Von den Jusos könnte die CDU noch lernen, wie man Wahlkampf gegen Sozialdemokraten führt. Auf Facebook lernt man den Nachwuchs von der Linken bis zur AfD wirklich kennen.

Wahlprogramme lesen? Lohnt sich eher nicht. Parteien lernt man besser kennen, indem man sich ihre Jugendorganisationen ansieht. Bei ihnen gibt es noch Politik ohne Schweigefuchs: Sie schimpfen unzensiert auf alles was heilig ist – Jesus, den Feminismus oder den #Gottkanzler – und wenn sich davon zu lange niemand provoziert gefühlt hat, dann sorgen sie eben selbst für den Shitstorm.

Dafür brauchen sie keine öden Wahlprogramme, sondern nur eine Plattform: Facebook. Hier umgarnen sie junge Wähler mit Gifs und grellen Slogans und tippen, filmen, photoshoppen, was die Smartphone-Sucht begehrt. Ein Blick in die Welt, in der Grumpy Cat gegen das Patriarchat kämpft und der Nachwuchs der AfD Drehbücher für den Tatort schreibt.

Die Junge Union: Konrad Adenauer und Katzenbabys

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Wer könnte die Seite betreuen? JU-Muster-Praktikant Julius. Er ist der einzige Mensch auf der Welt, der "Frau Dr. Angela Merkel" sagt – meist bewundernd, manchmal sogar, nach drei Schampus, mit ironischem Unterton. Wenn er in den Urlaub fährt, liegen im Koffer Hemden in Babyblau, Babyrosa und Babyweiß. Das Dampfbügeleisen mit Kabelknickschutz und Antikalkkollektor muss auch mit, er will auf dem Kreuzfahrtschiff ja nicht aussehen wie ein ungebügelter Anarchist.

Botschaft: Bei uns ist die Welt noch in Ordnung: Die Unionsparteien verstehen sich blendend, Konrad Adenauer schwebt als Über-Ich durch die Facebookseite und süße Katzenbabys haben wir auch zu bieten. Wir sind jung und frech, aber nicht zu sehr (man muss schließlich an die Karriere denken).

Typischer Post: Nur echt mit Kruzifix im Hintergrund.

Schlimmster Shitstorm: Den verdankt die JU ihrer Ortsgruppe in Münster, die 2012 ein Foto auf Facebook veröffentlichte. JU-Mitglieder posierten darauf gemeinsam mit Burschenschaftern vor einer schwarz-rot-weißen Flagge des Deutschen Reiches. Über Tausend Kommentare beschwerten sich unter dem Post über das Foto. Die JU Münster reagierte mit einer Stellungnahme, in der sie sich als Opfer einer "Hetzjagd" bezeichnete. Inzwischen überlässt sie solche Aktionen aber großzügig der Jungen Alternative.

Lieblings-Hashtag: #gottkanzler – die JU ist äußerst empört darüber, dass Martin Schulz nicht über Wasser laufen kann. Dieser Empörung machte sie mit einer auf Facebook stolz dokumentierten Aktion Luft: Bei einem Sonderparteitag der SPD stellten sie sich am anderen Spree-Ufer auf, mit einem Banner auf dem stand: "Hey #Gottkanzler! Wenn du über Wasser laufen kannst, komm rüber!" Das können Seehofer und Merkel auch nicht, aber unter Konservativen nennt man das dann mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen stehen.

Bevorzugtes Meme: So oft wie die JU Fotos ihres Vorsitzenden Paul Ziemiak postet drängt sich der Eindruck auf, sie wolle ihn zu einem eigenen Meme machen: Ziemak redet #klartext, Ziemak will "keine Abschiebebehindernisse", Ziemak hat seine Wohnung aufgegeben und schläft auf Talkshow-Sofas, denn er ist eh ständig dort.

Auf diesen Plattformen sind ihre Fans wahrscheinlich auch zu finden: Mit Sozialen Netzwerken hat es die JU nicht so, klingt schon zu sehr nach Sozialismus.

Bester Feind: Cannabis. Die Junge Union unterstellt den Linken, von dem Thema besessen zu sein und malt sich Horrorszenarien aus, die bei einer Legalisierung eintreten könnten. Oft. Sehr oft. Man könnte fast sagen: Sie sind besessen davon.  

Wer das mag, dem gefällt auch: den Style von BWL-Justus, Helene Fischer – und die Bild-Zeitung, deren Artikel von der JU besonders gerne auf Facebook geteilt werden. "Manche Dinge sprechen einfach für sich: 'Pleite-Griechen würden Schulz wählen', schreibt die Bild-Zeitung heute". Das hat gesessen!