Alle Hinweise, die aus vielen Studien über Jahre hinweg zusammengekommen sind, sind aber zumindest überzeugend genug, um sie vorsichtshalber in den Beipackzettel zu schreiben. Frauenärzte sollten also darauf achten, wenn Patientinnen unter der Pille Probleme bekommen. Sie sollten notfalls erneut über Nebenwirkungen aufklären und Alternativen aufzeigen.

Dazu sind ausführliche Anamnesegespräche nötig, sagt Melanie Henes. Deshalb müsse eine Frau ja halbjährlich zur Kontrolle in die Praxis kommen, wenn sie die Pille nimmt. "Wir Frauenärzte haben dafür Checklisten, die wir durchgehen mit der Patientin und anhand derer wir Änderungen im Lebensstil nachverfolgen können", sagt Henes. Hat die Patientin angefangen zu rauchen oder neuerdings Migräne, hat sie keine Lust mehr auf Sex oder fühlt sie sich dauernd niedergeschlagen, sollte der Arzt reagieren. Dafür ist es aber auch erforderlich, dass die Patientin mit ihrem Arzt offen über Veränderungen spricht.

Nie wieder künstliche Hormone

Weil Carmen das Gefühl hatte, von ihrem Arzt nicht die nötigen Infos zu bekommen, machte sie sich online auf die Suche nach Frauen, denen es ähnlich ging – und fand viele. Auf Empfehlung einer Freundin wechselte sie den Frauenarzt. Mit der neuen Ärztin führte sie ein langes Gespräch, beschrieb ihr alle Faktoren, die sie belasteten. Am Ende sagte die Gynäkologin: "Hören Sie doch einfach mit der Pille auf. Ihr Körper schreit ja förmlich nach einem hormonfreien Dasein." Noch am gleichen Abend setzte Carmen ab.

Schon nach ein paar Tagen fühlte sie sich wacher, fitter und entspannter. Die Beziehung wurde besser. Die Libido kam zurück. Carmen sagt heute: Nie wieder künstliche Hormone.

Wie viele Frauen sich wie Carmen entscheiden, ob es wirklich einen Trend dazu gibt, die Pille abzusetzen, darüber gibt es keine Zahlen. Eine Untersuchung, die zeigt, wie viele Pillenanwenderinnen es nach Altersklassen gibt, ist etwas älter: Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hat 2011 erhoben, dass etwas weniger Frauen ab Mitte zwanzig die Pille nehmen, im Vergleich zu Jüngeren. Ob das an Unverträglichkeiten oder am in dem Alter wachsenden Kinderwunsch liegt oder an einer Mischung aus beidem, ist nicht bekannt. Und: Erst wenn 2018 der nächste Bericht der BZgA herauskommt, wird sich herausstellen, ob sich die Zahlen in den vergangenen Jahren verändert haben.

Viele haben keinen Sex und bekommen die Pille trotzdem

Carmen ist heute 31 und wünschte, sie wäre damals mit 17 besser aufgeklärt worden. Vielleicht hätte sie dann schon früher abgesetzt.

Für Melanie Henes sind die Erfahrungen, die Carmen mit ihrem Arzt gemacht hat, kein gutes Praxisbeispiel: "Ich habe viele Kollegen, auch in Praxen, die sich intensiv um ihre Patientinnen kümmern." Frauen würden lieber einmal mehr in die Klinik überwiesen, wenn ein Ergebnis uneindeutig geblieben sei. "Die neuesten Skandale um die Pille, wie die Gerichtsprozesse aufgrund des Thromboserisikos, haben das Bewusstsein für mögliche Komplikationen noch mehr geschärft."

In manchen Praxen sieht die Realität aber noch anders aus. In Leonies Freundeskreis haben viele die Pille problemlos bekommen, nicht zu Verhütung, sondern um damit die Haut besser zu machen oder größere Brüste zu bekommen. Leonie sagt, ihr ist bewusst, dass die Pille ein Medikament ist, das man nicht aus Spaß nehmen sollte. Wenn mit ihrem Körper etwas nicht stimmt, wird sie das aber schon merken – da ist sie sich sicher. Jetzt ist sie erst einmal glücklich, dass ihre Haut so gut aussieht. Seit sieben Monaten nimmt sie die Pille. Sex hatte sie bisher noch nicht.

Mitarbeit: Luisa Jacobs

Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Version des Textes waren die Risiken des Koitus interruptus knapper ausgeführt. Wir haben die Stelle nun mit Infos angereichert.