Im Musikzimmer der Schauspielschule Ernst Busch. Ronald Zehrfeld, 1,90 Meter groß, eilt zum Klavier und haut in die Tasten. "Hier musstn wa imma trällern. Ick spiel ma den kleenen Floh", sagt der Schauspieler, der bekannt ist für seine Rolle in "Der Staat gegen Fritz Bauer". Als der Fotograf ihn bittet, sich aufs Klavier zu legen, sagt er: "Hör ma, ick bin donich Marlene Dietrich! Mit meem Jewicht leg ick mich da nich druff." Die Medien nennen ihn einen stattlichen Kerl, er selbst nennt sich Pussy.

Schauspielschule Ernst Busch Berlin, 2015

ZEIT Campus: Manche sagen, Sandy, Mandy oder Ronny seien keine Namen, sondern Diagnosen. Wie geht es dir damit?

Ronald Zehrfeld: Ich höre öfter die Frage: Darf ich dich wirklich Ronny nennen? Ich habe damit kein Problem, ich werde von vielen so genannt. Klar, das kann Vorurteile auslösen. Ich wurde aber nie stigmatisiert.

ZEIT Campus: Mit so einem Namen ist die DDR-Biografie schnell offengelegt. Musst du dir ständig Fragen anhören wie: Hattet ihr wirklich keine Bananen im Osten?

Zehrfeld: Jaja, die Klischeefragen kommen, aber ich sehe das als gutes Zeichen. Da ist ein Interesse, und ich kann den Leuten schnell erklären, dass wir in der DDR nicht am Hungertuch genagt haben. Spannend sind die Leute, die wirklich etwas verstehen wollen. Ich kann nur aus meinen Erfahrungen schöpfen, und die sind gut. Ich war zwölf zur Wende.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 6/16.

ZEIT Campus: Noch im Kindergarten wählte dich ein Sportkader für eine Leistungssportlerkarriere im Judo aus.

Zehrfeld: Das Sportsystem war sehr stark ausgebildet, weil die DDR außenpolitisch so ein paar Punkte machen konnte. Also wurde bereits im Kindergarten nach Turnern, Schwimmern oder Leichtathleten gesucht. Dann kam man ins TZ, ins Trainingszentrum, nach Dynamo Adlershof. Auf meinem Trainingsanzug war eine Fackel. Es galt, drei Jahre zu bestehen. Jeden Tag nach der Schule Training, am Wochenende Wettkämpfe. Wenn man so und so viele "Normaufträge", so hieß das, erfüllt hatte, kam man ins nächste Jahr. Erstes Jahr Bronze, zweites Silber, drittes Gold. Danach ging es auf die Kinder- und Jugendsportschule in Hohenschönhausen, wo auch Franziska van Almsick war.

ZEIT Campus: Du wurdest DDR-Meister.

Zehrfeld: Das war das Größte. Ich bekam eine Ruhla-Uhr geschenkt, so einen Quartz-wecker aus Plastik, der war richtig modern. Und wir trugen dunkle weinrote Samttrainingsanzüge, die waren edler als andere, aber nach der Meisterschaft musste man sie wieder abgeben. Als Junge wollte ich Olympiasieger werden, aber nach der Wende brach auch das ganze Sportsystem zusammen.

ZEIT Campus: Was hast du dann gemacht?

Zehrfeld: Ich war in einem Alter, in dem ich erst mal alles ausprobieren wollte, Westberlin kennenlernen, mit den älteren Freunden im Trabbi zur Sonnenallee oder zum Zoo-Palast am Ku’damm fahren, Filme gucken, Burger essen.

ZEIT Campus: Hattest du einen Plan?

Zehrfeld: Ich hatte Lust auf Menschen und konnte mir auch vorstellen, Lehrer zu werden. Aber genau wusste ich das alles nicht. Im Osten war Narrenzeit. Beinahe hätte ich deshalb mein Abi verkackt. Das war 1996. In der schriftlichen Bio-Klausur hatte ich eine glatte Sechs. In der mündlichen musste ich dann eine sehr gute Note bekommen, damit ich überhaupt mein Abi bestehe. Das hab ich geschafft.

ZEIT Campus: Schauspieler wolltest du da noch nicht werden?

Zehrfeld: Ich bin in Schöneweide aufgewachsen, einem Ostberliner Arbeiterkiez um die Ecke von der Ernst Busch. Wenn die Buschis vom Bahnhof hierhergefahren sind, hat man die gleich erkannt. Die waren anders gekleidet, die sprachen anders in der Eisdiele, die konnten Schiller rezitieren. Ich hatte davon keine Ahnung. Aber für mich waren sie die Helden der Kindheit: Am Kindertag wurde hier immer die Straße gesperrt, dann gab es eine Kremserfahrt mit Pferden, und die Schauspielstudenten haben auf der Straße im Kostüm gefochten. Das war natürlich beeindruckend. Aber ich habe nicht darüber nachgedacht, selbst Schauspieler zu werden.