Die französische Politik ist alt und elitär, er ist jung und bricht mit Tabus. Drei junge Franzosen haben dank Emmanuel Macron die Politik neu für sich entdeckt.

Emmanuel Macron begeistert die Franzosen. Tausende kommen zu seinen Veranstaltungen, mehr als 185.000 haben sich bereits seiner Bewegung angeschlossen. Sie nennt sich En Marche, in etwa Vorwärts.

Im August hat Macron die Parti socialiste verlassen und tritt nun als Parteiloser an. Mittlerweile steht er in Umfragen auf dem zweiten Platz, nur wenige Prozentpunkte hinter Marine Le Pen. Unter seinen Anhängern sind viele junge Menschen, einige machen in ihrer Freizeit Wahlkampf für den erst 39-jährigen Macron. Was treibt sie an? 

"Wenn ich etwas mache, dann mit Leidenschaft"

Die französische Politik ist alt und elitär. Die Franzosen haben darauf keine Lust mehr. Emmanuel Macron ist anders. Er hat Philosophie studiert, aber ist im Wirtschaftsministerium gelandet. Außerdem ist er noch jung. Das klingt zwar banal, macht für viele junge Franzosen aber einen enormen Unterschied.

Ich war einfach neugierig. Deshalb habe ich im Sommer Macrons Bewegung En Marche geschrieben, dass ich in Berlin für sie arbeiten möchte. Im September haben wir dann endlich En Marche Berlin gegründet – zu dritt mit einer Facebookseite. Mittlerweile haben wir fast 1.000 Likes und 40 aktive Mitglieder. Unsere Gruppe leitet ein Franzose, der hier ein Start-up gegründet hat. Ich kümmere mich um Jugendthemen.

Wir organisieren zusammen Vorträge und Diskussionen, im Februar zum Beispiel mit Daniel Cohn-Bendit von den Grünen und dem Demokratieforscher Wolfgang Merkel. Im Januar erst war Macron selbst hier. Wir haben ein Treffen organisiert, zu dem rund 250 Franzosen gekommen sind. Ich habe einen Vortrag über Erasmus gehalten. Ich liebe es, in einer Sache aufzugehen. Ich spiele auch Rugby und trete als Zauberer auf. Wenn ich etwas mache, dann mit Leidenschaft.

Emmanuel Macron
Jung, liberal, ehrgeizig
Die Ankündigung des ehemaligen Finanzministers, bei der Präsidentenwahl im April anzutreten, sorgt für Unruhe bei Linken und Rechten. Macron gilt als sehr ambitioniert, seine Bewegung En Marche ist für alle etablierten Parteien eine Gefahr.

Macron steht für mich vor allem für Europa. Das ist wichtig für mich. Ich bin in Frankreich aufgewachsen, aber mit zwölf nach Berlin gezogen. Mein Vater kannte Deutschland aus seiner Kindheit. Seine Mutter, eine Kommunistin, hat ihn damals für die Ferien in die DDR geschickt. Er hat eine ganz andere politische Meinung entwickelt, aber trotzdem immer gute Erinnerungen an Berlin gehabt. Er wollte mir und meiner Schwester eine andere Kultur zeigen. Außerdem ist er ein Fan der Berliner Oper.

Ich wähle dieses Jahr zum ersten Mal. Wen ich vorher gewählt hätte, weiß ich nicht. Meine Familie ist eher mitte-rechts. Ich interessiere mich erst seit den Kommunalwahlen 2014 wirklich für Politik. Damals hat der Front National in einigen Regionen viele Stimmen einholen können. Das hat mir Angst gemacht. Diese Partei ist das Gegenteil einer guten Zukunft. François Mitterrand hat mal gesagt: "Le nationalisme, c'est la guerre", Nationalismus bedeutet Krieg.                   

EU, ein Tabuthema

In Frankreich ist die EU für viele Politiker ein Tabuthema. Außer für die, die die EU ablehnen, wie Marine Le Pen. Ich aber möchte, dass Europa weiter zusammenwächst. Nur so können wir in der Welt bestehen. Wirtschaftlich, zum Beispiel. Aber auch was unsere Sicherheit und die Gefahr durch den Terrorismus angeht. Macron hat dieses Tabu gebrochen und macht mit seiner proeuropäischen Einstellung Wahlkampf. Das ist neu.

Wir machen in Berlin auch Umfragen, um zu sehen, was hier besser läuft. Ende 2016 haben wir uns zum Beispiel mit einem Start-up-Gründer getroffen. Es gibt in Frankreich viele junge Menschen mit guten Ideen, aber oft gehen sie woanders hin. Zum Beispiel nach Berlin. Wir wollten wissen, wie die Arbeitsbedingungen hier sind und was in Frankreich verbessert werden kann.                   

Mit den Ergebnissen können wir einen neuen Blick auf die Situation in Frankreich werfen. Dort ist alles sehr streng, in der Schule, in der Uni und in den Unternehmen. Das habe ich selbst erlebt. Bevor ich angefangen habe, in Deutschland zu studieren, war ich in Frankreich in einer classe préparatoire, einer Vorbereitungsklasse für eine Eliteschule. Normalerweise geht das Programm drei Jahre, ich habe nach dem ersten abgebrochen. Ich konnte im Unterricht weder meine Meinung sagen, noch meinen Stundenplan selbst gestalten.

