Die Jugend ist links? Nicht in ganz Europa. In fünf Ländern dominieren sogar rechtsextreme und -populistische Parteien. Warum?

Als im Sommer die Briten aus der EU austraten, waren die Alten schuld. Das fand zumindest die Jugend, die mit großer Mehrheit für "Remain" stimmte. Je älter der Brite, desto eher stimmte er für den Austritt.

Wenn im April die Franzosen über die Präsidentschaft abstimmen, wird Marine Le Pen nach aktuellen Umfragen in die zweite Runde einziehen – und damit in der Stichwahl zwischen den zwei stärksten Kandidaten antreten. Bei dieser Wahl sind es jedoch nicht die Alten, die für eine rückwärtsgewandte Politik stimmen. In keiner Altersgruppe wollen prozentual weniger Menschen für Le Pen und ihren Front National stimmen als bei den über 65-Jährigen. Stattdessen will mehr als jeder Vierte der unter 25-jährigen Wähler seine Stimme Marine Le Pen geben. Damit liegt sie seit Februar in Umfragen an erster Stelle unter den Jüngeren, erst vor Kurzem konnte der parteilose Kandidat Emmanuel Macron aufschließen.

Auch in anderen europäischen Ländern ist die beliebteste Partei unter den Jungen eine rechtspopulistische oder rechtsextreme.Ob in der Slowakei, Polen, Ungarn oder Österreich. "Junge Menschen interessieren sich weniger und weniger für Mainstream-Politik, sondern wenden sich vermehrt Populisten zu", sagt Tamás Boros. Der Politologe ist Mitgeschäftsführer bei Policy Solutions, einem politischen Forschungsinstitut, und forscht zu Populismus in Europa.

Die etablierten Parteien hätten sich lange nicht auf die jungen, sondern auf ältere Wähler konzentriert. "Das liegt einfach daran, dass es mehr ältere Menschen gibt und prozentual mehr von ihnen wählen", so Boros. Hinzu käme, dass junge Menschen eher radikal wählen als ältere.

In anderen Ländern nützt das auch linkspopulistischen Parteien, wie zum Beispiel in Spanien. In einer Umfrage der spanischen Tageszeitung El País gaben 44 Prozent der unter 35-jährigen Wähler an, für die linke Protestpartei Podemos stimmen zu wollen. In anderen Ländern wie Griechenland gibt es zwar rechtsextreme Parteien, welche besonders unter jungen Menschen beliebt sind, die aber nicht so viele Stimmen erhalten wie andere Parteien.  

Auch in Deutschland ergab sich bei den Landtagswahlen seit 2016 kein einheitliches Bild. In Sachsen-Anhalt wurde die AfD bei den Erstwählern stärkste Kraft, in anderen Bundesländern schnitt sie bei Jüngeren mal zumindest überdurchschnittlich gut ab, mal deutlich unterdurchschnittlich.

Junge Menschen gelten außerdem als unberechenbare Wähler. In Umfragen vor der niederländischen Parlamentswahl lag die Partei des rechtspopulistischen Geert Wilders mit 27 Prozent bei den jungen Niederländern vorn. In der Wahl reichte es laut vorläufigem Wahlergebnis jedoch nur für den fünften Platz mit 21,5 Prozent.

Wir haben uns aktuelle Umfragen verschiedener Institute, aber vor allem tatsächliche Ergebnisse vergangener Wahlen angeschaut. In diesen fünf Ländern sind rechtspopulistische oder rechtsextreme Parteien zurzeit besonders stark:

Frankreich – die rechten Wähler und die Nichtwähler

"Ich bin zum Front National gegangen, weil ich glaube, dass unsere Generation geopfert wurde", sagt Julie Apricena, 25. "Geopfert dem Glauben, dass die Globalisierung, der Freihandel, die EU und der Multikulturalismus uns Arbeit, Wohlstand und eine funktionierende Gesellschaft bringen würden." Stattdessen seien die jungen Franzosen betroffen von Massenarbeitslosigkeit und sozialer Ungerechtigkeit. Die junge Frau engagiert sich seit fünf Jahren bei der Jugendorganisation des Front National (FNJ).

