"Homosexuelle sind krank", steht in Büchern für chinesische Medizinstudenten. Dagegen klagt eine lesbische Studentin. Sie zeigt, wie Aktivismus in China funktioniert.

Als Qiu Bai zum ersten Mal ein chinesisches Ministerium verklagte, kam sie dafür ins Krankenhaus. Die Universität, an der die 22-Jährige Design studiert, schickte ihren Eltern einen Brief, in dem stand, dass mit Qiu Bai etwas nicht stimme. Ihre Eltern brachten sie sofort ins Krankenhaus. "Der Arzt sagte dann genau das, was ich in den Büchern gelesen hatte: Homosexualität sei eine Krankheit und ich müsste heiraten und schwanger werden, um ein normales Leben führen zu können." 

Qiu Bai ist lesbisch. Und die Bücher, in denen sie gelesen hatte, dass Homosexuelle krank seien, sind offizielle Lehrbücher für Medizin und Psychologie. Weil sie das ändern will, hat sie im August 2015 das chinesische Bildungsministerium verklagt.

Zwei Jahre dauert ihr Kampf gegen die Bücher inzwischen, der sie bis zum höchsten Gericht Pekings geführt hat. Er zeigt, wie widersprüchlich die Lage für LGBT-Menschen (Lesbische, Schwule, Bisexuelle und Transgender) in China ist – und wie Bürger in einem autoritären System für ihre Rechte kämpfen können.

Sie hatte noch nie etwas von Homosexualität gehört

Qiu Bais Kampf begann im Herbst 2014, ihrem ersten Semester an der Uni von Guangzhou, einer Großstadt im Süden Chinas. Sie versuchte zu verstehen, warum sie sich zu einer Kommilitonin hingezogen fühlte. Denn sie ist in einem Dorf in Südchina aufgewachsen und hatte noch nie etwas von Homosexualität gehört. 

In ihrer Uni-Bibliothek suchte sie Antworten – und fand die Bücher: Qiu Bai las, dass ihre Gefühle Symptome seien für eine Krankheit, eine "sexuelle Perversion". Manche Bücher beschrieben Therapien, um Homosexualität zu "heilen". "Ich war geschockt und hatte Angst, dass mit mir irgendetwas nicht stimmte", sagt Qiu Bai. 

Doch in Guangzhou, einer der größten Städte Chinas, konnte sie weiter recherchieren. "Ich fand LGBT-Gruppen und informierte mich dort. Da merkte ich zum ersten Mal, dass ich nicht die einzige Frau war, die sich in andere Frauen verliebte." Qiu Bai lernte lesbische Kommilitoninnen kennen, die ihr versicherten, dass mit ihr alles in Ordnung war. Es waren die Bücher, mit denen etwas nicht stimmte.

In China ist Homosexualität nicht verboten

Die Bücher, die Qiu Bai in ihrer Bibliothek fand, sind keine Ausnahme: 2014 hat eine chinesische NGO Lehrbücher für Medizin und Psychologie analysiert. 40 Prozent der Bücher beschrieben Homosexualität als unnormal, über 50 Prozent listeten verschiedene "Behandlungsmöglichkeiten" auf – unter anderem heterosexuelle Heirat und Elektroschocktherapie. Das sind nicht nur Vorschläge: Immer wieder gibt es Berichte von Kliniken, die solche Methoden anwenden.

Und das, obwohl Homosexualität in China offiziell nicht verboten ist – 2001 hat die Regierung Homosexualität aus der Liste der psychischen Erkrankungen gestrichen. Die Großstädte werden immer liberaler: Bars, eine offene Community, Filmfestivals und Pride-Events bieten öffentlich Anlaufpunkte für Homosexuelle. Es gibt viele LGBT-Datingapps.

Letztes Jahr veröffentlichen die UN einen Bericht, der bei Befragten nur noch wenige Vorurteile gegen Homosexualität fand und feststellte, dass Chinesen ihre Sexualität offen ausleben könnten.

Doch die Befragten waren überwiegend junge Stadtbewohner. Und sogar dort spüren Homosexuelle zunehmend die starke Hand des chinesischen Staates: Pekings queeres Filmfestival findet im Verborgenen statt, seit die Organisatorin 2014 von der Polizei bedroht wurde. In chinesischen Dörfern wie dem, in dem Qiu Bai aufgewachsen ist, sieht die Situation noch schlechter aus: Dort gibt es oft keine LGBT-Community, sodass das Internet zum einzigen Anlaufpunkt wird.