Bethany war gegen die schottische Unabhängigkeit, weil Großbritannien Stabilität und die EU versprach. Jetzt verliert sie genau das. Drei junge Schotten über ihre Heimat

In dieser Woche hat das schottische Parlament für ein neues Referendum zur Unabhängigkeit Schottlands votiert. Was fühlen junge Schotten? Fühlen Sie sich den Briten näher oder der EU?

"Warum sollten wir bleiben, wenn wir die versprochenen Vorteile nicht bekommen?"

Bethany Garry, 23, studiert in Glasgow und ist gerade auf Jobsuche.

Ich bin stolz, schottisch zu sein. Vor meinem achten Geburtstag habe ich mit meiner Familie in verschiedenen Teilen Europas gelebt, danach bin ich in Aberdeen aufgewachsen. Die Stadt ist sehr international, während ich dort lebte, bedeutete es mir viel, eine eigene nationale Identität zu haben. Für mich spielt schottische Geschichte eine große Rolle, was etwas ungewöhnlich ist. Aber rein geschichtlich gesehen ist es gar nicht so lange her, dass Schottland in den Augen vieler mehr mit anderen Teilen Europas als mit England gemeinsam hatte: Wir hatten eine ähnliche Sprache wie Irland, und haben uns oft besser mit Frankreich oder den Niederlanden verstanden als mit England. Und unsere Geschichte ist so unglaublich interessant!

Als ich jünger war, habe ich mit meinen Eltern Steinkreise aus der Zeit vor den Römern besucht. Und als Teenagerin habe ich als Fremdenführerin in einem Schloss mit geheimen Räumen gearbeitet, in denen früher Jakobiner vor den Engländern versteckt wurden. Es macht mich stolz, diese reiche Geschichte im Vergleich zu der Größe unseres Landes zu sehen.

Rein rational gesehen weiß ich, dass Länder keine Werte haben. Aber der irrationale Teil von mir verbindet positive Sachen wie harte Arbeit, Freundlichkeit und eine Intoleranz für Oberflächlichkeit mit Schottland. Und dann ist da Glasgow, wo ich studiere. Die Stadt ist mein Zuhause, sie hat mich willkommen geheißen und hier sind alle meine Freunde. Ich bin jetzt im letzten Jahr meines Bachelors in Geschichte und Religion, und auf Jobsuche.

Natürlich bin ich ehrgeizig und weiß, was ich am liebsten machen würde, aber der Arbeitsmarkt für Uniabsolventen ist so schwierig, dass ich mich mit so ziemlich allem zufrieden geben würde. Auch mit einem guten Abschluss, viel außeruniversitärem Engagement und Arbeitserfahrung ist es gerade sehr schwierig – in ganz Großbritannien. In Schottland ist die Arbeitssuche besonders kompliziert und obwohl ich gerne hierbleiben würde, werde ich im Zweifel den Jobangeboten hinterherziehen.

Das Referendum spielt bei meinen Zukunftsplänen allerdings eine große Rolle: Bei der letzten Abstimmung hing das Wahlrecht vom Wohnort ab. Wenn ich während eines zweiten Referendums in England wohnen würde, würde ich nicht wählen können. Das wäre komisch und es würde mir Angst machen, glaube ich. Schottland ist mein Zuhause und ich würde seine Zukunft nicht mitentscheiden können! Wenn ich einen Job in England oder Europa bekomme, werde ich ihn definitiv annehmen, aber ich würde mich weiter um Arbeit in Schottland bemühen. Gerade ist das alles sehr theoretisch, aber ich bin nicht die Einzige in meinem Freundeskreis, die sich darüber Gedanken macht.

Ich war noch nie so sehr für schottische Unabhängigkeit wie jetzt.

Unsere Geschichte mit England ist kompliziert und ich verstehe, warum viele Schotten Westminster misstrauen. Bevor wir unser eigenes Parlament hatten, haben Premierminister Schotten schrecklich behandelt, und besonders schottische Arbeiter haben unglaublich unter Margaret Thatcher gelitten.

In der Vergangenheit sind aus der Union mit England aber auch gute Dinge wie die BBC oder das britische Gesundheitssystem erwachsen. Um gegen schottische Unabhängigkeit zu stimmen, würde ich gerne wissen, an welchen Projekten wir in Zukunft arbeiten können. Welche Visionen gibt es für die Union?

Beim letzten Referendum habe ich trotzdem mit "Nein" gestimmt und es war eine unglaublich schwierige Entscheidung. Doch die EU war mir dabei sehr wichtig und ich kann mir vorstellen, dieses Mal mit "Ja" zu stimmen.

Ich war noch nie so sehr für schottische Unabhängigkeit wie jetzt, und ich bin wütend über Brexit und die politische Richtung, die England eingeschlagen hat: Die Politik ist ein absolutes Chaos, die Konservativen könnten noch zehn weitere Jahre an der Macht bleiben und alles ist rassistischer und nationalistischer geworden. In Schottland sind sich dagegen alle Parteien einig, dass wir mehr Geflüchtete aufnehmen und in der EU bleiben sollten.

Realistisch gesehen würde ein unabhängiges Schottland zwar etwas ärmer sein, aber das wird dank Brexit so oder so der Fall sein. Zumindest wären wir als unabhängiges Land weiter in der EU – ein europäisches Land, mit dem Euro und stärker in den Rest Europas integriert. Ich mache mir durchaus Sorgen, dass schlimmere Formen des Nationalismus als der der Scottish National Party, der SNP, aufkommen könnten.

Aber beim letzten Mal hieß es: "Es ist eine schwierige Entscheidung, im Vereinigten Königreich zu bleiben, aber wir können damit leben, weil es uns Stabilität und die EU gibt." Jetzt haben wir keine EU, wenig Stabilität und deutlich mehr Rassismus und Misswirtschaft seitens der englischen Regierung. Warum sollten wir Teil der Union bleiben, wenn wir die versprochenen Vorteile nicht bekommen?