Maria Lohbeck ist Umweltaktivistin. Phil Leaney arbeitet in der Ölindustrie. Verliebt haben sie sich trotzdem ineinander. Ein Gespräch über die Liebe mit Unterschieden

Am längsten halten Beziehungen, wenn die Partner ungefähr gleich dick, gleich groß, gleich attraktiv sind. Noch wahrscheinlicher wird die Liebe fürs Leben, wenn Paare dieselbe Religion, die gleichen Werte und politischen Ansichten teilen, das zeigen Studien. Die Realität zeigt, dass auch das Gegenteil funktioniert. 

Maria ist Umweltaktivistin. Phil arbeitet als Ingenieur auf Bohrinseln. Kennengelernt haben sie sich, als Maria für ihren Master in Friedensforschung nach Aberdeen in Schottland kam. Sie sagt: Die Ölindustrie war für mich so etwas wie der Teufel. Er sagt: Das Öl ist mein Job. Seit fast fünf Jahren sind sie ein Paar. Was machen die Unterschiede mit der Liebe? Und was macht die Liebe aus den Unterschieden?

Maria: Unsere allererste Begegnung war nur ganz kurz, aber ich mochte dich sofort. Ich war gerade mal zwei Tage in Aberdeen und habe einer Freundin bei Skype gesagt: Mir reicht's, ich komme zurück nach Berlin. Ich war bei einem Kumpel von dir zum Couchsurfing gelandet und habe mich in der Stadt total unwohl gefühlt, alles war so nass und grau. Und teuer! Da klingelte es und ich habe dir die Tür aufgemacht. Du wolltest deinen Kumpel besuchen und standest da mit blonden Haaren, Hoodie und Surfboard unter dem Arm. Liebe auf den ersten Blick ist vielleicht zu viel gesagt, aber da war sofort eine Anziehung. Du warst so ein gut aussehender Lichtblick in dieser dunklen Stadt. Ich bin zurück in mein Zimmer, aber ich war ganz aufgeregt und und habe meiner Freundin auf Skype direkt von dir erzählt. 

Phil: "Es ist so deprimierend hier", das war ungefähr das Erste, was du zu mir gesagt hast. Du kamst aus Berlin, dem coolen Zentrum Europas. Aberdeen ist die Ölhauptstadt Schottlands, eine schäbige, alte Stadt mit lauter schmutzigen Booten und Bohrinseln. Aber die Wellen sind ganz okay, deshalb surfen hier viele. Die Gegensätze hätten nicht größer sein können. Es war trotzdem vom ersten Moment an entspannt zwischen uns.

Maria: Ich glaube, geflirtet hast du nicht mit mir, zumindest habe ich das nicht gemerkt. Aber das fand ich interessant. Du warst so unaufgeregt. Irgendwie lässig, aber total positiv. Als ich dich mit deinem Surfboard sah, dachte ich für eine kurze Zeit: Vielleicht bist du eine Ausnahme in dieser Stadt. Aber dann habe ich schnell erfahren, dass du auch in der Ölindustrie arbeitest. Enttäuscht war ich schon. Aber auch nicht überrascht, weil fast jeder hier in der Ölindustrie arbeitet. Manche Offshore, andere in der Industrie, die Geräte für die Bohrinseln herstellen.

Phil Leaney auf einer Anlage in Marokko © privat

Phil: Ja, hier reagiert niemand, wenn ich sage, dass ich auf einer Bohrinsel arbeite. Aber in Europa sind die Leute enttäuscht darüber, dass ich meine Seele verkaufe. Es ist einfach eine ganz andere Haltung, in Aberdeen ist es akzeptiert und normal.

Maria: Durch dich habe ich auch Aberdeen lieben gelernt. Wir waren zusammen surfen, sind uns näher gekommen. Aber lange habe ich gedacht: Es kann ja gar nicht sein, dass wir uns ineinander verlieben. Wir sind so unterschiedlich. Du, einer von der Bohrinsel und unpolitisch, ich, die Aktivistin mit dem Vater bei Greenpeace. Alle Beziehungen, die ich bis dahin kannte, waren viel homogener. Die Partner waren aus dem gleichen Kontext, mit denselben politischen Ansichten.

Phil arbeitet seit sechs Jahren als mud engineer für eine Firma aus Aberdeen. Mud engineers kontrollieren und testen die Bohrflüssigkeit. Auf einer Bohrinsel sind immer zwei Ingenieure gleichzeitig. Während der eine arbeitet, hat der andere frei. Alle zwölf Stunden wechseln sie sich ab. Viele von Phils Kollegen machen das ihr Leben lang. Für Phil ist das nicht mehr so klar, seit er mit Maria zusammen ist. 

Phil: Auf dem Papier ist der Job perfekt. Vier Wochen bist du auf der Insel, dann hast du vier Wochen frei. Das bedeutet viel Zeit zum Reisen und Surfen und du kriegst auch noch gutes Geld. Um so viel Geld in Berlin oder London zu verdienen, müsste ich schon ein Manager sein. Ich wollte aber schon als Kind etwas Aufregendes machen. Mein Vater war Taucher bei der Navy, das hat mich beeinflusst. Ein Schreibtischjob kam für mich nicht in frage.