Eine Kulturforscherin über das Schöne an der Fremde

ZEIT Campus: Frau Roth, Sie haben als Studentin und später als Professorin bereits in vielen verschiedenen Ländern gelebt. Was machen Sie als Erstes, wenn Sie in einer neuen Stadt angekommen sind?

Juliana Roth: Erst einmal besuche ich die Uni und spaziere über den Campus. Das ist ein System, das ich kenne, so habe ich gleich eine gemeinsame Basis mit dem fremden Land. Gleichzeitig entdecke ich die ersten Unterschiede. Ich beobachte: Wie verhalten sich die Dozenten? Wie gehen die Studenten miteinander um? Daran kann ich mich für den Anfang orientieren.

ZEIT Campus: Sie waren in Bulgarien, Deutschland, Österreich, Russland, Rumänien, Ungarn, China, Japan und den USA. Haben Sie denn bei so vielen unterschiedlichen Ländern auch selbst schon einmal einen Kulturschock erlebt?

Roth: Ja. Ich bin innerhalb von zehn Monaten von Bulgarien nach Deutschland gezogen und dann gleich weiter in die USA. In beiden Ländern bekam ich einen Kulturschock. Ich hatte ein Gefühl der vollkommenen Desorientierung und habe an nichts mehr Freude empfunden. Nach außen wirkte ich ganz normal, aber innerlich fühlte ich mich furchtbar leer. Das ist typisch für einen Kulturschock.

ZEIT Campus: Was löst ihn aus?

Roth: Das ist unterschiedlich. Oft hat er nicht direkt etwas mit dem Land zu tun, sondern mit den Lebensumständen. Wie ist der Raum, in dem man schläft? Wo kauft man ein? Was isst man? Wo bewegt man sich? Manchmal lösen fremde Gerüche einen Kulturschock aus oder das Gedränge auf den Straßen. Das Problem ist, dass viele Menschen nicht zugeben wollen, dass sie sich in einem fremden Land nicht wohlfühlen. Dabei ist ein Kulturschock überhaupt nichts Negatives. In der Wissenschaft überlegt man, ob man diesen Zustand der Entfremdung deshalb umbenennen sollte, weil das Wort Schock so negativ klingt.

ZEIT Campus: Hat ein Kulturschock denn auch eine gute Seite?

Roth: Das Gefühl, fremd zu sein und mit anderen Kulturen konfrontiert zu werden, ist sehr wichtig für die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit. Man lernt dadurch viel über sich selbst und die eigene Kultur, und durch die kurze Phase der Desorientierung reift man. Wenn man so etwas öfter erlebt, lernt man außerdem, damit umzugehen. Wichtig ist nur, sich Zeit zu lassen.

ZEIT Campus: Sie meinen, nicht gleich aufzugeben und wieder nach Hause zu fahren, wenn man sich im neuen Land nicht auf Anhieb wohlfühlt?

Roth: Ganz genau. Ein Kulturschock ist nur eine Phase, eine Art Zwischenzustand beim Wechsel zwischen dem eigenen und dem fremden Land. Es gibt immer ein Danach.

ZEIT Campus: Und wie schafft man das und übersteht diese Phase?

Roth: Der erste Schritt ist anzuerkennen, dass man nicht krank ist, sondern etwas ganz Normales erlebt. Als Zweites sollte man sich selbst genau beobachten und überlegen: Wo fühle ich mich besonders fremd? Wann geht es mir nicht gut? Und wann geht es mir gut? Nur wenn man sich diese Unterschiede bewusst macht, kann man die Probleme bekämpfen und eine Lösung finden.

ZEIT Campus: Reisen sind heute viel einfacher als früher. Wer durch die EU reist, braucht weder Visum, noch muss er Geld wechseln. Was hat sich dadurch verändert?

Roth: Für Studenten ist es heutzutage selbstverständlich, für das Studium oder ein Praktikum ins Ausland zu gehen. Viele Studenten sind deshalb sorglos – sie vergessen, dass es doch große Unterschiede zwischen den Ländern gibt, auch wenn man nur ins Flugzeug steigen muss und in zwei Stunden da ist. Aber Vorbereitung ist immer wichtig.

Viele Menschen wollen nicht zugeben, dass sie sich in einem fremden Land nicht wohlfühlen.
Juliana Roth

ZEIT Campus: Wie kann man sich möglichst gut auf einen Auslandsaufenthalt vorbereiten?

