine. Berger steht im Tal auf dem Steg eines Teichs. Er blickt in den Himmel und sagt: "Schau mal, ein Bussard."

Berger wandert oft. Er ist eher ein unauffälliger Typ, schlaksig, die Haare gekämmt. In Tharandt, einem Vorort von Dresden, studiert er Forstwirtschaft. Geisteswissenschaften wählte er nicht, das sei nur etwas für Sozialromantiker. Gerade sammelt er in den Wäldern Spinnen, Fliegen und Schnecken für einen Schaukasten, eine Abschlussarbeit für ein Seminar. Er möchte ein schönes Schneckenhaus präparieren – kein altes, verlassenes, mit kleinen Löchern. Deshalb hat er eine Schnecke mit kochendem Wasser übergossen und sie mit einer Nadel aus ihrem Haus gezogen. "Das ist, als würde ein Koch im Restaurant Schnecken zubereiten", sagt Berger, aber essen wolle er sie dann doch nicht. Als Förster müsse man eben auch in den Lauf der Natur eingreifen.

Mit ihm im Seminar säßen viel zu viele Öko-Freaks, die das nicht verstehen, sagt Berger. Man könne doch nicht Forstwirtschaft studieren und keinen Jagdschein machen wollen. Vom Berg blickt Berger ins Tal, auf die Mensa, einen Neubau, auf dem Dach wachsen Gräser. Gegessen habe er da noch nie. Gruppenarbeiten vermeide er. Mit seinen Kommilitonen habe er abends noch nie ein Bier getrunken.

"Die meisten sind eher unpolitisch", sagt Berger. Einmal diskutierte er doch mit einer Studentengruppe in der S-Bahn über Pegida. Berger erzählte, dass er mitgeht. "Das war denen egal", sagt er. Die Anonymität einer Uni, an der knapp 35.000 Menschen studieren, bietet Paul Berger Schutz. Er kann kontrollieren, mit wem er seine politischen Vorstellungen teilt.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 5/16.

In Dresden fand er viele Leute, die so ähnlich ticken wie er. Zusammen mit Tausenden ist er Pegida – "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes". Sie alle bestätigen Berger fast jeden Montag in seiner Meinung und Haltung. Gegen die Überfremdung, gegen den Islam und gegen Angela Merkel.

Berger trägt zwar das Pegida-Banner, aber er gehört zu den wenigen, die nicht so richtig in das Raster der Demonstranten passen wollen, das eine Studie aus dem vergangenen Jahr zeichnete. Nur fünf Prozent bei Pegida sind jünger als zwanzig, nur neun Prozent studieren, gehen zur Schule oder absolvieren eine Ausbildung. Der typische Pegida-Demonstrant ist 48 Jahre alt, arbeitet, verdient für sächsische Verhältnisse leicht überdurchschnittlich, 38 Prozent haben einen Realschulabschluss. Die Mittelschicht begehrt auf – jene Leute, denen es eigentlich gut geht.

Auch Berger hat keine existenziellen Sorgen, seine Miete zahlt das Bafög-Amt, und er hat keine Angst, dass er später keinen Job bekommt. Trotzdem identifiziert Paul Berger sich nicht mit seinen Kommilitonen, sondern mit einer älteren Generation, in die er nicht hineingeboren wurde. Die Protestbewegung von rechts geht nicht mehr nur von den Alten aus. Berger ist zwar bei Pegida eine Ausnahme, aber knapp tausend junge Leute sind Mitglied in der Jungen Alternative für Deutschland. An der Uni Kassel zog die AfD sogar gerade ins Studentenparlament ein. Werden Leute wie Berger in Zukunft die Politik in diesem Land mitgestalten?

Dienen, wie seine Großväter

Als Paul Berger zum ersten Mal von Pegida in den Nachrichten hörte, lernte er in seinem Kinderzimmer in einer Kleinstadt in Sachsen- Anhalt für die Abiturprüfungen. Mitte Oktober 2014 rief Lutz Bachmann über Facebook zur ersten Demonstration auf. 350 Menschen versammelten sich. Einen Monat später waren es 5.000. Ende des Jahres 18.000. Bachmanns Reden bei YouTube zählen teilweise über 100.000 Aufrufe. Berger schaute viele der Videos an. Bachmann faszinierte ihn. "Pegida ist ja nicht so dumpf deutsch, deutsch, deutsch. Es hat sogar mal ein Schwarzer gesprochen", sagt Berger. Ihm gefalle, dass die Bewegung bodenständig wirke.