ZEIT Campus: Frau Brenner, man soll im Vorstellungsgespräch authentisch sein, heißt es immer. Dabei ist die Situation total künstlich. Alles, was man sagt und tut, wird bewertet.

Doris Brenner: Klar ist ein Vorstellungsgespräch eine besondere Situation. Und natürlich muss ein Bewerber versuchen, einen guten Eindruck zu hinterlassen. Das ist aber kein Widerspruch zur Authentizität. Authentisch zu sein meint ja nicht, dass man sich benimmt wie beim Biertrinken mit Freunden.

ZEIT Campus: Sondern?

Brenner: Ganz einfach: Man sollte die Persönlichkeit nicht an der Garderobe abgeben. Der Interviewer will einen Eindruck davon bekommen, was für einen Menschen er vor sich hat, und fragt sich: "Wäre der Kandidat, so wie ich ihn hier erlebe, ein guter Repräsentant für unser Unternehmen?" Das betrifft neben inhaltlichen Fragen vor allem die Ausstrahlung und das Auftreten. Das sollte nicht aufgesetzt oder einstudiert wirken.

ZEIT Campus: Es gibt viele Tipps, was man im Vorstellungsgespräch tun und lassen soll: häufig lächeln, das angebotene Getränk nicht ablehnen ... Ist das also alles Unfug?

Brenner: Es ist Unfug, die Tipps wie eine To-do-Liste abzuarbeiten. Aber natürlich würde ich jemanden, der mir ein Getränk anbietet und damit eine nette Atmosphäre schaffen will, nicht abweisen. Ganz abgesehen davon, dass ein Gespräch manchmal länger als eine Stunde dauert und man zwischendurch einen Schluck Wasser gut gebrauchen kann.

ZEIT Campus: Wie bleibt man locker?

Brenner: Durch gute Vorbereitung. Alles, was man nicht weiß, stresst. Je genauer man sich vorstellen kann, was auf einen zukommt, desto entspannter ist man. Das fängt beim Gesprächspartner an: Seinen Namen erfragt man bei der Terminbestätigung. Wer ihn dann googelt und schon ein Foto kennt, muss nicht rätseln, ob gerade die richtige Person um die Ecke kommt, sondern kann schon mal aufstehen und lächeln. Das gibt ein besseres Gefühl.

ZEIT Campus: Muss man Angst vor fiesen Fragen haben?

Brenner: Es gibt Stressfragen, die den Bewerber aus der Reserve locken sollen, etwa: "Bis hierher konnten Sie uns noch nicht überzeugen, haben Sie noch mehr zu bieten?" Ich persönlich halte davon nichts, und sie sind auch nicht verbreitet. In aller Regel möchte der Interviewer, dass sich der Bewerber fair behandelt fühlt und sich gut schlägt.

ZEIT Campus: Wieso?

Brenner: Stellen Sie sich vor, Sie wären der Interviewer. Sie würden sich über jeden Kandidaten freuen, der überzeugend darlegen kann, warum er der Richtige für den Job ist. Gleichzeitig würden Sie nachhaken, schließlich haben auch Arbeitgeber etwas zu verlieren.

ZEIT Campus: Die können doch jeden nach der Probezeit rausschmeißen.

Brenner: Dann ist der Schaden bereits groß. Ein Beispiel: Wenn Sie jemanden einstellen, und der enttäuscht die Erwartungen, stehen auch Sie schlecht da, denn Sie haben ja eine falsche Entscheidung getroffen. Außerdem müssen Sie ein unangenehmes Gespräch mit dem Mitarbeiter führen. Wieder muss gesucht werden, das ist aufwendig und teuer. Und die Kollegen in der Fachabteilung sind auch sauer, weil sie jemand Neues einarbeiten müssen.

Fangfragen im Bewerbungsgespräch - "Welche Frage hat Sie heute überrascht?"