Wir brauchen eine Politik für Junge, sagt Steffen Schuldis und tritt deshalb als Einzelkandidat zur Bundestagswahl an. Erfahrung hat er keine. Kann das funktionieren?

ZEIT Campus ONLINE: Herr Schuldis, ab Mitte Juni lassen Sie sich für drei Monate beurlauben, um bei der Bundestagswahl anzutreten – allein und ohne Partei. Warum machen Sie das?

Steffen Schuldis: Weil wir eine politische Kraft brauchen, die Politik für junge Menschen macht. Deren Interessen werden kaum berücksichtigt, weil junge Wähler eine Minderheit sind. An ihrem Wahlverhalten kann man ablesen, dass sie sich von der Politik abwenden. Die Parteienverdrossenheit ist ein großes Problem.

ZEIT Campus ONLINE: Wie bitte? Tausende junge Leute sind dieses Jahr in die SPD eingetreten oder schwenken Europafahnen in deutschen Innenstädten. Und im Saarland war die Wahlbeteiligung soeben so hoch wie seit 23 Jahren nicht mehr.

Schuldis: Das Pendel schlägt nur gerade in die andere Richtung aus. Das liegt an den Ereignissen von 2016 – den Wahlsiegen der AfD, Brexit und Trump – und an populären Kandidaten wie Martin Schulz. Das ist aber nur ein Trend. Viele junge Menschen beobachten, dass die starren Strukturen der Parteien nicht mehr zu ihrer Lebensrealität passen. Wenn sich die Umstände nicht ändern, werden sich bald wieder weniger Leute politisch engagieren.

ZEIT Campus ONLINE: Und was ist Ihre Lösung?

Schuldis: Wir brauchen für junge Leute flexible Angebote. Es muss möglich sein, wenn man sich nur einen oder zwei Tage engagieren will. Ämter von zwei Jahren funktionieren nicht mehr. Wir von Unsere Zukunft wollen da auch mit den Formaten experimentieren. Wenn ich bei der Wahl erfolgreich bin, wäre das ein ganz klares Zeichen an die junge Generation: Engagement lohnt sich. Wir wollen ein Impuls für andere sein.

ZEIT Campus ONLINE: Dafür sind Sie aber ganz schön schwer erreichbar. Zu Ihrer Bewegung habe ich im Netz nur mit Mühe Infos gefunden. Und auf Twitter hat Ihr Think Tank 372 Follower. Wie wollen Sie die Wähler erreichen?

Schuldis: Wir starten jetzt und mit dem, was wir haben. Eine Mitstreiterin arbeitet gerade an der Kommunikationsstrategie von Unsere Zukunft. Ich habe bis jetzt Vollzeit gearbeitet, da blieb vieles auf der Strecke. Ich weiß, dass man von einer Bewegung normalerweise mehr Aktivitäten erwartet. Aber wir wollten das nicht als Ausrede nehmen, nicht zu starten. Ende Mai soll alles soweit sein.

ZEIT Campus ONLINE: Haben Sie schon ein Wahlprogramm?

Schuldis: Nein, es gibt bisher nur Grundzüge eines Wahlprogramms. Wie gesagt: Wir starten jetzt erst richtig.

ZEIT Campus ONLINE: Mit welchen Themen wollen Sie denn um Stimmen kämpfen?

Schuldis: Mit allen, die zukunftsgerichtet sind. Zum Beispiel soziale Gerechtigkeit, über die gerade ja viel gesprochen wird. Martin Schulz will den Mindestlohn erhöhen. Die richtigen Fragen stellt er aber gar nicht: Was passiert, wenn durch Globalisierung und Digitalisierung Arbeitsplätze wegfallen? Was, wenn durch Rationalisierung Massenarbeitslosigkeit entsteht? Die Zukunft der Arbeit, Bildung, Europa, Mobilität. Diese Themen sind uns wichtig. In der aktuellen politischen Diskussion sehen wir sie nicht.

ZEIT Campus ONLINE: Ehrlich nicht? Die Themen werden doch bei allen Parteien behandelt.

Schuldis: Aber nicht zukunftsgerichtet. Nehmen Sie Mobilität. Stuttgart, wo ich kandidiere, war in dem Bereich mal eine Pionierstadt. Hier hat Graf Zeppelin vor über hundert Jahren das erste erfolgreiche Crowdfunding betrieben, um einen Zeppelin zu bauen. Heute ist Stuttgart alles andere als pionierhaft. Bei der Mobilität verwaltet die Stadt nur den Status quo, weil sie sich nicht traut, die Wirtschaft zu nötigen, die richtigen Angebote zur Verfügung zu stellen. Wir haben ein großes Problem mit Feinstaub. Die Lösung der aktuellen Regierung: Die Straßen absaugen und Moos aufstellen, um den Feinstaub aus der Luft zu filtern. Dabei wäre es viel besser, zum Beispiel auf intelligente Carpooling-Lösungen zu setzen. Aber mein Eindruck ist: Die Wirtschaft kann Forderungen an die Politik stellen und beeinflusst sie so in ihrem Sinne.