Ja, dafür sind eigentlich die jungen, coolen Linken zuständig. Klappt aber nicht. Zeit, einen Politikwissenschaftler zu fragen, was von Konservativen so zu erwarten ist.

Dieses Interview eröffnet unsere Serie Jung und konservativ. Die Serie ist Teil des Projekts #D17, das Deutschland vor der Wahl porträtiert. Bis zur Bundestagswahl (und darüber hinaus) wollen wir in Porträts, Leserartikeln, Essays und Interviews der Frage nachgehen, was es heute heißt, jung und konservativ zu sein. Und auch der Frage, was es heute heißt, jung und links zu sein, gehen wir weiterhin nach.

Weitere Informationen über das Projekt #D17.

ZEIT Campus ONLINE: Wer mit 20 Jahren kein Kommunist ist, hat kein Herz. Wer mit 40 noch Kommunist ist, hat keinen Verstand. Dieser Satz kursiert noch immer. Herr Hacke, ich bin jetzt 27, was sind die ersten Anzeichen, dass ich konservativ werde?

 Jens Hacke: Eine Revolution werden Sie vermutlich nicht mehr anzetteln. Viele wählen pragmatischer oder auch opportunistischer, wenn sie Geld verdienen müssen. Berufstätigkeit und Familienverantwortung verändern die Menschen: Sie kümmern sich eher um sich selbst und engagieren sich politisch weniger. Aber keine Sorge, auch mit Familie kann man links bleiben, aber wahrscheinlich nicht unbedingt im revolutionären Sinne.

 ZEIT Campus ONLINE: Warum ist das Konservativsein überhaupt eher für Ältere reserviert?

 

Jens Hacke: Der Jugend kam lange das Recht auf Rebellion zu. Sie sieht die Welt, die sie vorfindet, erst einmal kritisch und denkt an Alternativen. Aber ich glaube, dass die Jugend heute nicht mehr sagen könnte, was eigentlich konservativ ist. Die Welt, die wir heute vorfinden, zeichnet sich durch beschleunigten Wandel aus und man könnte gar nicht genau fixieren, was das Konservative ist.

ZEIT Campus ONLINE: Viele bezeichnen sich in Umfragen auch explizit nicht als konservativ, traditionelle Werte wie Familie und Sicherheit sind jungen Menschen aber wichtig. Auch die Ergebnisse der CDU unter jungen Wählern in den letzten Jahren sind gestiegen. Wie passt das zusammen?

Hacke: Das Konservative hat sich entpolitisiert. Die CDU tritt heute auch für alternative Lebensmodelle ein oder zieht sie zumindest in Betracht. All diese Wertefragen, die wir noch mit einer klassischen Fünfziger/Sechziger-Adenauer-CDU verbinden, sind nicht mehr vorherrschend, damit kann man heute keine Politik mehr machen. Heimat, Religion, Patriotismus, Sittenstrenge, Abgrenzung nach außen, dazu findet man heute nicht so viel in der CDU.

ZEIT Campus ONLINE: Welche Werte sind geblieben?

Hacke: Die Antwort fällt mir schwer. Konservativ ist immer ein Begriff, der sich nur in einer bestimmten Beziehung erklären lässt. Man muss immer sagen, was man konservieren will, was bewahrenswert ist. Jemand, der den Wohlfahrtsstaat bewahren will und Gewerkschaftler ist, ist vielleicht in einem höheren Sinn politisch konservativ als jemand, der vage von bürgerlichen Lebensstilen spricht. Konservativ ist heute eher ein Wort, das man mit Tugenden verbindet: Skepsis, Common Sense, eine gewisse Vorsicht, Maßhalten.

ZEIT Campus ONLINE: Wie war es denn, konservativ zu sein, als Sie jung waren?

Hacke: Da war der Konservatismus noch ein Feindbild und die politischen Lager noch klarer an Milieus gebunden: Die 68er und die neue Linke hatten gegen bürgerliche Ideologie gekämpft. Dieses Bild hat sich mindestens bis in die achtziger Jahre gehalten. Heute hat sich das Bürgerliche so weit ausdifferenziert, dass der Konservatismusbegriff gar nicht mehr viel sagt. Wenn Sie Jugendliche und Studenten heute nach Feindbildern fragen, sind das nicht die Konservativen, weil die gar nicht wissen, wo sie die finden sollen, sondern eher die Neoliberalen oder Rechten.

ZEIT Campus ONLINE: Letztere bezeichnen sich auch gerne als konservativ …

Hacke: Die neuen Rechten berufen sich auf irgendetwas, das es mal gegeben haben soll, und wollen das wiederherstellen: die Einheit der Nation oder eine Art hierarchisch geordnete Gesellschaft. Was da nicht reinpasst, wird beseitigt. Und dann nennen sie das konservativ. Aber damit wollen Parteien wie die AfD den Konservatismusbegriff vereinnahmen, um von ihren radikaleren Zielen abzulenken.

ZEIT Campus ONLINE: Was aber dazu führen kann, dass Konservative heute schnell in eine rechte Ecke gestellt werden. Wie kann sich ein junger Konservativer abgrenzen?

Hacke: Diejenigen, die den Konservatismusbegriff mit Vorsicht und Bedacht beanspruchen, sagen immer, was sie genau konservieren wollen. Es kommt dann auf eine Begründung von Werten an, die offen für andere sind. Ein idealer Konservativer argumentiert skeptisch und warnt vor utopischem Überschuss. Sein Sinn für Geschichte und Kontingenz warnt ihn vor einfachen Lösungen. Die Wirklichkeit des Konservativen ist also komplex. Das ist eigentlich das Gegenteil zum rechten Populismus. Deshalb darf man den Konservatismusbegriff nicht den Radikalen überlassen. Bei ihnen wird er zur Tarnung für einen aggressiven und exkludierenden Nationalismus.