"Der Front National und Marine Le Pen haben der Jugend immer eine Chance gegeben, vor allem bei den Wahlen", sagt sie. Da sei David Rachline, der 2014 mit 26 Jahren der jüngste Senator in der Geschichte der Fünften Französischen Republik wurde. Oder Marion Maréchal-Le Pen, die 2012 mit 22 Jahren die jüngste Abgeordnete der französischen Nationalversammlung wurde.

Julie Apricena von der Jugendorganisation des Front National auf einer Veranstaltung © Privat

Ende April und Anfang Mai wird in Frankreich ein neuer Präsident gewählt. Marine Le Pen, die Spitzenkandidatin des Front National, und der parteilose Emmanuel Macron führen die Umfragen an. Jeder vierte Wähler will für einen der beiden stimmen. Auch bei den jungen Franzosen unter 35 Jahren kommen beide Kandidaten derzeit auf jeweils 27 Prozent. 

Schon bei den Regionalwahlen 2015 haben in der ersten Runde 35 Prozent der Wähler unter 25 Jahren für den Front National gestimmt, mehr als in jeder anderen Altersgruppe. Allerdings gingen nur ein Drittel der unter 25-Jährigen überhaupt wählen. Dementsprechend müsse die Zahl relativiert werden: "So gesehen haben nur circa elf Prozent der jungen Wähler 2015 für den Front National gestimmt", sagt Politikwissenschaftlerin Daniela Kallinich, die zu Frankreich und Populismus forscht. Auch bei der Wahl in diesem Jahr will laut einer Umfrage des Instituts IFOP nur die Hälfte der jungen Leute überhaupt wählen gehen.

Ein Grund für die hohe Nichtwählerquote sei, so Kallinich, dass sich Wähler nach jedem Umzug neu in eine Wählerliste eintragen müssten. "Die Wählerlisten sind ein Riesenproblem: Gerade junge Menschen sind oft nicht 'sesshaft', ziehen öfter um und tragen sich nicht jedes Mal neu ein", sagt Kallinich.

Hinzu kommt, dass die Parteienlandschaft in Frankreich zersplittert ist. Zählt man etwa alle Stimmen für die linken Parteien zusammen, lagen sie 2015 in etwa gleichauf mit dem Front National. Unabhängig von links und rechts sei jedoch die Politikverdrossenheit besonders ausschlaggebend für das Wahlverhalten. In einer europäischen Umfrage unter 18- bis 34-Jährigen beantworteten 98 Prozent die Aussage "Politiker sind korrupt" mit "Ja, manche" oder "Ja, eigentlich alle von ihnen". 

"Viele junge, gut ausgebildete Franzosen gehen nach Großbritannien oder Deutschland"
Daniela Kallinich

Hinzu kommt, dass fast alle Politiker von den Eliteschulen stammen. Schulen, die viele der einfachen Leute nie besuchen könnten. "Viele Franzosen haben das Gefühl, dass die Politiker sich Posten, Geld und Ansehen untereinander hin- und herschieben", sagt Kallinich. Als Anfang der 1980er Jahre mit François Mitterrand der erste linke Präsident gewählt wurde, hofften viele auf einen Wandel – vergeblich. In derselben Zeit erstarkte der Front National, damals noch unter der Führung von Le Pens Vater Jean-Marie Le Pen.

Kallinich charakterisiert die Front-National-Wähler so: "Die FN-Wähler sind sich in allen Altersgruppen sehr ähnlich. Sie sind pessimistisch, haben Angst um ihre Zukunft. Sie leben meist außerhalb der großen Städte, kommen aus einfachen Verhältnissen und sind eher gering qualifiziert. Jedoch sind sie nicht die, die in ganz prekären Situationen leben, sondern die, die noch etwas zu verlieren haben."