Roth: Ich empfehle immer, sich vorab schon einmal über das Bildungssystem und die Unis im Gastland zu informieren. Wie läuft der Unterricht ab? Welche Prüfungsleistungen gibt es, und was wird dafür verlangt? Wie spricht man den Professor an? Dann ist man am Anfang nicht ganz orientierungslos. Die Informationen findet man schnell im Internet. Außerdem muss man sich angewöhnen, immer und sofort Fragen zu stellen, wenn man etwas nicht versteht. Und man muss flexibel sein. Das heißt, nicht verzweifeln, wenn man in Paris kein Schwarzbrot findet. Es wird auf jeden Fall nicht alles so glatt laufen wie im eigenen Land, allein schon aufgrund der fremden Sprache. Darauf muss man sich vorbereiten, damit man sich nicht entmutigen lässt, wenn beim ersten Mal Einkaufen auf Französisch oder Spanisch nicht gleich alles klappt. Einfach weiterüben!

ZEIT Campus: Wer hilft einem dabei vor Ort?

Roth: Wenn man für ein Semester oder für ein Jahr ins Ausland geht, sind die International Offices der eigenen Hochschule und der Gast-Uni eine gute Anlaufstelle. Oft gibt es für Erasmus-Studenten zu Anfang Orientierungstage, an denen das Wichtigste erklärt wird. Wenn man dagegen den kompletten Master an einer Uni im Ausland macht, wird man oft ziemlich allein gelassen.

ZEIT Campus: Sie haben genau für solche internationalen Studenten an der Uni München eine interkulturelle Beratungsstelle gegründet. Warum ist es schwieriger, einen kompletten Studiengang im Ausland zu absolvieren, als ein Erasmus-Student zu sein?

Roth: Erasmus-Studenten sind schnell eingebettet in eine Gemeinschaft vor Ort: Es gibt für sie Willkommenstage und organisierte Treffen, und sie finden schnell Gleichgesinnte. Internationale Vollzeitstudenten werden dagegen oft vom System gar nicht erfasst. Es gibt zum Beispiel keinen E-Mail-Verteiler, über den man sie erreichen kann, und nur wenige Veranstaltungen explizit für sie. Viele Unis haben zwar allgemeine Beratungsstellen für Erstsemester, aber sie übersehen, dass internationale Studenten oft ganz andere Probleme haben als die einheimischen Studenten.

ZEIT Campus: Welche zum Beispiel?

Roth: Die internationalen Studenten in München kommen immer mit denselben Fragen zu uns in die Beratungsstelle: Wie schreibe ich eine Hausarbeit? Wie verhalte ich mich in einer Sprechstunde? Wie finde ich deutsche Freunde? Die allgemeinen Beratungsstellen sind für solche Fragen nicht zuständig. An den meisten Unis fehlt eine kulturbezogene Beratung für internationale Studenten, die ihnen bei solchen Fragen hilft.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Campus Ratgeber Nr. 2/2016.

ZEIT Campus: Wie erklären Sie sich das?

Roth: An der Uni wie in der Gesellschaft insgesamt gibt es zu wenig Bewusstsein für die großen kulturellen Unterschiede zwischen einzelnen Ländern. Heute ist alles global und international, alle bewegen sich durch die Welt und vergessen, dass sich das Leben von Land zu Land immer noch sehr unterscheidet. Das hat zur Folge, dass die internationalen Studenten sich schämen, Fragen zu stellen. Sie bewegen sich oft nur in internationalen Cliquen, weil sie nicht wissen, wie sie sich sonst im Studium und im Alltag verhalten sollen. So vernetzt unsere Welt auch ist, es gibt wichtige Unterschiede. Zum Beispiel kommen Studenten oft in unser Büro, weil sie nicht wissen, wie man sich im Seminar oder in einer Sprechstunde mit dem Professor verhält. Hört man nur zu? Wann meldet man sich? Lässt man sich auf eine Diskussion ein? Duzt oder siezt man? Das klingt banal, ist aber sehr wichtig, damit die Studenten sich wohlfühlen.

ZEIT Campus: Man hat den Eindruck, heute geht jeder ins Ausland. Was mache ich, wenn ich das nicht will, weil ich zum Beispiel Angst davor habe?

Roth: Wenn man wirklich nicht will, dann sollte man auch nicht gehen. Aber ich würde den Studenten lieber die Angst nehmen. Es ist alles machbar. Man wächst an der Aufgabe.