Diana Kinnert ist konservativ, sieht aber nicht so aus. Sie will die Ehe für alle, Gras legalisieren und die CDU vor dem Aussterben bewahren. Pose oder Politik?

Dieser Text ist der zweite Teil unserer Serie Jung und konservativ. Bis zur Bundestagswahl (und darüber hinaus) wollen wir in Porträts, Leserartikeln, Essays und Interviews der Frage nachgehen, was es heute heißt, jung und konservativ zu sein. Die Serie ist Teil des Projekts #D17, das Deutschland vor der Wahl porträtiert.

Weitere Informationen über das Projekt #D17.

Hinter dem Berliner Reichstagsgebäude, wo nicht mal die normalen Abgeordneten parken dürfen, wo die ganz, ganz dicken schwarzen Mercedes-Limousinen stehen, kauert ein kastiger, lilametallic lackierter Suzuki-Minivan. Das ist der von Diana Kinnert. Den Suzuki hat sie von ihrer Oma geerbt, den Parkausweis bekam sie von Peter Hintze, dem im November verstorbenen CDU-Bundestagsvizepräsidenten.

Diana hat Hintzes Büro geleitet, er hatte die 25-jährige Studentin aus Wuppertal 2015 nach Berlin geholt. Sie, die schon immer anders war als die meisten in ihrer Partei, der CDU. Sie ist nun ziemlich nah dran und mischt weit oben mit. 

Diana, grauer Wollpulli, Ärmel hochgekrempelt, sehr schmale Handgelenke mit Jesus-Tattoo auf dem linken Unterarm, der aussieht, als wäre ein Laster drübergefahren, sitzt Ende Januar in der Schwarzwaldstube. Ein Laden in Berlin-Mitte an der Schnittstelle zwischen spießig und hip, auf dem gefliesten Kachelofen röhrt ein Hirsch. Sie trägt eine lila Basecap, quergestellt. Gerade schreibt sie ein Buch darüber, dass sie jung ist, weiblich, Migrantenkind und konservativ. Das ist 2017 in Deutschland etwas Besonderes.

Als Hoffnung der CDU ist Diana beschrieben worden, sie soll ihre Zukunft sein und DAS Nachwuchstalent, großgeschrieben. Es gibt ein Bild von ihr mit Angela Merkel, die Kanzlerin mit Raute, die Kinnert mit Kappe, CDU trifft CDU.

Diana trifft Merkel, Diana kennt Tauber, Diana sitzt bei 3nach9 neben Giovanni di Lorenzo. Dort erzählte sie, wie es nach ihrem Beitritt zur Partei war: Die ersten beiden Male wurde sie beim Stammtisch ignoriert, beim dritten Mal kam der Ortsvereinsvorsitzende endlich auf sie zu, und sie fragte sich schon, ob sie ihm die Hand ausstrecken soll, oder ob er das mache, da sagte er zu ihr: "Noch zwei Bier, bitte."

Diese Geschichte erzählt Diana oft, sie hat sie so gut drauf, dass sie fast nach einem Witz klingt. Kommt 'ne junge Frau, deren Mutter 1990 von den Philippinen nach Deutschland kam und deren Vater Schlesier ist, kommt so 'ne junge Frau zur CDU und die alten Herren wollen zwei Bier bei ihr bestellen. Und die Leute lachen dann, haha.

Aber das ist natürlich genau das Problem, das die CDU und der Konservatismus haben, dass sie zu sehr nach Cordhose und Tommy-Hilfiger-Katalog aussehen und klingen und zu wenig nach Basecap quergestellt. Die CDU müsse jünger, bunter und weiblicher werden, sagte Peter Tauber, als er vor zwei Jahren die Kampagne Meine CDU 2017 vorstellte, an der Diana – natürlich – beteiligt war. Denn die CDU ist Volkspartei und das Volk wird immer älter. Da tut es gut, so jemanden wie Diana zu haben.

Ist sie nur das Postergirl für eine Partei, die ein neues Poster braucht?

