So reden Männer in der Gegenwart unserer Autorin über Frauen. Und die fühlt sich eingeschüchtert. Über den Prinz, seine Gang und die namenlosen Mädchen

Wäre mein Leben ein Liebesfilm, wäre mein heutiges Verhalten wahrscheinlich genau das typische, liebe, leicht-verwirrte Mädchen-Verhalten, das die Hauptrolle im Film an den Tag legt, während sie ihrem Schwarm begegnet. Und das letztendlich dazu führt, dass der Kerl sie total süß und liebenswürdig findet und sie unbedingt erobern will.

Und so betreibe ich unbeholfene Konservationen mit meinem seit ein paar Monaten neu deklarierten "Schwarm", vorzugsweise übers Wetter oder versuche, mich sinnvoll mit etwas anderem zu beschäftigen, sobald er da ist. Ich sortiere Pralinen aus, die sich in unserem Wohnzimmerschrank angehäuft haben, poliere Gläser die ich seit einem Jahr nicht benutzt habe oder rufe meine Großmutter an.
Im Film wäre ich wahrscheinlich über den Wohnzimmersessel gestolpert, hätte mir den Kopf gestoßen, der Möchtegernprinz hätte mich aufgesammelt, mir etwas zum Kühlen geholt, sich vor mich gekniet und das Eis wäre gebrochen gewesen.

Schade, dass mein Leben kein Liebesfilm ist, sondern einfach nur mein Leben und das verwirrte Rumgerenne durch die Wohnung keine liebenswürdige Eigenschaft, sondern einfach nur ziemlich peinlich.

Wer ist nun der Schuldige? Die Jungs, die ein unrealistisches Bild davon vermitteln, wie ein Mädchen zu sein hat oder sind es meine Selbstzweifel?

In der Realität ist mein Prinz einfach nur der beste Freund meines Mitbewohners, der auf dem Sofa saß, sich meine One-Man-Show angeschaut hat, bis ich schlussendlich, peinlich berührt, entschlossen habe, ein Drittel der vorhandenen Pfandflaschen in unserem Haushalt in viel zu kleinen Plastiktüten zum weitentferntesten Supermarkt zu schleppen, nur um der unangenehmen Situation zu Hause zu entgehen.

Warum mache ich das, obwohl er und ich wissen, dass ich eigentlich jetzt mit einer Schale Cornflakes und Leggings mit meinem Laptop im Bett chillen würde? Warum verhalte ich mich wie ein überdrehter Teenager, der ein Imageproblem hat und gerne schon erwachsen wäre. Authentizität? Fehlanzeige!

Vielleicht weil ich zu oft dabei war, als seine Freunde – alle Breakdancer – zu ihm sagten, dass er sein gutes Aussehen mal ausnutzen und endlich mal "eine klären sollte" und Diskussionen darüber "wer wie viele wegmacht" und "ob man sich die heute Abend noch gönnen sollte" in seinem Freundeskreis zum Alltag gehören.

Und auch wenn ich nicht aussehe wie die kleine Schwester von Jabba the Hutt, weiß ich, dass ich weder die Beckenmuskeln einer Tänzerin habe, noch ein Dekolleté, welches Männerträume wahr werden lässt.

Wer ist nun der Schuldige? Die Jungs, die in ihrer Gruppe, gepusht voneinander, ein unrealistisches Bild davon vermitteln, wie ein Mädchen zu sein hat, um gemocht zu werden, oder sind es meine Selbstzweifel, die mir den Weg zu einer tiefergehenden Beziehung verbauen?

Wie also kann ich mich selbst dermaßen auf mein Äußeres reduzieren?

Diese Zweifel und die Angst, zurückgewiesen zu werden, sorgen dafür, dass ich durch die Wohnung renne, als wäre ich auf Schatzsuche sobald er da ist. Weil ich in diesen Momenten nicht an die Vieraugengespräche denke, bei denen er mir offenbart hat, wie misstrauisch er Menschen gegenüber ist und für wie aufgesetzt er die Gesichter in der Gesellschaft hält oder wie er mir erzählte, dass er die Einstellungen der Jungs gegenüber Frauen größtenteils gar nicht teilt. Und trotzdem schlägt er, sobald sie zusammenkommen, doch wieder ihren Slang an und feiert über "dicke Titten" und einen "nicen Ass". 

Während ich diese Zeilen schreibe, möchte ich am liebsten mit der flachen Hand gegen meinen Kopf schlagen. Eigentlich halte ich mich für eine starke Persönlichkeit, die dazu bereit ist, ihre Meinung zu vertreten. Wie also kann ich mich selbst dermaßen auf mein Äußeres reduzieren, dass ich meine Persönlichkeit für so unbeachtenswert halte und mich somit als nicht-datebar klassifiziere?

Objektiv betrachtet stehe ich mir selbst im Weg, sollte über dem stehen, was andere Leute sagen. Genauso objektiv betrachtet lebe ich aber in einer Welt, in der so ein unrealistisches Bild einfach abgenickt oder zumindest still bestätigt wird. In der es absolut normal ist, ein Mädchen nur auf ihr Äußeres zu reduzieren, weil das Einzige, zu dem sie anscheinend über kurz oder lang zu gebrauchen ist, Sex ist.