Unser Autor hasste Kohl, sein Herz schlug sozialdemokratisch – bis er den Wahl-O-Mat machte und feststellte: Ich bin konservativ. Wie konnte das nur passieren?

Dieser Text ist Teil unserer Serie Jung und konservativ. Bis zur Bundestagswahl (und darüber hinaus) wollen wir in Porträts, Leserartikeln, Essays und Interviews der Frage nachgehen, was es heute heißt, jung und konservativ zu sein. Die Serie ist Teil des Projekts #D17, das Deutschland vor der Wahl porträtiert.

Bis heute liebe ich die SPD. Trotzdem bin ich seit acht Jahren in der CDU. Weil ich vernünftig sein wollte, als ich mit 16 eintrat. Aber auch, um zu rebellieren. "Rebellieren? Das macht man doch eigentlich in linken, grünen oder im schlimmsten Fall rechten Parteien, doch nicht in der altbackenen CDU?", fragen meine Freunde oft. Doch tatsächlich gehört auch Rebellion bei mir dazu, was man wohl nur verstehen kann, wenn man weiß, wie ich politisch geworden bin.

Als ich zehn war, entdeckte ich bei meiner Oma vor dem Fernseher, auf dem ich jeden Abend meine Kindersendungen erwartete, die Politik. Sie lief schreckliche 15 Minuten lang, langweilig vorgetragen von einem stocksteifen Moderator in der rechten Bildhälfte. "Nachrichten muss man gucken!", sagte meine Oma und ich überbrückte die Zeit, indem ich versuchte, etwas Interessantes zu entdecken.

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Und tatsächlich gefiel mir das Spiel der Farben der einzelnen Parteien, es erinnerte mich an die Bundesliga. Mit der Zeit entdeckte ich dann politische Inhalte, die mir meine Großmutter erklärte. So war ich schnell für die Roten.

Mein Uropa machte als Nazi Karriere, meine Oma wurde sozialliberal

Meine Oma war immer politisch gewesen. Ihre Mutter war zwar nicht im aktiven Widerstand, hatte während der Naziherrschaft aber gegenüber ihrem Mann immer sozialdemokratische Werte verteidigt, während der unter den Nazis Karriere als Beamter machte. Während vor der Haustür erst der Staat gleichgeschaltet und anschließend zerbombt wurde, stritten ihre Eltern über Politik und meine Großmutter saß im Wohnzimmer dazwischen. So wurde sie wohl sozialliberal: "Jeder nach seiner Façon! Die Ärmeren zuerst! Bildung für alle!", das blieben ihre Schlagworte nach dem Krieg.

Eins war in diesem politischen Umfeld klar: Wähle niemals CDU.

Nach dem neoliberalen Neuaufbau der FDP 1983 wählte meine Großmutter, die mich politisch erzog, die SPD. Konsequent. Komme was wolle, und das, obwohl deren Steuerpolitik ihr als Unternehmerin nicht gerade Vorteile verschaffte. Sie aber sah sich als "Besserverdienerin" in der Pflicht, für eine freiheitliche und sozial gerechte Republik zu zahlen.

Eins war in diesem politischen Umfeld, das meine Liebe zur SPD geprägt hat, klar: Wähle niemals CDU. Der braune Urgroßvater hatte sich nach seiner halbherzigen Entnazifizierung in den Schoß der Christdemokraten fallen lassen und dort weiter vom Faschismus geprägte Gesellschaftsvorstellungen propagiert. Damit waren die CDU und ihre Kader aus "alten, spießigen Männern" unwählbar.

Bis ich 16 war, war daher klar, "dass der Junge mal zu den Jusos gehen wird", und auch ich war davon angetan. Politik hatte etwas Magisches für mich: Inhalte, Debatten, politische Rituale! Während andere Kinder Fußball guckten, sah ich Bundestagsdebatten und drückte der SPD die Daumen.

Schröder, Müntefering und Clement, aber auch der Grüne Joschka Fischer waren meine Helden. Natürlich durfte auch Helmut Schmidt in dieser Reihe nicht fehlen. Kohl und Konsorten dagegen waren missgünstige alte Männer in grau, die Jugendliche und arme Leute nicht mochten. Die überhaupt nichts mochten, was sich in irgendeine Richtung bewegt. Konservative halt.

Dann kam der Tag, an dem ich den Wahl-O-Mat machte.