Die Neurolinguistin Elisabeth Wehling weiß, warum sogar Arbeitslose, Frauen und Einwanderer Donald Trump wählen werden – obwohl er gegen sie hetzt.

Sie habe einen "krassen Jetlag", sagt Elisabeth Wehling, als sie sich in einem Restaurant auf einen Aluminiumstuhl setzt. Gestern hatte sie noch einem Termin in Washington, nun besucht sie für ein paar Tage ihre Eltern in Hamburg-Bergedorf. Um sich für das Interview wach zu halten, habe sie den ganzen Tag "Tatort" geguckt.

ZEIT CAMPUS: Frau Wehling, Sie erforschen, wie Sprache Menschen beeinflusst. Können Sie mich manipulieren?

Elisabeth Wehling: Wenn ich mit diesem Ziel zum Gespräch gekommen wäre, dann ja. Sprache kann uns stark beeinflussen, wie wir denken, wie wir fühlen, sogar wen wir wählen.

ZEIT CAMPUS: In einem Interview haben Sie einmal gesagt ...

Wehling: ... das habe ich nie gesagt. (lacht)

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 6/16.

ZEIT CAMPUS: ... Donald Trump spreche wie ein Viertklässler.

Wehling: Das war das Ergebnis einer Studie aus unserem Forschungsteam, die das Sprachniveau von Politikern untersucht hat. Trump war auf dem Level eines Grundschülers. Auf den ersten Blick könnte man denken: Ach, der redet für Dumme, wahrscheinlich ist er selbst ein bisschen dumm. Ist er aber nicht.

ZEIT CAMPUS: Lassen Sie mich raten – alles Strategie?

Wehling: Ganz genau. Donald Trump benutzt fast nur Wörter der "basic level cognition". Das sind solche, die wir als Kind als Erste lernen. Zum Beispiel sagt er nicht: Wir werden die Migration aus Mexiko eindämmen, sondern: Wir bauen eine Mauer. Da haben wir sofort ein Bild vor Augen.

ZEIT CAMPUS: Wenn Sie mich manipulieren wollten, wie würden Sie das machen?

Wehling: Ich könnte Ihnen zum Beispiel suggerieren, dass eine bestimmte politische Meinung besonders gut ist. Das geht über sogenannte Frames, Sprachbilder, die unser Gehirn mit einer Bedeutung verknüpft. Nehmen wir das Wort Schmutz. Wenn ich "schmutzige Steueraffäre" sage, simuliert Ihr Gehirn automatisch Ekel. Als würden Sie einen üblen Geruch riechen oder hören, wie jemand sich übergibt. Wörter können Gefühle erzeugen.Das kann man nutzen, auch im Wahlkampf.

ZEIT CAMPUS: Ein Beispiel?

Wehling: Trump nennt Clinton "crooked Hillary" – "gekrümmte Hillary". Damit stellt er sie als unmoralisch dar. Krummer Hund, ein krummes Ding drehen, einknicken – Sie kennen die Metaphern. Da ist es völlig egal, ob man mit Trumps Meinung übereinstimmt oder nicht, das prägt sich ein.

ZEIT CAMPUS: Fakten sind unserem Gehirn egal, solange jemand gute Reden hält?

Wehling: Es geht darum, wie man die Fakten interpretiert. Selbst wenn wir alle dieselben Informationen kennen, haben wir völlig unterschiedliche Auffassungen davon, welchen gesellschaftlichen Auftrag sie mit sich bringen. Denn wir haben andere Vorstellungen davon, was gut und was schlecht ist.

ZEIT CAMPUS: Sprechen Politiker deshalb so häufig über Werte?

Wehling: Ja, der politische Streit ist immer ein moralischer. Grundsätzlich stehen sich dabei zwei Weltsichten gegenüber: die konservative und die progressive. In Amerika ist das sogar relativ sauber getrennt, in Republikaner und Demokraten.

ZEIT CAMPUS: Wie kommt das?

Wehling: Jeder Mensch hat einen bestimmten Wertekompass. Das liegt daran, wie wir aufwachsen. Als Kind erfahren wir zum ersten Mal, was es bedeutet, "regiert" zu werden. Deshalb werden auch in der politischen Sprache so häufig Metaphern der Familie verwendet: Vaterland, Schwesterpartei, Gründerväter. Wenn Sie mir sagen, wie für Sie die ideale Familie aussieht, kann ich Ihnen sagen, ob Sie eher konservativ oder eher progressiv sind.

ZEIT CAMPUS: Okay, probieren Sie es.

Wehling: In Ihrer perfekten Familie, wie sollten die Eltern ihre Kinder erziehen?

ZEIT CAMPUS: Mal überlegen. Die Eltern sollten den Kindern beibringen, dass sie ein schönes Leben haben können, aber nicht, indem sie anderen schaden.

Wehling: Also Ermächtigung durch Selbsterfüllung? Und eher Kooperation als Wettkampf? Oder zumindest Selbstverwirklichung nicht auf Kosten anderer? Damit sind Sie der klassische progressive Typ. In Ihrem Wertemodell soll der Staat Menschen ermöglichen, sich zu entwickeln. Sie sollen sich bilden können, nicht in Armut leben, im Krankheitsfall versorgt sein. Sie dürfen heiraten, wen sie wollen, werden nicht rassistisch behandelt, als Frau nicht abgewertet. Der Mensch steht an erster Stelle, und die Gemeinschaft kümmert sich darum, Schaden von ihm abzuwenden.

ZEIT CAMPUS: Wenn alle so ein klares Weltbild haben, was bringt Wahlkampf überhaupt?

Wehling: Es stimmt: Ein überzeugter Linker wird nie konservativ wählen und vice versa. Im Wahlkampf geht es daher um die politische Mitte. Die sogenannten swing voters, die mal so, mal so wählen. Viele denken, diese Menschen würden nur so rumdümpeln, ohne Moralverständnis. Aber das ist völliger Unsinn. Sie vereinen beide Wertemodelle – und sind für Konservative und Progressive ansprechbar.

ZEIT CAMPUS: Wie schafft man es, diese Wechselwähler auf seine Seite zu ziehen?

Wehling: Indem man die Werte anspricht, die sie mit einem teilen. Das Schlimmste wäre, sich von den eigenen Idealen zu entfernen. Diesen Fehler machen Politiker leider viel zu oft. Zum Beispiel, wenn Linke plötzlich eine härtere Flüchtlingspolitik fordern. Damit treiben sie die Mitte in die Arme der Gegner.Nach dem Motto: Das Original ist immer besser als die Kopie.

ZEIT CAMPUS: Donald Trump hetzt gegen Frauen, Mexikaner, Arbeitslose. Dabei kann man ohne ihre Stimmen in den USA keine Wahl gewinnen. Warum macht er das?