Laut Eurostat hatte im Dezember 2016 rund jeder vierte Franzose unter 25 Jahren keine Arbeit. Entgegen dem europäischen Trend ist die Jugendarbeitslosigkeit in Frankreich seit 2013 nicht wesentlich gesunken. "Viele junge, gut ausgebildete Franzosen gehen nach Großbritannien oder nach Deutschland", sagt Kallinich. "Die Wähler des Front National hingegen sind oft Menschen, die keine andere Sprache sprechen, für die die Globalisierung eher eine Bedrohung als eine Chance darstellt." Der Front National spricht genau diese Reizthemen an: soziale Gerechtigkeit und Arbeitslosigkeit. "Man spricht beim Rechtspopulismus von der vertikalen und der horizontalen Ebene: die vertikale ist das Volk gegen die Elite und die horizontale das Volk gegen die 'Anderen'", sagt Kallinich. Beide Ebenen beherrsche der Front National perfekt.  

Slowakei

Slowakei – Erstwähler stimmen für einen bekannten Neonazi

Milan Mazurek läuft mit drei Kumpanen Streife. Im Park sprechen sie eine Gruppe von Roma an: "Zwei Stunden seid ihr schon hier, verschwindet." Mazurek ist 23 Jahre alt und Abgeordneter im slowakischen Parlament für die rechtsextreme Partei "Kotleba – Volkspartei Unsere Slowakei" (L’SNS) und Teil einer selbsterklärten Bürgerwehr. Aktionen wie diese im Park inszeniert die Partei in Hochglanzvideos, die sie auf Facebook teilt. 108.000 Mal wurde das Video mit Mazurek bereits angesehen. Insgesamt hat die Seite mehr als 80.000 Likes, die Partei des Ministerpräsidenten Robert Fico hat gerade ein mal fast 32.000 Likes.

Bei der vergangenen Nationalratswahl im März 2016 sorgte die L’SNS für eine Überraschung. Als drittstärkste Kraft zog sie mit acht Prozent ins Parlament ein. Noch Ende 2015 kam die Partei in Umfragen auf nicht einmal zwei Prozent. Bei den Erstwählern konnten die Rechtsextremen mehr Stimmen sammeln als alle anderen Parteien: Mehr als jeder fünfte unter 22 Jahren stimmte für die Partei L'SNS. Fast 70 Prozent der Wähler sind jünger als 40 Jahre.

Parteichef Marian Kotleba ist ein bekannter Neonazi. Seine ursprüngliche Partei "Slowakische Gemeinschaft" wurde 2008 wegen faschistischer Bestrebungen und Hetze verboten. Kotleba wurde bereits mehrfach angeklagt, aber noch nie rechtskräftig verurteilt. Er sympathisiert offen mit der faschistischen Diktatur, die die Slowakei während des Zweiten Weltkriegs regierte und von Nazi-Deutschland abhängig war. 

Warum wählen so viele junge Menschen einen Rechtsextremen? Mit der Frage tut sich Pavol Baboš schwer. Der Politologe der Universität Bratislava hat zwar erst 2015 die Erstwähler und ihre Einstellungen untersucht. Bis zur Wahl 2016 jedoch tauchten die Rechtsextremen in den Umfragen kaum auf. "Viele Wähler entscheiden sich erst ein oder zwei Tage vor der Wahl", so Baboš. Hinzu käme, dass L’SNS-Wähler sich weigern, an Umfragen teilzunehmen. 

"Nach ihrer Meinung leben die Eliten im Elfenbeinturm und sind total korrupt"
Pavol Baboš

Er kann aber einen generellen Trend ausmachen: Junge Slowaken sind frustriert. "Sie haben das Vertrauen in den politischen Mainstream verloren. Nach ihrer Meinung leben die 'Eliten' in einem Elfenbeinturm, sind total korrupt und haben den Kontakt zu den normalen Menschen verloren", sagt Baboš.

