Bei Protesten gegen rechts wird blockiert statt diskutiert, gelegentlich auch mit Gewalt. Aber ist das okay? Zwei Wissenschaftler und ein Polizist antworten.

Am Tag von Trumps Amtseinführung wurde ein Faustschlag ins Gesicht zum Witz des Tages: Während eines Interviews wurde dem bekannten US-Neonazi Richard Spencer von einem Passanten ins Gesicht geschlagen. Im Internet verbreitete sich das Video, in einer Version singt Miley Cyrus parallel zum Schlag "I came in like a wrecking ball". Tausenden gefiel der Faustschlag, viele lachten über ihn. Gelten gegen Rechte auf der Straße andere Regeln?

Vergangenes Wochenende demonstrierten viele gegen den Bundesparteitag der AfD in Köln, einige versuchten, ihn zu blockieren. Im Januar verhinderten einige Studenten erfolgreich einen Auftritt des AfD-Vorsitzenden von Sachsen-Anhalt, durch lautes Applaudieren. Aber es flogen auch Böller. Wie weit darf Protest gegen rechts gehen? Darf man den politischen Gegner blockieren, durch lautes Applaudieren am Sprechen zu hindern oder ihn sogar angreifen?

Um das herauszufinden, haben wir drei Forscher befragt, die sich beruflich mit Protest beschäftigen. Die Sozialpsychologin Julia Becker erklärt, warum Proteste eskalieren und ob Konfrontation eine sinnvolle Strategie für Demonstranten ist.

"Das Ziel lautet nicht, die AfD einzuschüchtern"

ZEIT Campus ONLINE: Frau Becker, wieso zünden Demonstranten Autos an?

Becker: Aus psychologischer Sicht kann ich sagen: Für Leute aus der Mittelschicht ist es einfach, Demonstrationen zu organisieren, sie finden schnell Gehör. Es gibt aber auch Gruppen, die in unserer Demokratie zu wenig berücksichtigt werden. Sie haben das Gefühl, egal was sie machen, nichts verändern zu können. Unsere Forschung zeigt, dass Menschen gerade in dieser Situation zu radikalen Maßnahmen greifen.

ZEIT Campus ONLINE: Studenten sind nicht gerade hilflos oder unterdrückt, demonstrieren und blockieren aber besonders gerne. Wieso nutzen sie nicht andere Mittel als den Protest?

Becker: Das könnten sie natürlich. Es ist allerdings so, dass man besonders durch Protest Dinge bewegen kann. Nehmen wir zum Beispiel die Studiengebühren: Wenn da ein paar Studenten in der ZEIT einen Aufsatz veröffentlicht hätten, hätte das nicht den gleichen massiven Effekt gehabt, wie wenn in ganz vielen Studentenstädten die Leute auf die Straße gehen und den Universitätsalltag blockieren.

ZEIT Campus ONLINE: Und wenn Studenten einen Hörsaal blockieren, zum Beispiel um zu verhindern, dass ein AfD-Politiker dort spricht, ist das noch legitimer Protest?

Becker: Wenn man Studierende befragt, sagen die meisten Ja, bei der Gesamtbevölkerung ist das gemischter. Meine persönliche Meinung zu dem Thema ist: Sobald Menschen beginnen, menschenverachtende Propaganda zu verbreiten, ist es aus meiner Sicht legitim, dagegen zu protestieren.

ZEIT Campus ONLINE: Die AfD würde das anders sehen, sie beruft sich auf die Redefreiheit.

Becker: Ja, aber ihre Inhalte schüren Rassismus. Man kann Rechtspopulismus und -extremismus nicht gleichsetzen mit linken radikalen Positionen, weil nur im rechten Lager bestimmte Gruppen massiv abgewertet oder bedroht werden.

ZEIT Campus ONLINE: Welchen Effekt haben solche Blockaden auf den Blockierten?

Becker: Meistens schließt sich die Gruppe enger zusammen, wenn sie sich bedroht fühlt. Das kann dazu führen, dass sich bestimmte Positionen zementieren. Man muss aber auch das gesamte Feld sehen.

ZEIT Campus ONLINE: Was heißt das?

Becker: Bei solchen Blockaden muss man über den Hörsaal hinausschauen: Das Ziel ist meistens nicht, den AfD-Politiker am Sprechen zu hindern oder die AfD einzuschüchtern. Es geht darum, die Bevölkerung auf ein Problem aufmerksam zu machen und im besten Fall Zustimmung zu gewinnen.

ZEIT Campus ONLINE: Sie haben eben erwähnt, dass solche Blockaden von der Gesellschaft auch kritisiert werden. Geht das dann nicht nach hinten los?

Becker: Klar kann das passieren, zum Beispiel wenn der AfD-Politiker mit Gegenständen beschmissen oder wenn er körperlich angegriffen wird. Dann kann die Unterstützung verschwinden, aber das passiert nicht, wenn einfach friedlich ein Hörsaal blockiert wird.