Während des Tatorts mal kurz zwei Bachelorarbeiten bewerten? Schaffen Dozenten locker. Professor Porombka über das Genre der oberflächlichen Zusammenfassung (OFZ)

Ein kurz vor der Pensionierung stehender Kollege erzählte mir, dass er sonntagabends zwei Abschlussarbeiten begutachten kann. Parallel zum Tatort.

True Story. Aber eigentlich gar nicht so skandalös. Es ist ja klar, dass man, wenn man eine Bachelor- oder Masterarbeit schreibt, einige Monate Mühe investieren muss, die Lektüre dann aber nur einen Bruchteil dieser Zeit braucht.

Die interessanteste Frage, die man an den Gutachter oder die Gutachterin stellen sollte, ist deshalb nicht: Wie schnell werden Sie meine Arbeit lesen?

Die wirklich interessante Frage ist: Wie viel Mühe werden Sie sich beim Schreiben des Gutachtens geben?

Da gibt es große Unterschiede. Die Gutachten, die zum Beispiel der erwähnte Kollege beim Tatort schreibt, gehören zu dem im Universitätsbetrieb weit verbreiteten Genre der oberflächlichen Zusammenfassung (OFZ).

Die OFZ geht so: Zuerst guckt man sich das Inhaltsverzeichnis an (zwanzig Sekunden). Dann das Vorwort mit dem Überblick (drei Minuten). Anschließend überfliegt man die Arbeit (fünf Minuten) und guckt, was im Nachwort steht (zwei Minuten). Für das Gutachten paraphrasiert man dann auf einer halben Seite den Aufbau der Arbeit und hängt noch zwei, drei erklärende Worte dran (sieben Minuten). Dazu schreibt man einen kurzen Absatz zur Einschätzung und Benotung (zwei Minuten). Datum und Unterschrift drunter (dreißig Sekunden). Das macht keine halbe Stunde. Der Tatort ist dann noch nicht einmal zur Hälfte rum. Man kann sich das erste Bier holen. Oder das zweite. Je nachdem.

"Ich schließe mich der Note des anderen Gutachters an."

Es geht aber noch schneller. Und zwar dort, wo Prüfungskommissionen für Abschlussarbeiten einen Fragebogen austüfteln, auf dem man nur Kreuze machen muss. Damit man gar nicht erst in die Verlegenheit kommt, etwas formulieren zu müssen: "Die Darstellung des Forschungsthemas ist: angemessen/ weniger angemessen/ nicht angemessen". Oder: Die Zitierweise ist "richtig" bis "fehlerhaft". Aus allen Kreuzen soll sich dann ganz einfach die Gesamtnote ermitteln lassen.

Am schnellsten geht es aber, wenn man sich im Institutsrat per Beschluss das sogenannte Blitzgutachten erlaubt. Es besteht aus einem einzigen Satz: "Ich schließe mich der Note des anderen Gutachters an." Der Zeitaufwand, den Satz zu kopieren und irgendwo einzufügen, beträgt knapp vierzig Sekunden.

Dass so ein Gutachten selbst über ein mangelhaft bis ungenügend gar nicht hinauskommt, liegt auf der Hand. Aber dafür gibt es ja keine Noten. Und bisher hat sich noch niemand die Mühe gemacht, Gutachten über Gutachten zu schreiben. Obwohl das mal eine interessante Aufgabe wäre.

Studierende könnten Kreuze auf einem Fragebogen machen: "Der Gutachter hat die Arbeit aufmerksam gelesen — wahrscheinlich ja/ es wirkt so/ es macht nicht den Eindruck/ nee, ganz sicher nicht".

"Der Gutachter zeigt, dass er sich für das Thema interessiert: ja/ könnte sein/ Tatort/ haha"

Oder: "Die Gutachterin ist in der Lage, ihre Kritik auf eine dem Gegenstand angemessene Weise zu formulieren: ja/ eher nicht/ nope".

Auch nicht schlecht wäre: "Der Gutachter zeigt, dass er sich für das Thema interessiert: ja/ könnte sein/ Tatort/ haha".

Auf jeden Fall könnte man mal die besten Stilblüten aus Gutachten sammeln. Was fehlt, ist ein Archiv der schlimmsten Verschreiber, der krassesten Ausfälle, der anmaßendsten Formulierungen – besonders die von Persönlichkeiten des Universitätsbetriebs, die dafür bekannt sind, bei der Begutachtung von studentischen Arbeiten keine einzige wackelnde Formulierung durchgehen zu lassen, Nachlässigkeiten wie Erbsen zu zählen und jede einzelne davon schlaumeierisch zu berechnen.

Aber vielleicht sollte man selbst nicht mit dem Erbsenzählen beginnen. Klar, nicht jedes Gutachten kann super sein. Auch Professoren und Professorinnen haben Schreibblockaden. Manche haben sogar Schreibangst. Viele werden unter zu vielen Arbeiten begraben. Und manchmal haben sie einfach keinen guten Tag. Oder keine Lust. Alles so wie im richtigen Leben der Studierenden, die sie da gerade begutachten. Und die sie deshalb übrigens mit Milde behandeln sollten. Weil sie eben so wackelig sind, wie man es wohl oder übel selbst manchmal ist.