Der Umschwung in den osteuropäischen Ländern nach 1989 habe trotz des Fortschritts auch viele Verlierer produziert, meint Tobias Spöri, Politikwissenschaftler der Uni Wien. So auch in der Slowakei: "Die Menschen hatten die Hoffnung, dass sich ihr Land schnell an westliche Standards angleichen würden. Nun sind sie enttäuscht", sagt Spöri. Seit den 1990er Jahren hatte sich die wirtschaftliche Situation gebessert, damals profitierten vor allem die jungen, gut ausgebildeten Menschen. 

Bis 2008 sank die Jugendarbeitslosigkeit laut einer Studie des Europäischen Parlaments bis auf einen "historischen Tiefpunkt" von 19,3 Prozent. Der positive Trend hielt nicht an, im Gegenteil: Während der Wirtschaftskrise stieg die Arbeitslosigkeit der Jüngeren 2010 sogar auf fast 34 Prozent. Mittlerweile ist sie wieder auf dem gleichen Stand wie 2008. Das anhaltende Problem betreffe vor allem die Abgänger von Berufsschulen, heißt es in der Studie.  

Auf diese jungen, frustrierten Menschen hat Kotleba es abgesehen. Die L’SNS verzichte mittlerweile darauf, offen Zeichen der Neonazis zu tragen. Das hat Erfolg, denn viele der Wähler, so Forscher Baboš, seien gar nicht rechtsextrem. 

Die Partei habe sich hauptsächlich darauf fokussiert, armen – aber weißen – Menschen zu helfen. Anhänger der Partei gehen in Dörfer, reparieren dort Kanalisationen, organisieren Wanderausflüge für Kinder in den Schulferien und helfen nach Überschwemmungen.


Ungarn

Ungarn – Paramilitärische Gruppen und Rockfestivals

"Die Zukunft gehört uns. Wir wollen unsere Jugend aufwecken", schreibt die Jugendorganisation der rechtsextremen Jobbik auf ihrer Internetseite. Die Regierung des Ministerpräsidenten Viktor Orbán sei unfähig, die Probleme der Jugend anzugehen und ihnen Zukunftsperspektiven zu bieten. Mit solchen Aussagen hat die Partei offenbar Erfolg. "Jobbik ist bei jungen Wählern überrepräsentiert", sagt Bulscú Hunyadi, Chefanalyst des Budapester Forschungsinstituts Political Capital.

Sowohl der regierende Fidesz als auch Jobbik werben mit nationalistischen Forderungen um die Gunst der Wähler. Laut einer Umfrage des Instituts Republikon wählt fast die Hälfte der jungen Ungarn eine der beiden Parteien, 45 Prozent sind unentschlossen. Auf die restlichen Parteien fallen kaum Stimmen ab. Jobbik liegt bei den jungen Wählern zwischen 18 und 24 Jahren bei 14,5 Prozent, bei den 25- bis 34-Jährigen bei 21,4 . Den Fidesz würden 32,5 Prozent der unter 25-Jährigen und 26,2 Prozent der unter 35-Jährigen wählen. Andere Institute kommen zu ähnlichen Ergebnissen.

Der Fidesz, früher eine bürgerliche Partei, ist in den letzten Jahren nach rechts gerückt. In der zweiten Hälfte des Jahres 2014 verlor der Fidesz viele Wählerstimmen. Ab Anfang 2015 wurde die Partei radikaler. "So konnte sie ihren Abwärtstrend stoppen", sagt Hunyadi. Jobbik hingegen schlug einen moderateren Kurs ein. Von antisemitischen Aussagen zum Beispiel will sich die Parteispitze um den Vorsitzenden Gábor Vona deutlicher distanzieren, ein besonders extremer Politiker wurde gebeten, aus der Parteiführung zurückzutreten. Das sei jedoch eher als politisches Kalkül zu verstehen. Die Partei versuche, auch gemäßigtere Wähler anzuziehen und dem Fidesz Konkurrenz zu machen, sagt Hunyadi.

