Die jungen Franzosen sind ärmer als ihre Eltern und frustriert. Nur der Front National erkenne das an, sagt der Soziologe Louis Chauvel. Das mache ihn so gefährlich.

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ZEIT Campus ONLINE: Herr Chauvel, fast jeder vierte Franzose unter 25 ist arbeitslos. Ist das eine verlorene Generation?

Louis Chauvel: Verloren nicht, noch nicht. Aber es ist eine desillusionierte und frustrierte Generation. Zunächst aber zu der Zahl: Nicht jeder vierte Franzose unter 25 ist arbeitslos, sondern jeder vierte derer, die im Arbeitsmarkt sind – also nicht studieren oder aus anderen Gründen nicht arbeiten. Nichtsdestotrotz ist das ein riesiges Problem: Die Jugendarbeitslosigkeit in Frankreich ist mehr als dreimal so hoch wie in Deutschland. Neben der generellen Jugendarbeitslosenquote ist vor allem die Quote derer wichtig, die ein Jahr nach ihrem Uniabschluss noch keine Arbeit gefunden haben. Und auch diese liegt bei 25 Prozent. In den Siebzigern lag sie nur bei fünf Prozent.

Diese jungen Menschen sind gut ausgebildet, aber viele von ihnen finden keine Jobs. Und wenn, sind sie befristet oder schlecht bezahlt. Frankreich gleitet immer mehr ab in Richtung der südeuropäischen Länder, in denen ein Uniabschluss nötig ist, um einen schlecht bezahlten Job zu bekommen. Diese jungen Menschen sind die Nachfolger der Baby-Boomer, ich nenne sie die Baby-Loser.

ZEIT Campus ONLINE: Wie fühlen sich diese Baby-Loser?

Chauvel: Die Arbeitslosigkeit ist für diese jungen Franzosen eine ständige Bedrohung. Ich treffe durch meine Arbeit viele deutsche Studenten, für die Arbeitslosigkeit immer auch ein Risiko ist, aber keine elementare Angst, die die Psyche so belastet wie bei französischen Absolventen. Diese sind von einem großen gesellschaftlichen Abstieg betroffen, was ich die "Spirale der Deklassierung" nenne.

ZEIT Campus ONLINE: Was meinen Sie damit?

Chauvel: Vier Faktoren sind Teil dieser Spirale: Arbeitslosigkeit, Prekarisierung nannte ich schon. Dazu kommen niedrige Gehälter und fehlende politische Repräsentation. Die Baby-Loser verdienen weniger als ihre Eltern damals – um dasselbe Einkommensniveau zu erreichen, müssen sie zweieinhalb Jahre länger studieren, einen höheren Abschluss erwerben. Es gibt eine große Umfrage in Frankreich, die seit Jahrzehnten gemacht wird. Dort wird eine einfache Frage gestellt: Verglichen mit Ihren Eltern, bewerten Sie ihre Situation als besser oder schlechter? Und seit Jahren wächst der Anteil derer, die angeben, dass sie schlechter gestellt sind als ihre Eltern. Früher lag der Anteil bei 45 Prozent, heute ist er bei über 60 Prozent.

Und dabei geht es nicht nur darum, ob Sie sich einen schnellen Computer leisten können, sondern es geht um existenzielle Werte des bürgerlichen Lebens: eine Wohnung zum Beispiel. Die Jungen können sich keine Wohnung kaufen, die ihre Eltern sich in ihrem Alter leisten konnten. Und schließlich sind immer weniger junge Franzosen in den Gewerkschaften oder der Politik aktiv. So werden ihre Interessen nicht vertreten und ihre Probleme nicht gelöst. Das führt zu einer Spaltung zwischen ihnen und dem politischen Establishment.

In den Medien, in der Literatur, in der öffentlichen Debatte sprechen Alte mit Alten über die Probleme der Alten.
Louis Chauvel

ZEIT Campus ONLINE: Von dieser Spaltung zwischen Politik und Gesellschaft ist überall in Europa und auch den USA die Rede, was ist so besonders an Frankreich?

Chauvel: Dass es seit etwa 30 Jahren keine Erneuerung des politischen Establishments gibt. Die Abgeordneten sitzen jahrzehntelang im Parlament. Nehmen Sie den konservativen Präsidentschaftskandidaten François Fillon: Der sitzt seit 1981 in der französischen Nationalversammlung, damals war er 27. Mit einigen Pausen durch Ämter war er bis 2007 Abgeordneter, das sind 26 Jahre. Und er ist keine Ausnahme. Dadurch werden die gesellschaftlichen Probleme und Spannungen, die vor allem die Jungen täglich erleben, nicht im politischen Personal abgebildet und von den Eliten nicht wahrgenommen. Aber nicht nur politisch, auch kulturell und intellektuell spielt das Leben junger Menschen in der französischen Gesellschaft fast keine Rolle: In den Medien, in der Literatur, in der öffentlichen Debatte sprechen Alte mit Alten über die Probleme der Alten.

ZEIT Campus ONLINE: Wie gehen die Jungen damit um?

