Die Jugend ist links? Nicht in ganz Europa. In fünf Ländern dominieren sogar rechtsextreme und -populistische Parteien. Warum?

Als im Sommer die Briten aus der EU austraten, waren die Alten schuld. Das fand zumindest die Jugend, die mit großer Mehrheit für "Remain" stimmte. Je älter der Brite, desto eher stimmte er für den Austritt.

Wenn im April die Franzosen über die Präsidentschaft abstimmen, wird Marine Le Pen nach aktuellen Umfragen in die zweite Runde einziehen – und damit in der Stichwahl zwischen den zwei stärksten Kandidaten antreten. Bei dieser Wahl sind es jedoch nicht die Alten, die für eine rückwärtsgewandte Politik stimmen. In keiner Altersgruppe wollen prozentual weniger Menschen für Le Pen und ihren Front National stimmen als bei den über 65-Jährigen. Stattdessen will mehr als jeder Vierte der unter 25-jährigen Wähler seine Stimme Marine Le Pen geben. Damit liegt sie seit Februar in Umfragen an erster Stelle unter den Jüngeren, erst vor Kurzem konnte der parteilose Kandidat Emmanuel Macron aufschließen.

Auch in anderen europäischen Ländern ist die beliebteste Partei unter den Jungen eine rechtspopulistische oder rechtsextreme.Ob in der Slowakei, Polen, Ungarn oder Österreich. "Junge Menschen interessieren sich weniger und weniger für Mainstream-Politik, sondern wenden sich vermehrt Populisten zu", sagt Tamás Boros. Der Politologe ist Mitgeschäftsführer bei Policy Solutions, einem politischen Forschungsinstitut, und forscht zu Populismus in Europa.

Die etablierten Parteien hätten sich lange nicht auf die jungen, sondern auf ältere Wähler konzentriert. "Das liegt einfach daran, dass es mehr ältere Menschen gibt und prozentual mehr von ihnen wählen", so Boros. Hinzu käme, dass junge Menschen eher radikal wählen als ältere.

In anderen Ländern nützt das auch linkspopulistischen Parteien, wie zum Beispiel in Spanien. In einer Umfrage der spanischen Tageszeitung El País gaben 44 Prozent der unter 35-jährigen Wähler an, für die linke Protestpartei Podemos stimmen zu wollen. In anderen Ländern wie Griechenland gibt es zwar rechtsextreme Parteien, welche besonders unter jungen Menschen beliebt sind, die aber nicht so viele Stimmen erhalten wie andere Parteien.  

Auch in Deutschland ergab sich bei den Landtagswahlen seit 2016 kein einheitliches Bild. In Sachsen-Anhalt wurde die AfD bei den Erstwählern stärkste Kraft, in anderen Bundesländern schnitt sie bei Jüngeren mal zumindest überdurchschnittlich gut ab, mal deutlich unterdurchschnittlich.

Junge Menschen gelten außerdem als unberechenbare Wähler. In Umfragen vor der niederländischen Parlamentswahl lag die Partei des rechtspopulistischen Geert Wilders mit 27 Prozent bei den jungen Niederländern vorn. In der Wahl reichte es laut vorläufigem Wahlergebnis jedoch nur für den fünften Platz mit 21,5 Prozent.

Wir haben uns aktuelle Umfragen verschiedener Institute, aber vor allem tatsächliche Ergebnisse vergangener Wahlen angeschaut. In diesen fünf Ländern sind rechtspopulistische oder rechtsextreme Parteien zurzeit besonders stark:

Frankreich – die rechten Wähler und die Nichtwähler

"Ich bin zum Front National gegangen, weil ich glaube, dass unsere Generation geopfert wurde", sagt Julie Apricena, 25. "Geopfert dem Glauben, dass die Globalisierung, der Freihandel, die EU und der Multikulturalismus uns Arbeit, Wohlstand und eine funktionierende Gesellschaft bringen würden." Stattdessen seien die jungen Franzosen betroffen von Massenarbeitslosigkeit und sozialer Ungerechtigkeit. Die junge Frau engagiert sich seit fünf Jahren bei der Jugendorganisation des Front National (FNJ).

"Der Front National und Marine Le Pen haben der Jugend immer eine Chance gegeben, vor allem bei den Wahlen", sagt sie. Da sei David Rachline, der 2014 mit 26 Jahren der jüngste Senator in der Geschichte der Fünften Französischen Republik wurde. Oder Marion Maréchal-Le Pen, die 2012 mit 22 Jahren die jüngste Abgeordnete der französischen Nationalversammlung wurde.