Die rechtsextreme Jobbik-Partei entstand Anfang der 2000er Jahre aus einer Studentenbewegung. Noch immer ist die Partei vor allem unter Studenten beliebt. In einer Studie der Heinrich-Böll-Stiftung, die im April 2015 erhoben wurde, schnitt Jobbik bei den Studierenden am besten ab, noch vor dem Fidesz. Auffällig ist, dass die Unterstützer nicht hauptsächlich in Budapest, sondern eher in kleineren Städten leben.

Um die Partei ist eine breite Subkultur aus Musiklabels, Rockbands, Buchautoren, Merchandising, Facebookseiten und Onlineportalen entstanden. "Im Umfeld von Jobbik werden zum Beispiel Rock- und Kulturfestivals organisiert, bei denen sich junge Menschen begegnen", sagt Hunyadi. Paramilitärische Gruppierungen, die der Partei nahestehen, veranstalten laut Hunyadi Camps und kontrollieren in ländlichen Gegenden die Straßen, in denen Angehörige der Roma-Minderheiten leben. Die sogenannte Ungarische Garde, die vor einigen Jahren Schlagzeilen machte, wurde zwar verboten. Jedoch haben neue Gruppierungen, wie die Sixty-four Counties Youth Movement, ihren Platz eingenommen.

Eigentlich ist das Establishment bereits abgewählt.

"Vor allem in ländlichen Gegenden, ist Jobbik oft die einzige Partei, die präsent ist", sagt Hunyadi. So gelten sie für die dortige Bevölkerung als erster Ansprechpartner. Außerdem werden ihre Ansichten über Onlineportale gestreut. Alfahir.hu gilt als das offizielle Portal der Partei, während Kuruc.info eine radikalere Seite bedient. "Es gibt viele Hinweise, dass vor allem der Flügel der Partei um Előd Novák eng mit Kuruc.info verbunden ist", sagt Hunyadi. Die Seite ist in Ungarn wegen der Hassbotschaften verboten, abgeschaltet werden kann sie allerdings noch nicht. Der Server stehe in den USA und der Betreiber sei untergetaucht.

Auch bei den jungen ungarischen Wählern spielt die Anti-Establishment-Haltung eine große Rolle, so Tamás Boros von dem Forschungsinstitut Policy Solutions. "Verrückt ist ja, dass in der ungarischen Regierung schon überall Gegner der liberalen Gesellschaften sitzen", sagt er. Eigentlich ist das Establishment bereits abgewählt, aber man finde immer neue Feinde, die das Establishment repräsentieren. So wettert der Fidesz gegen die EU und gegen die Flüchtlingspolitik von der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel, Jobbik wiederum gegen den Fidesz und die Korruption.

Polen

Polen – gegen das politische Establishment und die Systempresse

"Polen ist unser Haus, und wir sollten entscheiden, wer neben uns wohnt" – nach diesem Motto fordert die Partei Kukiz'15 eine Mauer an der polnisch-ukrainischen Grenze und sammelt Unterschriften für ein Referendum gegen die Aufnahme von Flüchtlingen. Die Partei ist benannt nach ihrem Gründer Paweł Kukiz. Der ehemalige Rocksänger trat 2015 zur Präsidentenwahl an und erhielt in der ersten Runde jede fünfte Stimme. 

41 Prozent der unter 30-jährigen Wähler stimmten für ihn. Auch in Polen sind viele junge Menschen enttäuscht von der Politik – viel schneller haben sie sich einen Aufschwung erhofft. Seit dem EU-Beitritt sind Hunderttausende junge Polen nach Großbritannien, Irland und später auch Deutschland ausgewandert. Laut Eurostat waren im Januar 2017 14,3 Prozent der jungen Polen arbeitslos.