Chauvel: Sie distanzieren sich vom politischen Prozess: Die Beteiligung der unter 35-Jährigen bei Wahlen und in Parteien ist sehr gering im Vergleich zu den Älteren. Die engagieren sich viel in allen Institutionen der Zivilgesellschaft, die durch Debatte geprägt ist: Sie nehmen an Veranstaltungen und am politischen Leben in ihren Städten und Dörfern teil. Die jungen distanzieren und radikalisieren sich: Die jungen Franzosen findet man im extrem linken oder Umweltspektrum. In der antifaschistischen Bewegung gibt es viele Junge oder in der extremen Linken von Kommunisten wie Jean-Luc Mélenchon. Das ist die eine Seite. Die andere Seite, die als einzige eine politische Erneuerung verspricht, ist der Front National. Das spricht viele Jungen an.

Bereits an den Vornamen erkennen Sie diese große kulturelle Spaltung der französischen Gesellschaft.

ZEIT Campus ONLINE: Der Gründer des Front National, Jean-Marie Le Pen, war 39 Jahre dessen Vorsitzender. Und gerade diese Partei zieht jetzt die Jungen an?

Chauvel: Seine Tochter, Marine Le Pen, hat die Partei enorm verjüngt, seit sie 2011 Vorsitzende wurde. Früher bestand der Front National vor allem aus alten Nostalgikern, Antisemiten und Radikalen. Aber seit wenigen Jahren gibt es dank ihr eine Erneuerung der Basis: eine sehr motivierte Gruppe junger Menschen, die sich in der Partei engagieren und sehr motivierte junge Wähler. Es gibt beim FN nur wenige Figuren, die öffentlich sichtbar auf der nationalen Bühne auftreten, wie Marine Le Pen, aber dahinter gibt es in allen Regionen Frankreichs eine junge nachwachsende Generation, die sehr motiviert sind. Was diese Leute auszeichnet, sind ihre Vornamen.

ZEIT Campus ONLINE: Ihre Vornamen?

Chauvel: Ja. Die heißen zum Beispiel "Steeve" oder "Mylène". Es gibt eine Namenssoziologie in Frankreich, die eine lange Tradition hat. Die kulturellen und politischen Eliten tragen und verwenden für ihre Kinder bestimmte Vornamen, an denen Sie erkennen, ah, der gehört zur gehobenen Schicht. Die Kandidaten des Front National heißen nicht so, das sind relativ neue Namen, die die untere Mittelschicht verwendet, eben wie "Steeve". Sie werden in Frankreich keinen Hochschulprofessor oder hohen Beamten mit diesem Namen finden. Bereits an den Vornamen erkennen Sie diese große kulturelle Spaltung der französischen Gesellschaft.

ZEIT Campus ONLINE: Und was begeistert die Jungen am Front National?

Chauvel: Vor allem in den Gebieten abseits der großen Metropolen wie Paris bietet der FN jungen Menschen politische Aufstiegschancen. Ein Beispiel ist die Stadt Hayange, eine alte Industriestadt, die immer eine starke Gewerkschaftsbewegung hatte. Deren Bürgermeister, Fabien Engelmann, kommt selber aus einer sehr linken Gewerkschaftsfamilie und ist mit 37 sehr jung für die französische Politik. Menschen wie er hätten sonst politisch keine Chance, in dem Alter bereits Bürgermeister zu sein, aber der FN gibt ihnen diese Möglichkeit. Insbesondere in Gebieten, die früher durch Industrie oder Bergbau geprägt waren, gibt es viele Menschen, deren Kinder sich politisch an den Rand gedrängt fühlen, weil sie niemand anspricht. In der französischen Umgangssprache sagt man "raz le bol": Die Leute haben die Nase voll.

Der FN gibt ihnen die Möglichkeit, aufzusteigen, ohne sich mit den alten kommunistischen Herren herumschlagen zu müssen.

ZEIT Campus ONLINE: Und warum gehen die dann lieber zum Front National anstatt Kommunisten zu bleiben wie ihre Eltern?

Chauvel: Weil die französische Linke immer noch stark geprägt ist von der 68er-Generation und dort ebenfalls keine politische Erneuerung stattgefunden hat. Jean-Luc Mélenchon etwa wurde im Mai 1968 mit 17 Jahren zu einem lokalen politischen Anführer. Dieses Profil findet sich sehr oft in der Linken in Frankreich, selbst in der Nationalversammlung, wo viele 70-Jährige sitzen, die vor 50 Jahren junge Aktivisten waren. Ähnlich war es auch bei der Bewegung Nuit Debout – da gab es viele Junge, aber ein großer Teil bestand aus den alten Linken, die seit Jahrzehnten die französische Politik beherrschen.

Gleichzeitig ist es so, dass das wirtschaftspolitische Programm des FN sich nicht sehr stark unterscheidet von dem, was die extreme Linke fordert: Frexit, den Euro verlassen, die Grenzen für importierte Waren schließen, massive Verschuldung. Viele junge Deklassierte sind also in linken, sehr linken oder gewerkschaftstreuen Haushalten aufgewachsen und merken, dass sie nicht mehr den Wohlstand ihrer Eltern erreichen können. Der FN gibt ihnen die Möglichkeit, aufzusteigen, ohne sich mit den alten kommunistischen Herren herumschlagen zu müssen. Und die politische Elite in Frankreich erkennt die Probleme dieser Menschen nicht.