Dealer, Obdachlose, die an Zäune pinkeln, Müll und organisierte Kriminalität. Unser Autor wollte weg aus Berlin. Jetzt ist er in Bayern – und glücklich dank der CSU.

Dieser Text ist Teil unserer Serie Jung und konservativ. Die Serie ist Teil des Projekts #D17, das Deutschland vor der Wahl porträtiert. Bis zur Bundestagswahl (und darüber hinaus) wollen wir in Porträts, Leserartikeln, Essays und Interviews der Frage nachgehen, was es heute heißt, jung und konservativ zu sein. Und auch der Frage, was es heute heißt, jung und links zu sein, gehen wir weiterhin nach.

Weitere Informationen über das Projekt #D17.

Ich komme aus Bohnsdorf. Bohnsdorf kennen die meisten Berliner gar nicht. Dabei liegt Bohnsdorf im Südosten der Hauptstadt, am äußersten Stadtrand, um genau zu sein. Und ungefähr so unscheinbar, wie der Name klingt, ist es dort auch: Einfamilienhäuser, intakte Spielplätze, Wald, Felder und die Dahme, viele Rentner, aber auch viele Familien. Junge Erwachsene, Singles und Studenten sucht man vergebens. Bohnsdorf, das ist einer dieser spießigen Vororte, wie viele es nennen würden. Ich konnte mit dem Begriff spießig nie etwas anfangen. 

Erst jetzt, da ich zum Studium nach Passau gezogen bin, merke ich, dass ich wohl selbst ein Spießer bin, und das mit gerade mal 19 Jahren. Aber sei's drum, ich sollte es als Kompliment sehen, denn ich rühme mich in Bayern wahrlich nicht damit, dass ich aus Berlin komme. Deshalb sage ich lieber: "Ich komme aus Bohnsdorf, einem Berliner Vorort, wo die Welt noch in Ordnung ist."

Berlin – das assoziiert man mittlerweile nicht mehr nur mit hipper Großstadt und einzigartiger Geschichte, mit Nachtleben und Multikulti. Sondern vermehrt auch mit organisierter Kriminalität, ausländischen Großfamilien und Clans, maroden Schulen, kaputtgesparter Polizei, Hausbesetzungen, misslungener Integration, Häuserblocks, in die sich Post und Polizei nicht mehr trauen – ich könnte noch lange fortfahren.

Dass ich in Bayern bin, erkenne ich mittlerweile nicht mehr nur an den Ortsschildern, sondern auch an der hohen Polizeipräsenz in einer Mittelstadt wie Passau. Die Kriminalität und die Arbeitslosigkeit sind in Bayern so niedrig wie sonst nirgends im Bundesgebiet. Hat Bayern einfach Glück, oder liegt das womöglich auch an 70 Jahren konservativer und heimatverbundener Politik im Freistaat? Diese Dimension des Konservatismus ist mir erst spät klar geworden.

Mit 16 begann ich, mich für Politik zu interessieren. Mein Vater hat ein enormes politisches Wissen und ist Mitglied bei den Grünen. Da war es naheliegend, dass ich mich mal bei der Grünen Jugend in Berlin umsah. Noch bevor ich in der Landesgeschäftsstelle nahe der Warschauer Straße ankam, war ich angewidert.

Auf dem Weg vom S-Bahnhof zum Treffpunkt lief ich mindestens drei Schwarzen über den Weg, die mir Drogen andrehen wollten, ein Obdachloser pinkelte an einen Zaun, und überall auf den Bürgersteigen lag Müll. Angekommen bei der Grünen Jugend, ergab sich eine Diskussion über die reichen weißen Männer und die Legalisierung von Cannabis, gefolgt von der Idee, beim Imbiss um die Ecke vegan essen zu gehen. Während der Gespräche wurde natürlich auch fleißig gegendert.

Wieso meine Mutter links wählt, frage ich mich bis heute.

Konnte ich beim ersten Thema noch sagen, dass ich es auch gut fände, wenn mehr Frauen in Führungsebenen arbeiten würden, stand ich mit meiner Meinung gegen eine Cannabislegalisierung recht allein da. Und dass ich keinen Appetit auf veganes Essen hatte, verdutzte die jungen Grünen wohl auch ziemlich.

Nach einem weiteren Abend bei der Grünen Jugend merkte ich, dass die Grünen nicht mehr nur die "Wir-retten-die-Umwelt-Partei" sind, was womöglich viele Jugendliche besonders anspricht. Sie wollen mir bestimmte Denk- und Verhaltensmuster aufdrängen, die die Gesellschaft komplett umkrempeln sollen. Ich begann zu hinterfragen, was mein Vater mir über Politik erklärte, bis ich mir irgendwann eingestehen musste, dass wir teilweise grundlegend andere Auffassungen vertreten.

Ich bin weiterhin der Meinung, dass ein Mindestlohn wichtig ist, dass Atomkraftwerke abgeschaltet gehören, und dass Frauen das Gleiche verdienen sollten wie Männer. Aber für mich kristallisierte sich mehr und mehr heraus, dass die Werte, die meine Mutter mir beibrachte, für eine intakte Gesellschaft stehen: frühes Aufstehen, harte Arbeit, Leistung, Pünktlichkeit, Organisation. Das sind alles die sogenannten deutschen Tugenden, nach denen unsere Vorfahren lebten und die aus Deutschland eines der reichsten und wohlhabendsten Länder gemacht haben. Wieso meine Mutter links wählt, frage ich mich bis heute.

Wenn Menschen sich für Parteien entscheiden, machen sie sich meist entweder über materielle Dinge (zum Beispiel zu wenig Lohn) oder bestimmte Werte (wie ein schlecht funktionierendes Schulsystem) Gedanken. Für mich spielen Werte, die eine Gesellschaft prägen, die ausschlaggebendere Rolle. Mein christlich-konservatives und auch patriotisches Weltbild ist in einer Stadt wie Berlin eher verpönt.