Ihre Freunde und sie hatten ein gemeinsames Feindbild: Es war der Münchner BWLer mit Poloshirt und reichem Papi. Doch unsere Autorin will Ordnung statt Hype.

Dieser Text ist Teil unserer Serie Jung und konservativ. Die Serie ist Teil des Projekts #D17, das Deutschland vor der Wahl porträtiert. Bis zur Bundestagswahl (und darüber hinaus) wollen wir in Porträts, Leserartikeln, Essays und Interviews der Frage nachgehen, was es heute heißt, jung und konservativ zu sein. Und auch der Frage, was es heute heißt, jung und links zu sein, gehen wir weiterhin nach.

Weitere Informationen über das Projekt #D17

Ich hatte mit 15 eine Anarchophase. Tauschgesellschaft und so, Polizei weg, ist klar, und überhaupt Bush-Amerika: It’s a desaster! Aber wenn dir dann das erste Mal das Handy geklaut wird, hast du eher weniger Lust auf Staat ohne Polizei – so viel dazu.

In Bayern gibt es nur einen Weg, etwas zu verändern, nur eine Marschroute durch die Institutionen: die Junge Union. Alle anderen Jugendorganisationen sind so lächerlich klein und unbedeutend, dass man sich genauso gut mit einem großen "Dagegen"-Schild um vier Uhr früh an den Vierkirchener Bahnhof stellen könnte (wer Vierkirchen kennt, wird jetzt schmunzeln).

"Du bist doch cool, warum bist gerade du bei der JU?"

Schließlich war es meine ältere Schwester, die mich noch im selben Jahr überzeugte, in die Junge Union einzutreten – man kann sich’s ja mal anschauen, und außerdem gibt’s beim Sommerfest ein super Spanferkel. Mit 16 war ich also Mitglied der JU und immer noch gegen Bush. Ich war für die Kennzeichnungspflicht von Polizisten und wollte trotzdem CSU wählen. Ich hatte immer noch keinen bayerischen Dialekt (Vater: Hanseate) und fühlte mich doch verwurzelt in meiner Heimatstadt Dachau in Oberbayern.

An der Schule sagten sie: "Du bist doch cool, warum bist gerade du bei der JU?"

Gute Frage. Ich spielte Counter-Strike Source, blieb bei Partys, so lange es mein Ausweis hergab, oder auch länger. Mein Freundeskreis war eher links, unser Feindbild war der Münchner BWLer mit Poloshirt und reichem Papi – der typische JUler eben. Ach ja, eine selbstbewusste Frau bin ich auch noch – eine, die keine Herdprämie will. Bin ich der Antichrist in einer konservativen Jugendorganisation? Bin ich der rote Wolf im blau-weißen Schafspelz? Bin ich wirklich konservativ?

Ich glaube an einen starken Staat, der seine Bürger schützt und sie auffängt, wenn sie in Not geraten. Doch ich will auch, dass Leistung belohnt wird. Der Staat soll Chancengleichheit bieten, natürlich auch für Zugewanderte! Aber am Ende musst du es alleine schaffen, wenn du wirklich ganz nach oben willst. Jeder soll nach seiner Fasson glücklich werden, aber eine Patchwork-Familie ist nicht mein Lebensziel.

Umweltschutz ist wichtig, aber BMW-Fahren ist für mich Ehrensache, weil meine Freunde dort arbeiten und weil Qualität (auch in Form eines Armaturenbretts) einfach etwas wert ist. Ich finde die Ehe wertvoll: In Beständigkeit zeigt sich echte Charakterstärke, in Genügsamkeit wahre Größe. Religionsunterricht an öffentlichen Schulen und Kirchensteuer – ich störe mich nicht daran. Der Konservative blickt oft zurück, er reflektiert die Geschichte und versucht, Ordnung zu bewahren. Er glaubt nicht an den großen Wurf oder die heilbringende Wende.

Ich bin konservativ, weil ich Ordnung im Leben will; ich bin konservativ, weil mir Tradition wichtig ist; ich bin konservativ, weil ich jedem Hype skeptisch gegenüberstehe. Lieber Schweinebraten vom Bauern nebenan als Chia-Samen vom Frachtschiff, lieber einen guten Mantel als fünf von Zara, lieber einen einschläfernden Schäuble als einen aufregenden Varoufakis. Inzwischen bin ich 27, aktiv in der JU und CSU, arbeite für eine große Bank und werde sentimental, wenn ich meinen alten Nietengürtel aus der Kommode ziehe. Hoodies und Caps trage ich heute noch, auch bei CSU-Terminen, nur liegen sie jetzt im obersten Fach – in einem Schrank mit Ordnung.