Ähnlich wie in der Slowakei ist die Jugendarbeitslosigkeit zwar bis 2008 stetig gesunken, dann aber im Zuge der Wirtschaftskrise wieder angestiegen. "Es herrscht eine große Perspektivlosigkeit unter jungen Menschen", sagt Tobias Spöri, Politikwissenschaftler der Uni Wien. "Sie glauben, dass die Politik sowieso keine Versprechen einhalte." Kukiz wettert gegen das politische "Establishment" und die "Systempresse". Die Medien seien korrupt, sie würden ihn verhindern wollen. Auf seiner Facebookseite schreibt er: "Wozu Politik? Um unser Vaterland aus den Händen der Parteiclans zu entreißen, um danach über Blumen und Schmetterlinge singen zu können." Mehr als 408.000 Menschen gefällt seine Seite auf Facebook, die der Partei kommt auf mehr als 260.000.

Der 53-Jährige hatte sich schon 2005 im Wahlkampf engagiert, damals noch für den Kandidaten der Mitte und heutigen EU-Ratspräsidenten Donald Tusk. Auch als Rocksänger galt er eher als links und fiel vor allem durch antiklerikale Texte auf. Heute will er das "System abschaffen". Er fordert mehr Mitbestimmung der Bürger, zum Beispiel durch Volksentscheide. Kukiz beschreibt sich selbst als "rechts mit einem linken Herzen".

Linke Parteien spielten bei der Wahl kaum eine Rolle.

Auch bei der Parlamentschaftswahl im Oktober 2015 dominierten rechte Parteien. Die drei stärksten Parteien der 18- bis 29-Jährigen waren die nun regierende PiS-Partei, Kukiz'15 und Korwin, eine rechte Partei, die nach ihrem Gründer Janusz Korwin-Mikke benannt wurde. Der Europaparlamentsabgeordnete fiel bereits mehrere Male durch antisemitische und andere diskriminierende Äußerungen auf. Erst kürzlich sagte er im EU-Parlament: "Natürlich müssen Frauen weniger als Männer verdienen. Weil sie schwächer, kleiner und weniger intelligent sind, müssen sie weniger verdienen." Der polnische Journalist Michał Kokot schreibt Ende 2015 bei Zeit Online: "Radikal ist in Polen zum Mainstream geworden".

Linke Parteien spielten bei der Wahl kaum eine Rolle. Einige von ihnen schlossen sich zu einem Bündnis zusammen, um die Sperrklausel zu schaffen. Es gelang ihnen nicht. "Das klassische Links-Rechts-Verständnis wie in Deutschland gibt es in Polen aber auch so nicht", sagt Tobias Spöri, Politikwissenschaftler der Uni Wien. Die Gesellschaft ist katholisch-konservativ geprägt. Die rechten Parteien, ob es Kukiz oder die regierende PiS-Partei sind, setzen auf einen nationalistischen Kurs, sprechen von dem "wahren polnischen Volk". Feind des Volkes sei die "korrupte Elite", eine eher klassisch links-populistische Position.

Eines der wichtigsten Themen im Wahlkampf war die Flüchtlingsthematik. Laut einer Studie des polnischen Instituts CBOS lehnen rund 69 Prozent der Polen zwischen 18 und 25 die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen entschieden ab. Die PiS stellt sich strikt gegen eine europäische Quotenregelung zur Flüchtlingsaufnahme. Stattdessen brauche man mehr Grenzsicherung, da Migranten ein Sicherheitsrisiko darstellen würden. Der Vorsitzende der PiS-Partei Jarosław Kaczynski behauptete gar, Flüchtlinge würden Krankheiten und Parasiten einschleppen. Außerdem beschwört er die Feindseligkeit gegen das Establishment. Schon als er von 2005 bis 2007 mit seinem Bruder Lech Kaczyński regierte, machten sie gemeinsam Jagd auf angeblich korrupte Politiker, die mit angeblich postkommunistischen, kriminellen Geschäftsleuten paktierten, schrieb Michał Kokot auf ZEIT ONLINE.

