Haben Teenager keine anderen Probleme als Cannabislegalisierung? Konrad Körner meint, es gibt größere Themen: Rentensystem, Staatsverschuldung, Krieg und Frieden.

Dieser Text ist Teil unserer Serie Jung und konservativ. Die Serie ist Teil des Projekts #D17, das Deutschland vor der Wahl porträtiert. Bis zur Bundestagswahl (und darüber hinaus) wollen wir in Porträts, Leserartikeln, Essays und Interviews der Frage nachgehen, was es heute heißt, jung und konservativ zu sein. Und auch der Frage, was es heute heißt, jung und links zu sein, gehen wir weiterhin nach.

Basecap quergestellt, Homoehe und Cannabislegalisierung? Krass. Ich fühlte mich ertappt, als ich den Text auf ZEIT Campus ONLINE über Diana Kinnert las und darüber, wie sich die Union verändern müsste, um junge Leute zu begeistern. Ich dagegen: aufgewachsen in der Kleinstadt, Ministrant und Chorsänger, mit 17 den Ortsverband der Jungen Union (JU) wiederbelebt, mit 22 im Stadtrat, JU und CSU-"Karriere" und dann auch noch humanistisches Gymnasium, Jurastudent und Hemdkragen. Oh Mann, anscheinend alles, was verantwortlich ist am Untergang der Konservativen in Deutschland. Bin ich der falsche Konservative? Oder gar kein Konservativer mehr? Das fragte ich mich kurz, dann kam der Unmut: 

Mich stören vor allem die Themen, die laut Artikel zum Konservativismus in Deutschland gehören sollen. Ehe für alle und Cannabislegalisierung? Ernsthaft jetzt? Vor einigen Monaten war ich mit dem Bezirksverband der JU auf einem Schülerkongress. 80 Schülersprecher aus der ganzen Region kamen zusammen, es gab eine Ständemeile der politischen Jugendorganisationen. Wir haben zwei Stunden wunderbar an unserem Stand diskutiert, die JU bekommt bei solchen Auftritten immer am meisten ab, ist ja klar. Aber als ich nach zwei Stunden im Großen und Ganzen nur Fragen zu Cannabislegalisierung beantworten durfte, war ich wirklich deprimiert. Haben diese Teenager keine anderen Probleme? Rentensystem? Staatsverschuldung? Krieg und Frieden? Anscheinend wurden solche Probleme zusammen mit dem G9 abgeschafft.  

Ich glaube, dass wir die wichtigen Probleme oft entweder nicht sehen oder meinen, wir könnten ja eh nichts dran ändern.
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Als Konservativer sehe ich mich als jemand mit gesundem Menschenverstand, eigentlich ideologiefrei im Gegensatz zum Rest mit rosaroter Brille. In solchen Zeiten ist das doch eigentlich die wichtigste Eigenschaft schlechthin. Ich will die politischen Themen rational und mit dem Blick fürs Gemeinwohl betrachten. Cannabis für alle? Selbst wenn es nicht "schlimmer" als Alkohol ist, zwei legale Drogen im Staat reichen aus und belasten unsere Sozialsysteme schon in ausreichender Form. Ehe für alle? Muss ein gleichgeschlechtliches Paar einen Anspruch auf die gleiche Bezeichnung (!) haben wie ein gemischtgeschlechtliches? Unterschiede sind wertvoll, sie dürfen auch unterscheidbar bleiben. Um bei Diana Kinnert zu bleiben: Unisextoilletten? Ich glaube durchaus, dass es Leute gibt, die Probleme mit ihrer sexuellen Identität und darunter zu leiden haben, aber kann ich für diesen schwindend geringen Prozentsatz das ganze Land umbauen und den Rest pikiert zurücklassen? Nein. Muss ich, um Frauen gleichzustellen, meine Studenten in der Übung, die ich seit Kurzem an der Uni halte, mit "Studierende" begrüßen? Die Mädels sind hundertmal klüger, reifer und ehrgeiziger als die Jungs, die da vor mir sitzen. Die packen das, weil sie wissen, dass sie gemeint sind, auch wenn ich "Studenten" sage. 

Ich glaube, dass wir die wichtigen Probleme oft entweder nicht sehen oder meinen, wir könnten ja eh nichts dran ändern. Ich bin jung und konservativ, weil ich sehe, dass ich als Staatsbürger für jedes Problem mitverantwortlich bin. Deshalb halte ich es für wichtig, dass in solchen Zeiten Konservative regieren. Um das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden, um mutige Überlegtheit vor feiges Gekreische zu stellen und um Ordnung in Unordnung zu bringen. Denn die Ordnung, die unsere Welt in den vergangenen 70 Jahren prägte, droht zu verblassen. Zum ersten Mal sind wahre Rechtspopulisten auf dem Vormarsch, zum ersten Mal stellt ein amerikanischer Präsident den Westen als Ordnungssystem in Frage und zum ersten Mal wächst Europa eher auseinander, als dass es weiter zusammenwächst. Und zum wiederholten Male pumpen wir unsere Sozialsysteme mit Geld auf, dass wir meiner Rente und irgendwann meinen Kindern wegnehmen. Konservativ fühle ich mich, weil ich bei aller berechtigter Kritik an dieser alten Ordnung ihren Wert für Wohlstand und ein glückliches Leben sehe. 

Jung und konservativ sollten wir sein, wenn wir dafür kämpfen wollen, dass das, was uns unsere Eltern schenkten, auch noch für unsere Kinder da ist. Wenn wir das "Uns geht’s doch gut!" mit dem "Was braucht’s, damit es morgen auch noch so ist?" verknüpfen. Wenn wir uns endlich wieder eingestehen, dass die Welt ein Wettbewerb ist, dem wir uns stellen müssen. Dass Deutschland eine Nation und Europa eine Schicksalsgemeinschaft ist, die nur zusammen verliert und zusammen gewinnt. Dass wir für dieses Land und seine Menschen in der Sache streiten müssen und uns nicht davor verstecken sollten, überhaupt ein Land zu sein. Wenn wir Freude am anderen haben und es wertschätzen, aber dennoch wissen, dass Gesellschaft immer von einer Werteordnung zusammengehalten werden muss.

Wenn wir uns auch eingestehen, dass nicht jeder der Klügste ist, aber jeder ein Mensch, und deshalb der Azubi so viel wert ist wie der Doktor. Wenn wir den abgehängtesten Wutbürger mit seinen Sorgen ernst nehmen, weil er mit uns im gleichen Boot sitzt. Wenn wir einsehen, dass wir eine Meuterei bei stürmischer See nicht verkraften.

Deutschland geht es wirtschaftlich gut, den Leuten geht es gut. Jung und konservativ bin ich, weil ich will, dass Deutschland Deutschland bleibt. Egal ob mit Basecap oder Hemdkragen.