"Ich habe das Gefühl, dass diese antiandrogenbetonten Pillen früher häufiger verschrieben wurden", sagt Henes. Weil man den Frauen einen Gefallen tun und ihnen auch gleich zu schönerer Haut verhelfen wollte, vermutet sie. Ohne schwere Akne sei das aber unnötig. "Mittlerweile erfolgt die Auswahl individualisierter aufgrund der Vielzahl der zur Verfügung stehenden Präparate. Je nach Beschwerden kann der Östrogenanteil und die Gestagenkomponente – also eher androgen, neutral oder antiandrogen – auf die Patientin abgestimmt werden."

Vor allem sei die Pille ein Verhütungsmittel und sollte nur in bestimmten Fällen zu anderen Zwecken verschrieben werden. Zum Beispiel, um Krankheiten wie Endometriose zu lindern – eine gutartige, aber oft schmerzhafte Wucherung von Gewebe in der Gebärmutterschleimhaut. Nur für schönere Haare, größere Brüste oder glatte Haut sollte kein Arzt die Pille verordnen. Die meisten Pillen sind nicht einmal zur Behandlung von Akne zugelassen.

Schadet die Pille nun mehr, als sie hilft?

Das Problem mit den Unverträglichkeiten ist, dass sie sich nie ganz klar mit dem Medikament verknüpfen lassen, wenn sie erst nach Jahren auftreten. Vermutlich kommen sie in einem komplexen Zusammenspiel mit anderen Einflüssen vor wie Stress in der Schule, im Job oder an der Uni, Streit mit der Familie oder Beziehungsproblemen, Drogenkonsum, Vorerkrankungen oder genetischer Veranlagung.

Depressionen von der Pille? Dafür fehlen Beweise.

Bis heute gibt es deshalb keine eindeutigen Beweise, dass die Pille allein für schlechte Stimmung oder sogar Depressionen verantwortlich ist. Obwohl es zahlreiche Studien gibt, die den Nebeneffekten des Medikamentes nachgehen. Viele davon sind wenig aussagekräftig, weil sie mit wenigen Teilnehmerinnen durchgeführt wurden. Die Ergebnisse lassen sich nicht einfach so auf die ganze Gesellschaft übertragen.

Andere Studien sind größer, aber trotzdem nicht bedeutend genug, um die Fachwelt zum Umdenken zu bringen. Wie diese repräsentative Untersuchung dänischer Forscher im November vergangenen Jahres: Unter mehr als einer Million Däninnen überprüften die Wissenschaftler, ob ein Zusammenhang zwischen hormoneller Verhütung und der Wahrscheinlichkeit besteht, an Depressionen zu erkranken (JAMA Psychiatry: Wessel Skovlund et al., 2016). Das hatten sie an zwei Faktoren überprüft: Wie viele Frauen nahmen Antidepressiva? Wie viele Frauen sind derzeit oder waren Patientinnen in einer psychiatrischen Klinik?

Ihr Ergebnis: Die Pillenanwenderinnen hatten ein erhöhtes Risiko, depressiv zu werden. Je jünger sie waren, desto anfälliger. Frauen zwischen 15 und 34, die die Pille nahmen, waren je nach Präparat 20 bis 30 Prozent gefährdeter, als die Gruppe derer, die die Pille nicht nahmen. Das Ergebnis schlug ein.

Doch die Studie hat Schwächen. Von rund 550.000 Pillenanwenderinnen, hatten etwa 75.000 schon einmal Antidepressiva bekommen. Von rund 475.000 Frauen, die die Pille nicht nahmen, hatten 50.000 schon einmal Antidepressiva bekommen. Gemessen an der Gesamtzahl der untersuchten Frauen sind die Gruppen der Antidepressiva-Konsumentinnen relativ klein und dadurch anfällig für statistische Fehler. Zumal die Forscher wichtige Faktoren wie Lebensumstände, verschiedene Vorerkrankungen oder genetische Veranlagung außer Acht ließen. Sie berücksichtigten ebenso wenig, dass Frauen regelmäßig für das Pillenrezept zum Arzt müssen. Und wer öfter beim Arzt ist, bei dem wird eine Krankheit wie eine Depression auch schneller diagnostiziert.