ZEIT Campus: Herr Hirschi, Sie sind Psychologe und Karriereforscher. Kann man sich mit einer falschen Entscheidung am Anfang des Berufslebens alles vermasseln?

Andreas Hirschi: Das Risiko ist gering. Sie werden noch lange arbeiten und noch viele Entscheidungen treffen können. Die berufliche Laufbahn gestaltet man sein Leben lang.

ZEIT Campus: Also ist es egal, wo man einsteigt, Hauptsache, man legt los?

Hirschi: Nein. Ich plädiere hier nicht für Beliebigkeit. Im Gegenteil: Es ist wichtig, sich an Zielen zu orientieren. Sie sollten sich möglichst schon im Studium überlegen, wo Sie in zehn Jahren beruflich stehen möchten und was Ihnen im Privatleben wichtig ist, und dann Jobangebote daraufhin prüfen, ob sie Sie entsprechend weiterbringen.

ZEIT Campus: Dann muss man also doch alles richtig machen.

Hirschi: Sie müssen mit Sorgfalt auswählen, ja. Aber verzweifeln Sie nicht, wenn Ihr erster Job nicht Ihren Idealvorstellungen entspricht. Perfektionismus ist in Karrierefragen ein Handicap. Wir wissen aus der Forschung, dass diejenigen, die perfektionistisch an solche Entscheidungen herangehen, mit ihrer Karriere tendenziell unzufriedener sind.

ZEIT Campus: Worauf sollte man bei der Stellenwahl achten?

Hirschi: Die Arbeit sollte Ihnen Erfahrungen ermöglichen, die Sie in irgendeiner Weise in Richtung Ihrer Ziele weiterbringen. Das kann auf unterschiedliche Art geschehen. Vielleicht bringt Sie ein Projekt inhaltlich weiter, weil Sie neue Kompetenzen erwerben. Oder aber Sie profitieren davon, dass Sie im Rahmen Ihrer Arbeit Kontakte zu wichtigen Entscheidern herstellen können. Die Karriere bis ins Detail zu planen bringt dagegen nichts. Schließlich spielt auch der Zufall eine Rolle.

ZEIT Campus: Wann denn?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Ratgeber Nr. 1/2016

Hirschi: Sehr oft. Sie lernen etwa in einem Projekt jemanden kennen, der Sie schätzt und fördert. So etwas können Sie vorher nicht wissen. Oder Sie vertreten einen erkrankten Kollegen und bekommen so Zugang zu neuen Themen und Menschen. Oder Ihre Firma fusioniert mit einer anderen, was Ihnen Aufstieg oder Rauswurf bringen kann. Oder ein Kundenunternehmen, bei dem Sie ein Projekt betreut haben, bietet Ihnen eine Stelle an. Oder, oder, oder ...

ZEIT Campus: Können Sie als Karriereforscher sagen, was erfolgreich macht?

Hirschi: Einmal die Fähigkeit, Gelegenheiten zu erkennen und zu nutzen. Und dann spielt vieles eine Rolle, der Bildungsstand zum Beispiel und auch, wie gut man vernetzt ist. Das ist komplex. Aber tendenziell kann man sagen: Erfolg erzeugt Erfolg.

ZEIT Campus: Wie meinen Sie das?

Hirschi: Wenn Sie als Berufseinsteiger ein erstes kleines Projekt erfolgreich abschließen, erhalten Sie meist neue Gelegenheiten, sich zu beweisen – vielleicht schon in einem größeren Projekt. Es lohnt sich also, sich am Anfang reinzuhängen. Auch der Wille, bestimmte Karriereziele zu erreichen, ist wichtig.

ZEIT Campus: Man muss nur wollen, und schon klappt es?

Hirschi: So meine ich das nicht. Beruflicher Erfolg hat viel mit harter Arbeit zu tun und auch damit, andere Dinge dem Job unterzuordnen. Wenn es jemandem ernst ist, wird er entsprechenden Einsatz bringen. Er wird seinen Ehrgeiz nach außen signalisieren und Gelegenheiten nutzen, wenn sie sich bieten – auch wenn das Opfer mit sich bringt, zum Beispiel einen Umzug oder Nachtschichten. Nicht immer führt der Einsatz zum gewünschten Ergebnis, aber doch mit erhöhter Wahrscheinlichkeit. Oder er eröffnet andere Chancen.

ZEIT Campus: Und wenn man nicht bereit ist, dem Job alles unterzuordnen?

Hirschi: Ich kennen viele, die sagen: "Mir geht es nicht um das große Geld oder viel Einfluss, sondern darum, eine interessante und erfüllende Tätigkeit zu haben und genügend Zeit für Freunde, für Hobbys, die Familie oder ganz andere Dinge."

ZEIT Campus: Welche Auswirkung hat diese Haltung?

Hirschi: Wem es gelingt, diese Vorstellungen zu verwirklichen, ist nachhaltiger zufrieden als jemand mit klassischen Karrierezielen wie einem hohen Gehalt. Die Freude über mehr Geld verpufft nämlich relativ schnell. Aber auch wenn man nicht dem klassischen Karriereschema folgt, muss man dranbleiben und aktiv seine Karriere steuern. Es ist dann nur eine andere Art von Karriere.

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