Boxer sind ungebildet, einsam und haben nichts zu verlieren? Bei Wladimir Klitschko, 40, ist das anders. Er gilt als der Intellektuelle im Ring.

Universität St. Gallen, 2016

ZEIT Campus: Sie boxen, seit Sie 14 Jahre alt sind. Warum haben Sie überhaupt studiert?

Wladimir Klitschko: In der Sowjetunion gab es keine Berufssportler wie Muhammad Ali oder Michael Jordan in den USA. Profisportler war da kein anerkannter Job. Was will man mit Boxen machen? Was passiert, wenn man sich mal verletzt? Es war klar, dass ich einen Beruf lernen musste, um Geld zu verdienen. Meinen Eltern war das sehr wichtig.

ZEIT Campus: Warum haben Sie sich für Sport und Philosophie entschieden?

Klitschko: Eigentlich wollte ich Hals-Nasen-Ohren-Arzt werden. In der Ukraine ging man zehn Jahre zur Schule, von 7 bis 17. Ich war ein Jahr früher eingeschult worden und deshalb schon mit 16 fertig. Mit meinem Zeugnis ging ich dann zur medizinischen Universität. Da sagte man mir: "Du bist zu jung, um hier anzufangen. Aber du kannst erst mal eine Ausbildung als Pfleger machen."

ZEIT Campus: Das wollten Sie nicht?

Klitschko: Nein, darauf hatte ich keine Lust. Also bin ich mit meinen Unterlagen zur Sport-Uni gegangen. Dort wurde ich genommen. Hätte das nicht geklappt, wäre ich zum Militär gegangen. Ich komme aus einer Militärdynastie: Mein Vater war beim Militär, mein Opa, mein Uropa. In der Schule hatte ich gelernt, eine AK47 in 45 Sekunden auseinander- und wieder zusammenzubauen, ich weiß, wie man mit Granaten umgeht und einen Panzer attackiert. Aber Sport war besser, so konnte ich reisen. Die Philosophie habe ich mir nicht ausgesucht, sie gehörte einfach dazu.

ZEIT Campus: Warum konnten Sie reisen?

Klitschko: Ich bin zu Boxkämpfen gefahren: nach Weißrussland, Albanien, in die Ostblockstaaten. Deshalb habe ich geboxt: Ich wollte rauskommen. Und natürlich weil ich meinem großen Bruder Vitali alles nachgemacht habe. Er war auch an der Sport-Uni, und ich wollte besser werden als er.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Magazin 6/16.

ZEIT Campus: Wann haben Sie zum ersten Mal Geld mit dem Boxen verdient?

Klitschko: Das war am Anfang meines Studiums. Ich hatte in Donezk einen Kampf gewonnen und bekam 100 Dollar. Sie können sich nicht vorstellen, wie viel das war! Ich dachte, die Welt gehört mir. Meine Eltern hatten in der Zeit umgerechnet nur zehn Dollar im Monat, nicht in Geldscheinen, sondern in Lebensmittelgutscheinen.

ZEIT Campus: Wofür haben Sie die 100 Dollar ausgegeben?

Klitschko: Ich habe ein Geschenk für Vitali gekauft. Sitzbezüge für seinen neuen Lada.

ZEIT Campus: Hatten Sie überhaupt Zeit, in Philosophie-Seminaren zu sitzen?

Klitschko: Natürlich, das war ja das Ziel der Sowjetunion: Sport und Bildung zu fördern. Alles war an einem Ort, studieren, trainieren, schlafen, essen. Wir trugen alle die gleichen Kleider, die Tage waren sehr streng durchorganisiert, vom Aufstehen bis zum Schlafengehen. Ich habe in der Bibliothek Bücher ausgeliehen, gelesen, mir Notizen aufgeschrieben, die Bücher wieder zurückgegeben, habe auswendig gelernt und Prüfungen absolviert.

ZEIT Campus: Und wie sah die freie Zeit aus?

Klitschko: Die war spannend. Auf dem Campus wohnten ja auch Mädchen. Natürlich waren wir nicht auf demselben Trakt untergebracht. Wir durften die Mädchen nicht einmal besuchen. Aber wir haben Wege gefunden.