Julie Apricena von der Jugendorganisation des Front National auf einer Veranstaltung © Privat

Ende April und Anfang Mai wird in Frankreich ein neuer Präsident gewählt. Marine Le Pen, die Spitzenkandidatin des Front National, und der parteilose Emmanuel Macron führen die Umfragen an. Jeder vierte Wähler will für einen der beiden stimmen. Auch bei den jungen Franzosen unter 35 Jahren kommen beide Kandidaten derzeit auf jeweils 27 Prozent. 

Schon bei den Regionalwahlen 2015 haben in der ersten Runde 35 Prozent der Wähler unter 25 Jahren für den Front National gestimmt, mehr als in jeder anderen Altersgruppe. Allerdings gingen nur ein Drittel der unter 25-Jährigen überhaupt wählen. Dementsprechend müsse die Zahl relativiert werden: "So gesehen haben nur circa elf Prozent der jungen Wähler 2015 für den Front National gestimmt", sagt Politikwissenschaftlerin Daniela Kallinich, die zu Frankreich und Populismus forscht. Auch bei der Wahl in diesem Jahr will laut einer Umfrage des Instituts IFOP nur die Hälfte der jungen Leute überhaupt wählen gehen.

Ein Grund für die hohe Nichtwählerquote sei, so Kallinich, dass sich Wähler nach jedem Umzug neu in eine Wählerliste eintragen müssten. "Die Wählerlisten sind ein Riesenproblem: Gerade junge Menschen sind oft nicht 'sesshaft', ziehen öfter um und tragen sich nicht jedes Mal neu ein", sagt Kallinich.

Hinzu kommt, dass die Parteienlandschaft in Frankreich zersplittert ist. Zählt man etwa alle Stimmen für die linken Parteien zusammen, lagen sie 2015 in etwa gleichauf mit dem Front National. Unabhängig von links und rechts sei jedoch die Politikverdrossenheit besonders ausschlaggebend für das Wahlverhalten. In einer europäischen Umfrage unter 18- bis 34-Jährigen beantworteten 98 Prozent die Aussage "Politiker sind korrupt" mit "Ja, manche" oder "Ja, eigentlich alle von ihnen". 

"Viele junge, gut ausgebildete Franzosen gehen nach Großbritannien oder Deutschland"
Daniela Kallinich

Hinzu kommt, dass fast alle Politiker von den Eliteschulen stammen. Schulen, die viele der einfachen Leute nie besuchen könnten. "Viele Franzosen haben das Gefühl, dass die Politiker sich Posten, Geld und Ansehen untereinander hin- und herschieben", sagt Kallinich. Als Anfang der 1980er Jahre mit François Mitterrand der erste linke Präsident gewählt wurde, hofften viele auf einen Wandel – vergeblich. In derselben Zeit erstarkte der Front National, damals noch unter der Führung von Le Pens Vater Jean-Marie Le Pen.

Kallinich charakterisiert die Front-National-Wähler so: "Die FN-Wähler sind sich in allen Altersgruppen sehr ähnlich. Sie sind pessimistisch, haben Angst um ihre Zukunft. Sie leben meist außerhalb der großen Städte, kommen aus einfachen Verhältnissen und sind eher gering qualifiziert. Jedoch sind sie nicht die, die in ganz prekären Situationen leben, sondern die, die noch etwas zu verlieren haben."

Laut Eurostat hatte im Dezember 2016 rund jeder vierte Franzose unter 25 Jahren keine Arbeit. Entgegen dem europäischen Trend ist die Jugendarbeitslosigkeit in Frankreich seit 2013 nicht wesentlich gesunken. "Viele junge, gut ausgebildete Franzosen gehen nach Großbritannien oder nach Deutschland", sagt Kallinich. "Die Wähler des Front National hingegen sind oft Menschen, die keine andere Sprache sprechen, für die die Globalisierung eher eine Bedrohung als eine Chance darstellt." Der Front National spricht genau diese Reizthemen an: soziale Gerechtigkeit und Arbeitslosigkeit. "Man spricht beim Rechtspopulismus von der vertikalen und der horizontalen Ebene: die vertikale ist das Volk gegen die Elite und die horizontale das Volk gegen die 'Anderen'", sagt Kallinich. Beide Ebenen beherrsche der Front National perfekt.