In Deutschland hingegen hat man ein größeres Vertrauen in junge Menschen. Auch deswegen kommen sie nach Berlin. Wenn sie hier in einem Start-up arbeiten, haben sie ein Mitspracherecht und bekommen Verantwortung, die sie in Frankreich womöglich erst nach einigen Jahren bekommen würden. Außerdem kann man mehr eigene Entscheidungen treffen. Ich studiere in Berlin Sozialwissenschaften und Geschichte. Nebenbei mache ich ein Fernstudium in Jura. In Deutschland ist das kein Problem, in Frankreich würde das nicht funktionieren.

"Was, wenn er uns nur einen Traum verkauft?"

"Was, wenn er uns nur einen Traum verkauft?"

Als ich im November hörte, dass Macron kandidieren will, war ich begeistert. Macron hat mich beeindruckt: Er spricht gut, er ist kultiviert, immer freundlich. Wenn ein Journalist ihm Fragen stellt, gibt er direkte Antworten. Er ist ein Typ, mit dem man gern befreundet wäre. Aber was ist, wenn er uns nur einen Traum verkaufen will? Mittlerweile zweifele ich daran, ob ich ihn wirklich wählen möchte.

Meine Freunde und ich haben in letzter Zeit viel über Macron gelesen und uns seine Reden angehört. Er spricht ziemlich viel über sich, seine Frau und seine großen Visionen. Aber es ist nur wenig konkretes dabei. Er hat noch kein richtiges Programm vorgelegt, aus dem hervorgeht, was er genau umsetzen will. Vor der letzten Wahl hat François Hollande auch versprochen, soziale Politik zu machen, aber es nicht gehalten. Ich möchte meine Stimme nicht schon wieder verschenken.

Langsam wirkt er auf mich wie ein Populist. Mir gefällt diese Entwicklung nicht. Die Leute jubeln ihm zu wie ihrem Fußballverein. Als ob es nicht mehr um Politik, sondern um Unterhaltung geht. Vor einigen Tagen hat Macron in Lyon gesprochen. Ich wollte da gemeinsam mit meinen Freunden hin, wir haben uns schon lange darauf gefreut. In den Reden, die ich im Internet gesehen habe, spricht er frei, das wirkt überzeugend. Bei Politikern, die nur von einem Zettel ablesen, hat man das Gefühl, sie hätten ihre Rede nicht selbst geschrieben.

Als aber Benoît Hamon dann die Vorwahl bei den Sozialisten gewonnen hat, bin ich unsicher geworden. Ich möchte eine linke Politik. Macron ist vielleicht zu liberal, was wirtschaftliche Themen angeht. Nachher wird er nur alles privatisieren, ein neues Steuersystem einführen, aber nichts für die soziale Gerechtigkeit machen. Hamon hingegen verehre ich schon seit den 90er Jahren. Er stand immer zu seinem Wort und ist ein richtiger Linker. Schließlich haben wir uns dagegen entschieden, zu der Veranstaltung zu gehen.

Deutschland als Vorbild?

Die meisten jungen Leute, die Macron wählen wollen, kommen aus gutem Haus. Sie sind Kinder von Ärzten, Anwälten oder Unternehmern. Mein Vater ist Zahnarzt, aber er hat sich hochgearbeitet. Er ist in einem armen Banlieue von Paris aufgewachsen und bis heute ein überzeugter Linker. Viele andere sind in einem Umfeld aufgewachsen, was eher der politischen Mitte angehört und wirtschaftsliberaler ist.

Ich bin Künstler und habe mein eigenes Musiklabel für elektronische Musik. Damit vermarkte ich meine eigenen Songs und die ein paar anderer Künstler. Als Selbstständiger zahle ich mehr Steuern als ein Angestellter. Macron hat versprochen, das zu ändern. Das wäre natürlich gut für mich. Macron bezieht sich oft auf die deutsche Unternehmenskultur. Ich verstehe aber nicht, warum Deutschland auf einmal als das großes Vorbild gilt. Natürlich, es gibt positive Aspekte. Kleine Unternehmen können Leute schneller einstellen und kündigen, das macht sie überlebensfähiger. Ich habe fünf Jahre in Berlin gelebt. In manchen Wochen habe ich 45 Stunden gearbeitet und dafür nur wenig verdient. Ich denke nicht, dass das ein Vorbild für Frankreich sein kann. Ich denke da eher an Länder wie Schweden. Dort probieren sie die Sechs-Stunden-Arbeitstage aus. Die Menschen haben dann mehr Zeit für sich und mehr Leute können arbeiten.

Endgültig habe ich mich aber noch nicht entschieden. Hamon hat nicht so viel Charisma wie Macron. Er könnte es schwer haben, genug Stimmen zu bekommen. Das Lager der konservativeren, liberaleren Linken wird Macron wählen. Ich habe das Gefühl, dass auch die Spitze der Parti socialiste um Hollande und Manuel Valls Macron unterstützt und nicht Hamon. Eigentlich ist Hamon der wahre Außenseiter.