ZEIT Campus: Und dann?

Klitschko: Wer mit einem Mädchen erwischt wurde, bekam Ärger. Jeder Fehltritt hatte Konsequenzen. Einmal wurde ich verwarnt, beim zweiten Mal wäre ich rausgeworfen worden. Das war für mich keine Option. Ich wollte nicht der Loser sein, der die Uni nicht schafft.

ZEIT Campus: Hatten Sie eine Freundin?

Klitschko: Ja, sie wohnte auch auf dem Campus. Aber in der Sowjetunion gab es keinen Sex. Wie ich auf die Welt gekommen bin? Ich wurde im Garten in einem Korb gefunden.

ZEIT Campus: Gab es Drogen, heimliche Partys, Saufgelage?

Klitschko: Partys hatten wir nicht, mit Marihuana wurde gedealt, Alkohol wurde heimlich getrunken – mit schlimmen Folgen. Manche Kommilitonen mussten wir beerdigen. Die waren zum Beispiel betrunken Auto gefahren.

ZEIT Campus: Wie haben Sie sich in diesem System gefühlt?

Klitschko: Ich bin in dem System geboren, ich hatte keine Wahl. Ich habe mich nicht gefragt, wie ich mich fühle.

ZEIT Campus: Mit 20 sind Sie nach Deutschland gegangen, um Profiboxer zu werden. Gleichzeitig haben Sie Ihre Doktorarbeit geschrieben. Wie ging das zusammen?

Klitschko: Als Boxer habe ich acht Wochen am Stück trainiert, dann war der Kampf, und dann hatte ich wieder acht Wochen Zeit für meine Doktorarbeit. Das ist viel einfacher als zum Beispiel bei Fußballern, die ständig auf den Platz müssen. Die Zeit am Schreibtisch war für mich wie ein Bürojob, ich war sehr diszipliniert.

ZEIT Campus: Ihre Doktorarbeit hatte den Titel "Pädagogische Kontrolle im Sport von Kindern und Jugendlichen zwischen 14 und 19". Wie kamen Sie darauf?

Klitschko: In meiner Schulzeit auf dem Internat mussten einige Freunde ihre Karriere abbrechen, weil der Sport sie physisch oder psychisch gebrochen hatte. Die Belastung war zu hoch. Ich selbst habe mir mit 16 das Schienbein gebrochen. Dabei hatte ich einfach ein bisschen mit Vitali geboxt, er hatte mir nicht vors Schienbein getreten. Es ist einfach so gebrochen. Für meine Doktorarbeit habe ich deshalb eine Studie gemacht und 67 Schüler meines Internats beim Training beobachtet, um herauszufinden, was schiefläuft.

ZEIT Campus: Jetzt sind Sie Dozent an der Universität in St. Gallen und unterrichten angehende Manager. Warum sollten ausgerechnet Sie das können?

Klitschko: Weil ich im Leistungssport viele Dinge gelernt habe, die auch Manager erfolgreich machen. Niemand kann sich besser auf ein Ziel fokussieren als Sportler. Außerdem braucht man Ausdauer. Aber wie macht man das? Damit habe ich Erfahrung.

ZEIT Campus: In Ihren besten Jahren hielten Sie vier Weltmeistertitel gleichzeitig. Von 64 Profikämpfen haben Sie nur vier verloren. Ihr Name ist längst eine Marke. Wie groß ist der Apparat Klitschko?

Klitschko: Das Team, mit dem ich die Vorbereitung mache, ist klein: Da sind mein Coach, ein Co-Trainer, meine Sparringpartner, ein Physiotherapeut und ein Koch. Dazu kommen die Geschäftsführer, das Marketing, die PR und die Leute, die die Kämpfe organisieren und vermarkten. Anwälte, Promoter. Insgesamt sind es knapp hundert Leute.

ZEIT Campus: Der Boxer Lamon Brewster hat mal gesagt: Boxer sind ungebildet, arm und haben nichts zu verlieren. Warum tun Sie sich das an?

Klitschko: Gibt es einen besseren Beruf, als für Geld Leute zu verprügeln? Ich finde nicht.