Diana tourt durch CDU-Ortsverbände, erzählt ihnen, wie sie sich ändern müssen, um junge Leute zu begeistern. Diana steht in Nordhorn im Povelturm, beim Neujahrsempfang in Lohne. Und jeder Lokaljournalist freut sich, wenn er sie mit den 60-, 70- und 80-Jährigen männlichen Kreisvorsitzenden aufs Bild kriegt und textet dazu: Powerfrau begeistert.

Ist sie nur das Postergirl für eine Partei, die ein neues Poster braucht? Und wie ist das, immer die andere zu sein?

Als sie noch neu war bei der CDU, stand sie in Wuppertal bei einem Fest am Stand der Jungen Union. Der Bürgermeister war da und der Parteivorsitzende, lauter alte weiße mächtige Männer. Als der Journalist kam, sagten sie: "Kinnert, komm doch mit aufs Foto."

"Ich hab mich gewundert, warum jetzt ich und die anderen nicht, aber ich hab mich mit draufgestellt." Dann kam das Foto in die Zeitung und sie war stolz. "Aber irgendwann habe ich mir überlegt, das ist eigentlich genau das Falsche. Weil die instrumentalisieren mich, um ein Bild von bunter CDU zu repräsentieren, obwohl die Mächtigen es selbst nicht sind."

Bomberjacke und professionelles Schreiben

Sie hat verstanden, dass sie für die CDU ein Coup ist, den die Partei präsentieren kann, um zu zeigen, wie modern Konservatismus heute sein kann. Auf dem Cover ihres Buches, das in der Endphase des Lektorats ist, ist sie mit Bomberjacke. Klar, sie sagt cool und geil und hat House of Cards gesehen. Aber so schreibt sie nicht. Peter Tauber ist Doktor Peter Tauber und das Lektorat wartet vergebens auf die freche junge Stimme. 

Auf Facebook schreibt sie Schachtelsätze mit vielen Substantiven. Als Jenna Behrends, eine junge Berliner CDU-Stadtverordnete im vergangenen Jahr Sexismus in der CDU öffentlich ansprach, schrieb sie: "Ein gesamtgesellschaftliches Klima, das ein Geschlecht als wertvoller und ernstzunehmender einordnet als ein anderes, das Geschlechter mit typisierenden Kollektivattributen und Rollenzuschreibungen belegt, und aus dem am Ende des Tages ein übergreifendes geschlechtsspezifisches Machtgefälle hervorgeht, genügt keinem Menschenrecht." Da spricht ein studierter Profi.

Diana ist anders als die meisten in der CDU, aber nicht zu anders. Wahrscheinlich ist sie deshalb deren Botschafterin. Also, Frau Botschafterin, was heißt es heute, jung und konservativ zu sein?

"Konservativ sein heißt für mich, Dinge evolutiv und kritisch-konstruktiv zu betrachten statt reaktionär." Aha. Wie bitte? "Mich erst mal als Teil des Systems zu sehen, und nicht alles abschaffen zu wollen. Der Konservative nimmt sich der Dinge in seinem Umfeld an und arbeitet daran." Da nickt jeder, das ist alles sehr vernünftig, Konsens und ausgeruht debattieren: klasse. Geht es auch etwas konkreter?

"In jedem ICE gibt es faktisch ein Unisexklo."
Diana Kinnert

Für Diana ist konservativ sein eine Haltungsfrage, die auf dem christlichen Menschenbild basiert und auf dem Gebot zur Erhaltung der Schöpfung. Wirtschaftlich sieht sie sich oft bei der FDP, gesellschaftspolitisch bei den Grünen, nur findet sie, dass Identitätsfragen dort zu prominent platziert werden. "Ich glaube nicht, dass die meisten CDU-Mitglieder etwas gegen Schwule oder Lesben haben, die haben nur keine Lust, immer über Unisexklos zu reden. In jedem ICE gibt es faktisch ein Unisexklo, das stört niemanden. Aber diese Themen sollen eben nicht viel Raum einnehmen."