Österreich

Österreich – Junge Männer für die FPÖ, junge Frauen für die Grünen

"Sei auch du ein echter Patriot", wirbt ein Video im November vergangenen Jahres für die Jugendorganisation der rechten FPÖ. Als Beispiel zeigt das Video zwei junge Österreicher: den Feuerwehrmann Gregor, der "auch für die Schwächsten durchs Feuer geht" und Julia, die in kurzer Trachtenlederhose gekleidet einen Baum pflanzt. Auf ihrer Facebookseite lässt die Organisation User über aktuelle Themen abstimmen: "Berliner Schüler sollen auch auf Arabisch unterrichtet werden" – mit einem Herz für "Gute Idee" oder einem wütenden Smiley für "Blödsinn". 

Immer mehr würde die Jugend von heute erkennen, dass die FPÖ die einzige Partei sei, die ihre Probleme und Ängste ernst nehme, schreibt eine Bezirksgruppe der Jugendorganisation auf der Seite der FPÖ.

Die FPÖ profiliert sich als die Partei, die das Volk beschützen wolle: Der Sozialstaat werde von den Migranten ausgenutzt – für den Österreicher bleibe hingegen kaum noch was übrig. Die Regierung sei nur mit sich selbst beschäftigt und vernachlässige ihre Heimat.

Bei der Präsidentschaftswahl 2016 trat ihr Kandidat Norbert Hofer gegen den grünen Alexander Van der Bellen an. Van der Bellen konnte die Stichwahl knapp für sich entscheiden. 53,8 Prozent der Wähler stimmten für ihn, 46,2 Prozent für den FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer. Die unter 30-Jährigen wählten zwar mehrheitlich Van der Bellen, Statistiken zeigen aber einen Unterschied zwischen Männern und Frauen: 53 Prozent der männlichen Wähler unter 30 Jahren stimmten für den FPÖ-Kandidaten, aber nur 31 Prozent der weiblichen.

"Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass sich junge Menschen, sehr pauschal gesagt,
aus anderen Gründen für eine Partei entscheiden als ältere", sagt Sylvia Kritzinger. Die Wahlforscherin der Universität Wien unterscheidet zwei Dimensionen: die sozioökonomische und die soziokulturelle. "Während die älteren Generationen ihre Partei nach rechter oder linker Wirtschaftspolitik, Themen wie Steuern und Umverteilung auswählen, spielen bei jüngeren Menschen Themen wie Migration oder die Europäische Union eine größere Rolle", so Kritzinger. Junge Frauen sehen sich bei diesem Thema am besten bei den Grünen aufgehoben, junge Männer eher bei der FPÖ.

"Die Position des Mannes in der Gesellschaft hat sich verändert", so Kritzinger. Hofer konnte vor allem bei jenen punkten, die eine Lehre machen oder gemacht haben. "Auch die wirtschaftliche Situation hat sich geändert: Fixe Anstellungen werden seltener, Bildung zentraler. Junge Menschen mit einer Lehre haben nicht mehr die gleichen Chancen wie vorhergegangene Generationen." Diese Unsicherheiten würden dann auch auf die Migration projiziert – und genau das nutzt die FPÖ.

Würden die Österreicher jetzt wählen, würde die FPÖ führen, und zwar mit 30 Prozent. Der Millennial Dialogue Report, der im November 2015 veröffentlicht wurde, sah die FPÖ mit 19 Prozent führend unter jungen Menschen, dicht gefolgt von den Grünen mit 17 Prozent. In der Studie wurde die Einstellungen der Millennials, also der Österreicher zwischen 15 und 34 Jahren, untersucht. 79 Prozent gaben an, wählen zu wollen.