Der "Yes, we can"-Spirit

Der "Yes, we can"-Spirit

Ich war schon immer politisch interessiert, habe mich aber noch nie für eine Partei engagiert. Keine hat mich angesprochen. Ich bin links, aber nicht sozialistisch. Ich wünsche mir eine sozialdemokratische Politik, aber bei der Parti socialiste gibt es viele Politiker, die mir zu links sind. Im Frühjahr 2016 habe ich dann von einer Freundin von Les Jeunes avec Macron erfahren. Ich hatte ihr erzählt, dass ich mich gern engagieren würde, mich aber in keiner Partei wiederfinde. Der einzigen Politiker, den ich gut fand, war Macron. Damals war er noch Wirtschaftsminister. Gerade zu der Zeit haben vier Leute zusammen Les Jeunes avec Macron gegründet. Meine Kollegin kannte zwei der Gründer. Nachdem ich mich mit ihnen getroffen habe, bin ich beigetreten. 

Wir haben die gleichen Parteien seitdem ich denken kann, die Parti socialiste, die Republikaner (früher: UMP) und den Front National. Und auf einmal gibt es etwas Neues. Endlich kann ich mal für jemanden wählen und nicht nur gegen jemanden. Macron begeistert die jungen Menschen. Nicht nur, weil er sie ernst nimmt, sondern weil er ihnen die Chance gibt, etwas zu bewegen. Es ist dieser "Yes we can"-Spirit, der mich reizt. Macron will, dass wir, die jungen Menschen, etwas beitragen zur Politik. In einer Rede an meiner Uni meinte er: Ihr seid gute Technokraten, aber das ist nicht das, was wir brauchen. Was wir brauchen ist, dass ihr weiterdenkt.

Im Mai hatte ich mein Politikstudium in Brügge abgeschlossen und mich dazu entschieden, in meine Heimat, die Bretagne, zurückzukehren und dort für die Gruppe zu arbeiten. In der Zeit lief gerade die Aktion La Grande Marche, was so viel heißt wie "Der große Marsch". In verschiedenen Regionen in Frankreich sind Freiwillige von Tür zu Tür gelaufen und haben mit den Menschen geredet. Nicht um ihnen zu sagen, dass sie Macron wählen sollen. Sondern um zu erfahren, was die Menschen denken, was sie von der Politik erwarten und was in Frankreich verändert werden soll. Ich habe mir dafür den ganzen Sommer über freigenommen, weil ich mich unbedingt dabei sein und etwas Sinnvolles machen wollte. Und ich wollte helfen, das Vertrauen der Menschen in die Politik wiederherzustellen.

Das ist ein wichtiger Punkt, wenn man Frankreich verstehen will: Die Franzosen interessieren sich sehr für Politik, aber sie haben eine Abneigung gegen die politische Klasse. Sie erkennen sich einfach in der derzeitigen Politik nicht wieder und gehen vielleicht deshalb nicht wählen. Das heißt aber nicht, dass sie unpolitisch sind. Im Gegenteil, wir waren schon immer ein sehr politisches Volk. In jeder Familie, die ich kenne, wird viel diskutiert, auch mit den Kindern. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich überhaupt angefangen habe, mich für politische Themen zu interessieren, es war irgendwie schon immer ein Thema.

EU als Sündenbock

An meiner ersten Uni habe ich einen Debattierklub gegründet. Die Université Panthéon-Assas in Paris ist eher konservativ eingestellt, ich bin links. Dadurch waren die Debatten immer sehr kontrovers, vor allem wenn es um Themen wie die EU, Migration oder Feminismus ging. Ich habe dort einen Bachelor in Europäischem Recht gemacht und meinen Master in Oxford. Danach bin ich nach Brügge. Momentan suche ich nach einem Job, zum Beispiel in der Finanzberatung von jungen Unternehmen, die Unterstützung von der EU brauchen. Ich möchte daran arbeiten, die EU und die Menschen näher zusammenzubringen. 

Ich glaube, für die Jungen gibt es drei Kandidaten, die interessant sind: Le Pen, Macron und Jean-Luc Mélenchon, der Kandidat des linken Wahlbündnisses Front de gauche. Ich verstehe auch, warum sich junge Leute von dem Front National angezogen fühlen. Marine Le Pen spricht über ihr Leben und über ihre Ängste. Sie kann gut reden und drückt sich klar aus. Viele wählen sie einfach, weil sie den Rest nicht mehr wollen. Es ist genug, sagen sie, die Politiker machen doch immer nur das gleiche, egal ob rechts oder links. Das Gefühl verstehe ich, aber von Le Pen und ihren Anhängern trennen mich Welten. Sie lügt und sie hat sich die EU als Sündenbock herausgesucht. 

Macron ist der einzige von ihnen, der ein Programm hat, was funktionieren kann, was realistisch ist. Ich hoffe, dass sich junge Leute von Le Pen und Mélenchon abwenden und für Macron stimmen.