"Potenzial setzt sich nicht immer automatisch auch in Leistung um", sagt Tanja Gabriele Baudson, die an der TU Dortmund zum Thema Hochbegabung forscht. Wie sehr sich die Begabung entfalten kann, hänge immer auch von inneren und äußeren Katalysatoren ab. "Innere Katalysatoren wie Motivation oder Prüfungsangst entscheiden darüber, ob Leute ihr Können in entscheidenden Situationen abrufen können und haben mit der Begabung selbst wenig zu tun", sagt Baudson. Auch hochbegabte Studenten können unter Prüfungsangst leiden. Außerdem sei entscheidend, wie die Umgebung, also Eltern und Schule, die Begabung fördern oder eben nicht. Das nennt Baudson die Umweltkatalysatoren.

"Viele Hochbegabte haben Angst davor, etwas Falsches zu sagen und sagen deshalb lieber nichts."

Nicht immer ist die Antwort so einfach. Foegelles Sohn konnte Mathe-Förderkurse besuchen, ging zum Ju-Jutsu und zum Trompetenunterricht. Ein Überflieger wurde er trotz Begabung und Förderung nicht. "Aus dieser Erfahrung weiß ich, dass auch ein intaktes familiäres Umfeld und fördernde Eltern kein Garant dafür sind, dass aus einem hochbegabten Kind ein Performer wird", sagt Foegelle.

Um besser zu verstehen, was Hochbegabte daran hindert, ihr Potenzial zu entfalten, haben Foegelle und sein Team nach Gemeinsamkeiten der Stipendiaten gesucht:Die meisten empfänden Schmerz intensiver und reagierten heftig auf Zurückweisung, sie seien hochsensibel. "Viele Hochbegabte haben Angst davor, etwas Falsches zu sagen und sagen deshalb lieber nichts", sagt Foegelle. "Bevor sie etwas in Angriff nehmen, müssen sie zu 110 Prozent sicher sein, richtig zu liegen." So wie Frederik, der auf Fragen so abwägend antwortet, dass er am Ende kaum etwas sagt oder sich im Studium oft gar nicht erst darüber informierte, wann eine Prüfung stattfindet oder die Rückmeldung fällig ist. Solange bis die Uni ihm im vierten Semester empfahl, sich zu exmatrikulieren.

Würde Frederik heute besser klarkommen, wenn er in der Schulzeit zusätzlich gefördert worden wäre?

Die Förderung für die Schlausten ist in Deutschland umstritten. Um hochbegabte Kinder im Schulalter besser zu fördern, haben Bund und Länder sich vor Kurzem geeinigt, in den nächsten zehn Jahren rund 125 Millionen Euro zu investieren. So viel Geld wurde noch nie für die Förderung von Hochbegabten ausgegeben. Ein Luxusproblem, schimpfen Kritiker. Zusätzliches Geld solle besser für benachteiligte Schüler ausgegeben werden, erklärte auch der Vorstand der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW).

"Das ist ein großes Missverständnis", sagt Begabungsforscherin Baudson. Das eigentliche Problem sei, dass aus Begabung und Bedürftigkeit ein Scheingegensatz gemacht würde. Auch Hochbegabte gebe es in jeder gesellschaftlichen Gruppe und mit allen denkbaren Persönlichkeiten. "Die Stiftung füllt eine sehr wichtige Lücke in der Begabtenförderung, sie widmet sich speziell den Underachievern unter den Erwachsenen", sagt sie. Je später Menschen gefördert werden, desto mehr fehle das Verständnis. In der Universität könnten andere weniger nachvollziehen, warum Hochbegabte keine Leistung erbringen, als noch in der Grundschule.

Frederik hat die Förderung im Erwachsenenalter geholfen: "Nach dem zehnten Mal fiel es mir leichter zu sagen, warum ich mit 32 Jahren noch ein Praktikum machen muss." Die Stiftung hat ihm einen Praktikumsplatz vermittelt und im Oktober will er sich wieder für Maschinenbau einschreiben. Foegelle ist zufrieden: "Wir wissen jetzt, dass es funktioniert." Nun müsse nur noch die Wirtschaft erkennen, welches Potenzial in den Stipendiaten stecke. "Ich hatte gehofft, dass viel mehr Unternehmen Interesse zeigen, mit unseren Stipendiaten zu arbeiten." Da gäbe es aber noch viele Berührungsängste. Deshalb hat die Stiftung einen eigenen Thinktank gegründet, in dem die Hochbegabten an Fragestellungen arbeiten, die sie an Unternehmen weitergeben. Die Annäherung zwischen Wirtschaft und Underachievern läuft zögerlich. Aber sie läuft.

* Name von der Redaktion geändert